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„Nützlich und gut zu lesen“ – die Apokryphen der Lutherbibel. TEIL 2

Die Apokryphen in der Lutherbibel 2017

Von Martin Rösel

Bei den Apokryphen, wörtlich „die Verborgenen“ handelt es sich um Schriften, die zwischen dem dritten und ersten Jahrhundert vor Christus und damit nach den anderen Büchern des Alten Testaments entstanden sind. Sie werden deshalb bisweilen auch als „Spätschriften des Alten Testaments“ bezeichnet und umfassen unter anderem Geschichtsbücher, poetische Bücher und Weisheitsliteratur. Ihr Status innerhalb der alttestamentlichen Gesamtauswahl ist umstritten. Während das Judentum und die Kirchen der Reformation die Apokryphen als nicht gleichberechtigt ansehen, gelten sie in der katholischen Kirche als Teil des Schriftenkanons und werden auch als „deuterokanonische Schriften“ bezeichnet. Teil 1 zeigte, wie es zu dieser speziellen Stellung der Apokryphen „zwischen den Testamenten“ gekommen war und welchen Herausforderungen das Übersetzungsteam Martin Luthers gegenüberstand. Doch was bedeutet der „Sonderfall Apokryphen“ für die aktuelle Revision 2017?

Als der Rat der EKD beschloss, anlässlich des 500. Reformationsjubiläums eine neue Durchsicht der Lutherbibel zu beauftragen, stellte sich die Lage bei den Apokryphen als besonders kritisch dar. Aus den in Teil 1 genannten Gründen konnte ihre Übersetzung nicht mehr überzeugen: sie war sprachlich uneinheitlich und beruhte zum Teil auf späten, lateinischen Texten. Hinzu kam, dass sich die Revisionen des 19. und 20. Jahrhunderts wegen der allgemeinen Abwertung der Apokryphen keine besondere Mühe mit diesen Schriften gegeben hatten. Den Überarbeitern der Ausgabe von 1970 war zwar der Problembestand bewusst. Doch statt konsequent die besten vorhandenen Textausgaben zu nutzen, nahmen sie nur sprachliche Retuschen vor. Das führte dazu, dass die Apokryphen der Lutherbibel kaum noch gelesen wurden und im wissenschaftlichen Gespräch gar nicht mehr zu nutzen waren.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Parallel dazu hatten sich aber die Apokryphen in ganz neuer Weise als „nützlich und gut zu lesen“ erwiesen: Im Gefolge der Textfunde in der judäischen Wüste bei Qumran und auf Masada war deutlich geworden, wie vielfältig das Judentum um die Zeitenwende war. Das Bild von der jüdischen Religion zu der Zeit Jesu wurde sehr viel facettenreicher – und damit auch das Bild von den Anfängen des Christentums. Außerdem wurden in Qumran auch hebräische und aramäische Texte einiger apokrypher Bücher gefunden, die das Wissen um die Vorgeschichte dieser Schriften deutlich erweiterte.

So wurde auf neue Weise deutlich, was eigentlich schon immer hätte klar sein müssen: Die Apokryphen schließen eine wichtige Lücke zwischen den Überlieferungen Israels und denen der jungen Christenheit. Ihr von Luther zugewiesener Platz „zwischen den Testamenten“ war sachlich sehr angemessen. Sie zu kennen, erleichtert das Verständnis des Neuen Testaments auf vielfältige Weise.

Vor diesem Hintergrund beschloss der Rat der EKD einen der größten Einschnitte in der Geschichte der Lutherbibel. Erstmals wurden ganze Bücher neu übersetzt, namentlich die Bücher Judith, Tobit, Jesus Sirach, 1. Makkabäer, das Gebet des Manasse und einige der Zusätze zu Esther. Sie wurden nun aus dem Griechischen übersetzt, Grundlage war die international akzeptierte Standard-Textausgabe, die „Göttinger Septuaginta“. Die Übersetzer/innen bemühten sich dabei, den besonderen Stil der Luthersprache nachzuempfinden, damit diese Bücher nicht als Fremdkörper auffallen. So dienten die vorhandenen Übersetzungen als Muster, und wo immer es wissenschaftlich zu vertreten war, wurden Teile der vorhandenen Texte beibehalten.

Neue Textteile, neue Verszählung

Eine wichtige Forderung des Rats der EKD war, dass diese neuen Übersetzungen auch parallel mit früheren Bibelausgaben benutzbar sein sollten. Daher findet man in den neuen Übersetzungen in vielen Fällen zusätzliche Versangaben in Klammern, so dass die entsprechenden Abschnitte in alten Ausgaben wiedergefunden werden können. In manchen Fällen waren aber die Abweichungen so groß, dass Fußnoten gesetzt wurden, die das Problem erklären. Eine weitere Besonderheit gibt es im Buch Jesus Sirach. Hier existieren zwei verschiedene griechische Textausgaben, von denen die kürzere wohl die ältere ist, der später erweitert wurde. In der Lutherbibel wird künftig der längere Text die Grundlage sein, wobei die Zusätze des Langtextes in eckige Klammern gesetzt werden. So ist das Textwachstum leicht nachzuvollziehen.

Neben den genannten Büchern gibt es auch Schriften, die schon bisher aus dem Griechischen übersetzt worden waren. Sie mussten folglich nicht neu übersetzt werden, sondern wurden wie alle anderen Bücher der Bibel von Fachleuten durchgesehen und korrigiert. Auch dabei wurde besonderer Wert auf eine einheitliche Sprachgestalt gelegt. Als Ergebnis liegt nun in „Luther 2017“ eine wissenschaftlich fundierte, literarisch anspruchsvolle Verdeutschung der Apokryphen vor, die dazu einlädt, den Reichtum der jüdischen Literatur zwischen den Testamenten zu entdecken.


Dieser Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung des gleichnamigen Artikels, der in folgendem Band erscheinen wird: „Die Bibel Martin Luthers. Ein Buch und seine Geschichte“, hrsg. v. Margot Käßmann und Martin Rösel, Deutsche Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, ISBN 978-3-438-06275-8, Preis:24,80 (voraussichtlicher Erscheinungstermin: September 2016).


LITERATUR:

  • Klaus D. Fricke, Probleme und Stand der Revision der Apokryphen der Lutherbibel, in: K.D. Fricke/S. Meurer (Hg.), Die Geschichte der Lutherbibelrevision von 1850 bis 1984, Stuttgart 2001, 197–217.
  • Siegfried Meurer (Hg.), Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont, Stuttgart 21993.
  • Martin Rösel, Die Durchsicht der Apokryphen in der Lutherbibel 2017, in: M. Lange/M. Rösel (Hg.): „Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei“. Die Lutherbibel und andere deutsche Bibelübersetzungen, Stuttgart 2014, 247–271.

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