Sprachwahl: DE EN
Sprachwahl: DE EN

„Nützlich und gut zu lesen“ – die Apokryphen der Lutherbibel. TEIL 1

Die Apokryphen in Luthers Bibelübersetzung

Von Martin Rösel

„Apocrypha. Das sind Bücher: so nicht der heiligen Schrift gleich gehalten: und doch nützlich und gut zu lesen sind.“ Wer in einer alten Ausgabe der Lutherbibel das Neue Testament nach Maleachi, dem letzten prophetischen Buch des Alten Testaments sucht, macht eine Entdeckung. Statt des Matthäusevangeliums findet sich ein ganz neuer Abschnitt, die Sammlung der Apokryphen. Sie wird mit der hier wiedergegebenen Überschrift eingeleitet, darauf folgt nur eine Inhaltsübersicht. Es wird nicht erklärt, warum diese Bücher der heiligen Schrift nicht gleich gehalten werden, und man erfährt auch nicht, warum ihre Lektüre nützlich sein soll. Hinzu kommt: Je nachdem, welche Ausgabe der Lutherbibel man heute aufschlägt, kann dieser Teil der Apokryphen auch ganz fehlen. Sind sie also doch nicht nützlich, sondern entbehrlich?

Schlägt man in einer katholischen Bibel nach, ist das Bild wieder ein anderes: Zwar gibt es hier keinen eigenen Teil der „Apokryphen“, aber die Bücher um die es geht, sind doch Teil der Bibel. Sie sind allerdings nicht separat ans Ende gestellt worden, sondern wurden in die Reihung der anderen alttestamentlichen Bücher eingeordnet, entweder zu den historischen oder zu den weisheitlichen Schriften. Was also sind diese „Apokryphen“, was macht ihre Besonderheit aus, dass sie so unterschiedlich behandelt werden können?

Bei den „Verborgenen“, wie die Apokryphen wörtlich übersetzt heißen, handelt es sich um Schriften, die zwischen dem dritten und ersten Jahrhundert vor Christus und damit nach den anderen alttestamentlichen Büchern entstanden sind. Sie werden deshalb bisweilen auch als „Spätschriften des Alten Testaments“ bezeichnet und umfassen eigenständige Bücher, aber auch Zusätze zu anderen alttestamentlichen Schriften wie den Büchern Daniel und Esra.

Hinwendung zu den Originalschriften

In der Reformationszeit wurde der unterschiedliche Umfang der Bibelausgaben auf einmal zum Problem – immerhin nach fast 1500 Jahren, in denen kaum je Anstoß an den apokryphen Büchern genommen wurde. Hintergrund dessen war die Bewegung des Humanismus – der geistigen Strömung der Renaissance-Zeit – der im 15. Jahrhundert einsetzte. Hier wurde gefordert, dass man sich bei der Beschäftigung mit den großen Philosophen und Dichtern der Antike auf die lateinischen oder griechischen Originalschriften stützen solle. Wahrscheinlich durch Erasmus von Rotterdam wurde dieses Programm im Jahr 1511 zu dem Ruf „ad fontes!“ (zu den Quellen!) prägnant zusammengefasst.

Martin Luther und Philipp Melanchthon (der als Humanist sogar seinen eigenen Namen „Schwartzerdt“ ins Griechische übersetzt hatte) nahmen diesen Ruf auf. So wurde es zu einer der grundlegendsten Maßnahmen der Reformatoren, die neue Bibelübersetzung auf die hebräischen und griechischen Textausgaben des Alten und Neuen Testaments und nicht mehr auf die lateinische Vulgata zu stützen. Das hätte nun eigentlich Konsequenzen für die Anzahl und Anordnung der kanonischen biblischen Bücher haben müssen, denn wenn das Hebräische als Sprache des Alten Testaments zur Geltung kommen soll, hätten eigentlich die apokryphen Bücher ausgeschlossen werden müssen.

Neuordnung und Bedeutungsverlust

Doch Luther entschied, dass einige der nicht in der hebräischen Bibel enthaltenen Apokryphen doch in seine Übersetzung aufgenommen werden sollen – eben weil sie nützlich und gut zu lesen sind. Er akzeptierte Judith, das Buch der Weisheit, Tobit, Jesus Sirach, Baruch, das 1. und 2. Makkabäerbuch und die Zusätze zu Ester und Daniel. Andere Bücher, etwa das 3. und 4. Buch Esra wurden nicht aufgenommen. In dem einen gebe es nichts, das nicht besser bei Aesop nachgelesen werden könne; im anderen gebe es sonderbare Träume, so das Urteil Luthers. Zusätzlich fand noch das Gebet des Manasse Aufnahme. Es gilt jedoch nicht als Buch – daher findet es sich auch nicht in dem oben wiedergegebenen Inhaltsverzeichnis –, sondern es dient als Gebet zum Abschluss des Alten Testaments.

