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Dem Volk aufs Maul sehen - Luthers Übesetzungsmethode

Was heißt »dem Volk aufs Maul sehen«?

Dass Luther als Bibelübersetzer die Möglichkeiten der deutschen Sprache ausschöpfte wie keiner vor ihm, hat zu dem durchschlagenden Erfolg seiner Bibel geführt. Er hat dabei auch manche volkstümliche oder Sprichwortwendung aufgenommen, aber er hat nicht »dem Volk nach dem Maul« geredet. So jedenfalls ist seine viel zitierte Äußerung aus dem Sendbrief vom Dolmetschen (d.h. vom Übersetzen; 1530) nicht gemeint. Kraftausdrücke und Gassenjargon hat Luther aus seiner Bibel bewusst ferngehalten, so gern er sich ihrer in seinen Streitschriften bedient hat (so tituliert er z. B. seine Gegner in dem genannten „Sendbrief“ nur als Esel oder Eselsköpfe).

Das lässt sich mit Beispielen belegen. An der Stelle, wo Saul in die Höhle geht, um seine Notdurft zu verrichten (1. Samuel 24,4), schrieb Luther zuerst in sein Manuskript: Und Saul ging hinein, zu scheißen. Aber im Druck heißt es dann: seine Füße zu decken, und dazu die Randbemerkung: So züchtig ist die Heilige Schrift... Und an der Stelle, wo Saul von einem bösen Geist geplagt wird (1. Samuel 16,14), verkneift Luther es sich, die nahe liegende Redensart zu gebrauchen: »Er wurde vom Teufel geritten«, so treffendes Deutsch das auch sein mochte.

Wenn Luther dem Volk aufs Maul sehen wollte, so ging es ihm um etwas anderes. Das zeigen die Beispiele, die er im „Sendbrief vom Dolmetschen“ und in den „Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens“ (1533) diskutiert. In all diesen Fällen geht es ihm nicht darum, dem Volk nach dem Munde zu reden, sondern gutes und genaues Deutsch zu sprechen. Statt fremde Sprachformen ungelenk nachzubilden, möchte Luther den natürlichen deutschen Ausdruck nutzen. Wo nötig, lernt er von Fachleuten am Objekt sogar die präzisen Bezeichnungen für Edelsteine oder Tieranatomie. Dies meint er mit dem Volk aufs Maul sehen, und dies ist ihm auch in höchstem Grade gelungen.

Im folgenden Abschnitt sind einige markante Beispiele dafür genannt. Nicht immer hat Luther im ersten Zugriff die überzeugende Wiedergabe gefunden. Bis an sein Lebensende hat er im Einzelnen an der Verbesserung seiner Übersetzung gearbeitet. An solchen Verbesserungen lässt sich besonders gut ablesen, worauf es Luther bei seiner Übersetzung ankam, nämlich rein und klar Deutsch zu reden.


1. Beispiel: Psalm 90,12

Handschriftliche Fassung 1524:
Dass wir unser Tage zählen,
so tu uns kund;
so wollen wir kommen
mit weisem Herzen.

Erste Druckfassung 1524:

Lass uns wissen die Zahl unser Tage,
dass wir eingehen mit weisem Herzen.

Revidierte Fassung ab 1531:
Lehre uns bedenken,
dass wir sterben müssen,
auf dass wir klug werden.

Man kann hier sehen, wie Luther nicht nur um die treffende deutsche Formulierung, sondern zugleich um die Erfassung des Textsinnes ringt. Beides geht bei ihm häufig Hand in Hand.


2. Beispiel: Psalm 63,6

Erste Druckfassung 1524:

Lass meine Seele voll werden
wie mit Schmalz und Fettem,
dass mein Mund mit fröhlichen
Lippen rühme.

Revidierte Fassung ab 1531 (1964):

Das wäre (ist) meines Herzens Freude
und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem
Munde loben sollte (kann).

Luther selbst begründet die Änderung in den "Summarien über die Psalmen": Weil solchs (d. h. die erste Fassung) kein Deutscher versteht, haben wir lassen fahren die hebräischen Wort’ (Schmalz und Fett, womit sie Freude bezeichnen, gleichwie ein gesund, fett Tier fröhlich und wiederum ein fröhlich Tier fett wird, ein traurig Tier abnimmt und mager wird und ein mager Tier traurig ist) und haben klar Deutsch gegeben.


3. Beispiel: Psalm 23,1-3

An dem Beispiel aus Psalm 23 soll nicht nur Luthers Suche nach der besten deutschen Fassung illustriert werden, sondern auch der Abstand zwischen der vorlutherischen Fassung der Mentelin-Bibel und den verschiedenen Stufen von Luthers Übersetzung bis hin zu der klassisch einfachen, vollendeten Form, die den meisten evangelischen Christen wohlvertraut ist.

Mentelin-Bibel 1466, übersetzt aus dem Lateinischen der Vulgata:
Der Herr, der richt’ mich,
und mir gebrast (= mangelt) nicht,
und an der Statt der Weide
da setzt er mich.
Er führte mich ob dem Wasser
der Wiederbringung,
er bekehrt’ mein Seel.
Er führt mich aus auf die Steig
der Gerechtigkeit
um seinen Namen.

Luthers Handschrift:
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er lässt mich weiden
in der Wohnung des Grases
und nähret mich am Wasser guter Ruhe.
Er kehret wieder meine Seele,
er führet mich auf rechtem Pfad
um seins Namens willen.

Erstdruck der Psalmen 1524:
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er lässt mich weiden, da viel Gras steht,
und führet mich zum Wasser,
das mich erkühlet.
Er erquicket meine Seele,
er führet mich auf rechter Straße
um seins Namens willen.

Psalmenrevision 1531:
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Auen
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele,
er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.


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