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Johannes 5,19-21 | Osternacht | 31.03.2024

Einführung in das Johannesevangelium

Das Johannesevangelium ist wie ein Fluss, in dem ein Kind waten und ein Elefant schwimmen kann.

Robert Kysar

Das Evangelium „nach Johannes“ ist das tiefgründigste und theologisch wie kulturgeschichtlich wirkungsvollste der kanonischen Evangelien. Es unterscheidet sich in Stoff, narrativer Gestalt, Sprache und Theologie signifikant von den Synoptikern. Die Erklärung dieser Besonderheiten sowie die Frage nach seinen Quellen und seinem historischen und theologischen Wert gehören zu den schwierigsten und umstrittensten Fragen der Forschung.

Joh ist wie Mk eine kerygmatische Erzählung vom Wirken, Sterben und Auferstehen Jesu, d.h. ein Evangelium. Es ist programmatisch aus nachösterlicher Perspektive gestaltet, aus der durch den Geist gewirkten „Erinnerung“ (Joh 2,22; 12,16), und es trägt diese Perspektive bewusst in die Erzählung der Geschichte Jesu und seines Todes (19,30) ein, so dass alle Einzel-Episoden schon im Licht des Ganzen des Christusgeschehens, im ‚österlichen Glanz‘, zu lesen sind.

Joh enthält eigentümliche Stoffe (Prolog, Abschiedsreden, ausgedehnte Reden und Dialoge Jesu mit Nikodemus, der Samaritanerin oder Pilatus), Erzählungen wie das Weinwunder (Joh 2), Lazarus (Joh 11), die Fußwaschung (Joh 13). Wichtige synoptische Stoffe (z.B. Geburtsgeschichten, Gleichnisse, Bergpredigt, Endzeitrede) fehlen. Die Tempelreinigung (Joh 2,13-22) ist aus dem Passionskontext an den Anfang umgestellt, der Todesbeschluss des Hohen Rates (Joh 11,45-54) erfolgt ebenfalls schon vor der Passion als Antwort auf die Lazarus-Erweckung. Dies weist auf eine bewusste Umgestaltung der älteren Jesusüberlieferung hin, die auch geschichtliche Sachverhalte in großer Freiheit anders erzählt. Dies zeigt sich auch in der anderen Sprache Jesu, die im Grunde die Sprache aller anderen Figuren und des Autors ist. D.h., auch in Jesu Worten und Reden spricht faktisch der joh Autor.

1. Verfasser

Das „Evangelium nach Johannes“ ist wie alle kanonischen Evangelien anonym überliefert. Die Überschrift ist im 2. Jh. nachgetragen. Traditionell wurde es ab dem späten 2. Jh. dem Apostel und Zebedaiden Johannes zugeschrieben, der mit der Figur des „Jüngers, den Jesus liebte“ (Joh 13,23) identifiziert wurde. Diese Zuschreibung ist erklärlich, weil man diesen ‚Lieblingsjünger‘ (LJ) mit dem ‚unbekannten‘ zweiten Jünger aus Joh 1,35-40 identifiziert hat und (aufgrund von Mk 1,16-20 oder Apg 3-5) in diesem den Zebedaiden Johannes sah. So ‚wurde‘ der LJ zum Augenzeugen der ganzen Erzählung und das Evangelium bekam ‚apostolische‘ Würden. Nach der Johanneslegende (bei Irenäus u.a.) soll dieser Johannes als Greis sein Werk in Ephesus in Kleinasien geschrieben haben, nach Clemens v. Alex. ist es als „geistliches“ Evangelium in Ergänzung und Vertiefung zu den drei eher „leiblichen“ Erzählungen der Synoptiker abgefasst.

Aufgrund von Stoff, Sprache und erzählerischer Gestalt ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass der galiläische Fischer im hohen Alter das Werk verfasst hat. Und selbst wenn er der Autor wäre, wäre schwer erklärlich, warum es sich von der älteren Tradition so unterscheidet.