Luthers Einschätzung, dass die Apokryphen den hebräisch verfassten Büchern nicht gleich zu halten seien, führte zur Trennung der Apokryphensammlung von den anderen Büchern des Alten Testaments. Der Reformator schuf damit eine neue kanonische Rangordnung, durch die die spätere Abwertung der Apokryphen im Protestantismus eingeleitet wurde. In den katholischen Bibelausgaben blieb es bei der bisherigen Anordnung der Bücher nach sachlich-inhaltlichen Gesichtspunkten. Hier werden diese Spätschriften des Alten Testaments auch nicht als „apokryph“ bezeichnet. Stattdessen werden sie als „deuterokanonisch“ eingeschätzt. Das lässt sich ebenfalls als Werturteil verstehen, ist aber vor allem als Hinweis auf ihre spätere Entstehung gemeint.

Übersetzung durch Luthers Mitarbeiter

Die Apokryphen in der Lutherbibel haben noch eine weitere Besonderheit, die Konsequenzen bis in die Gegenwart hatte: Luther hat nur sehr geringe Teile dieser Schriften selbst übersetzt. Sicher ist sich die Forschung nur bei einigen Kapiteln von Jesus Sirach und bei der Weisheit Salomos. Die anderen Bücher hatten vor allem Philipp Melanchthon und Justus Jonas ins Deutsche übertragen. Grund dafür waren wohl die Überarbeitung und der angegriffene Gesundheitszustand des Reformators. Außerdem gab es eine Konkurrenz der Bibelübersetzungen; die Zürcher Bibelübersetzer hatten schon vor den Wittenbergern die erste Vollbibel auf den Markt gebracht, so dass man unter Zugzwang war.
 
Daher ließ das Ergebnis aus heutiger Perspektive zu wünschen übrig: In ihrer Eile hatten die Übersetzer den eigenen Grundsatz des „ad fontes“ hintangestellt und bei einem Teil der Bücher die lateinische Bibel zugrunde gelegt, obwohl die griechische Version die ältere und bessere gewesen wäre. Hinzu kam, dass offenbar für die sorgfältige Redaktionsarbeit die Zeit fehlte, die man bei den anderen Büchern von NT und AT investiert hatte. Deshalb sind die Apokryphen sprachlich uneinheitlich, und es fällt auf, dass an vielen Stellen statt des typischen Lutherklangs das nüchternere Lehrerdeutsch Melanchthons vorherrscht. Luther selbst erwähnte in seinen Tischreden, dass er mit diesem Verfahren nicht zufrieden war. Dennoch, bei dieser Version der Apokryphen blieb es, trotz aller Probleme.


Dieser Beitrag ist eine stark gekürzte Fassung des gleichnamigen Artikels, der in folgendem Band erscheinen wird: „Die Bibel Martin Luthers. Ein Buch und seine Geschichte“, hrsg. v. Margot Käßmann und Martin Rösel, Deutsche Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, ISBN 978-3-438-06275-8, Preis:24,80 (voraussichtlicher Erscheinungstermin: September 2016).


LITERATUR:

  • Klaus D. Fricke, Probleme und Stand der Revision der Apokryphen der Lutherbibel, in: K.D. Fricke/S. Meurer (Hg.), Die Geschichte der Lutherbibelrevision von 1850 bis 1984, Stuttgart 2001, 197–217.
  • Siegfried Meurer (Hg.), Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont, Stuttgart 21993.
  • Martin Rösel, Die Durchsicht der Apokryphen in der Lutherbibel 2017, in: M. Lange/M. Rösel (Hg.): „Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei“. Die Lutherbibel und andere deutsche Bibelübersetzungen, Stuttgart 2014, 247–271.

Angebote im Shop

Die Apokryphen der Lutherbibel

34,00 €

versandkostenfreie Lieferung ab 19,00€

Lutherbibel revidiert 2017 - Jubiläums­ausgabe

25,00 €

versandkostenfreie Lieferung ab 19,00€

Bücher, so nützlich und gut zu lesen sind

2,00 €

versandkostenfreie Lieferung ab 19,00€

BIBELDIGITAL Die Lutherbibel 2017

15,00 €

versandkostenfreie Lieferung ab 19,00€

Lutherbibel revidiert 2017 - Die Standard­ausgabe

25,00 €

versandkostenfreie Lieferung ab 19,00€

Jetzt anmelden

Ich habe bereits ein Nutzerkonto:

Einloggen mit Ihrer E-Mail Adresse und Passwort.

Passwort vergessen?