Nur das wohl als ‚Nachtrag‘ angefügte Kapitel 21 führt die Abfassung auf den LJ zurück, in Joh 1-20 ist dieser zwar an wenigen Stellen ab dem letzten Mahl (13,23; 19,25-27; 20,1-10) Petrus an die Seite gestellt, doch eher als ‚ideale Figur‘, die Jesus näher ist und ihn besser versteht. Der eigentliche „Autor“ ist in Joh 1-20 der „erinnernde“ Geist (Joh 14,25f). Wenn hinter dem LJ auch eine ‚reale‘ Figur im Umkreis der joh Gemeinden stand (wie 21,22f nahelegt), ist fraglich, ob dieser mit einer bekannten Gestalt zu identifizieren ist. Das Joh wäre dann posthum von Schülern (21,24f) herausgegeben. Wenn der Autor des Joh mit dem von 1-3Joh identisch ist, wäre der autoritativ schreibende „Presbyteros“ aus 2Joh 1; 3Joh 1 am ehesten mit dem bei Papias von Hierapolis (Eus., h.e. 3,39,4) als Traditionsträger in der Asia erwähnten „Presbyteros Johannes“ zu identifizieren. Die spätere Zuschreibung an den Zebedaiden wäre dann in einer Verwechslung oder eher intentionalen Überblendung der Namen erfolgt.

Schriftzitate und Anspielungen belegen eine gute Kenntnis des AT, das aber höchst selektiv benutzt wird. Analog ist auch für die übrigen Traditionen eine sehr eigenständige Verwendung anzunehmen. Nichts ist nur ‚abgeschrieben‘, Joh 20,30f bezeugt eine bewusste Auswahl des Autors aus den ihm verfügbaren Stoffen. Daraus folgt aber: Die Eigenständigkeit in Stoff und literarischer Ausgestaltung belegt keine ‚Unabhängigkeit‘ von der synoptischen Tradition. Jede Rekonstruktion schriftlicher Quellen (z.B. einer ‚Semeia‘-Quelle mit Wundergeschichten oder eines eigenen Passionsberichtes) ist m.E. unmöglich, doch sind neben den Synoptikern (v.a. Mk) mündliche und schriftliche Gemeindetraditionen anzunehmen, die aber alle eigenständig umgestaltet sind. Der Autor kennt das Mk (wie z.B. die Anspielungen auf die Gethsemane-Episode in 12,27f; 14,31 und 18,11 zeigen) und setzt die Kenntnis auch bei seinen Lesern voraus (s. 3,24), evtl. kennt er auch Lk oder Stoffe daraus, eine Kenntnis des Mt ist nicht zu belegen. Er ist gleichfalls vertraut mit jüdischen Bräuchen und wohl auch mit Gegebenheiten in Jerusalem. Vielleicht ist er ursprünglich ein Palästiner, der dann im Zuge des jüdischen Krieges nach Kleinasien kam.

2. Adressaten

Das Joh ist wohl in Gemeindekreisen entstanden, die auch in 1-3Joh greifbar sind. Diese Gemeinden (oder die ‚Joh. Schule‘) in Kleinasien sind erst im letzten Drittel des 1. Jh. greifbar, sie hatten eigene Traditionen, aber nahmen auch synoptische und paulinische Motive auf. Ein Teil der joh Christusgläubigen entstammte wohl der Diasporasynagoge, und die traumatischen Spuren einer erfolgten Trennung (aposynagogos: Joh 9,22; 12,42; 16,2) sind wahrnehmbar, hingegen waren andere wohl Nichtjuden („Griechen": Joh 7,35; 12,20). Der Kontext ist also ein Verband ‚gemischter‘ Gemeinden, wohl im urbanen Raum, in dem neben diesen joh Christusgläubigen auch anders geprägte Gruppen koexistierten (z.B. Apk, Eph, Pastoralbriefe).

Nach den Abschiedsreden erscheinen die Adressaten selbst verunsichert ‚in der Welt‘, so dass Jesu Wort und das ganze Joh im Durchgang durch die Geschichte Jesu eine Antwort darauf bietet. Zugleich ist das Joh nicht nur als konkretes Wort an einen begrenzten, gar ‚sektiererisch‘ abgeschlossenen Gemeindekreis zu lesen, vielmehr zielt es auch auf Lesende in einem weiteren Rahmen, ja auf die Welt der Bücher, wenn es in 1,1 die Genesis überbietend aufnimmt und in 21,25 mit einem Hinweis auf viele Bücher endet.

3. Entstehungsort

Die Herausgabe des Evangeliums wird seit der altkirchlichen Tradition in Ephesus angesetzt. Dies ist im Joh und den drei Briefen nicht positiv zu belegen, und sachlich wäre jeder urbane Kontext im östlichen Mittelmeerraum denkbar, doch weist das frühe Zeugnis des Papias von Hierapolis, Polykarp u.a. auf den Raum Kleinasiens, ebenso die frühe Verbindung mit der dort situierten Apokalypse. Andere Vorschläge (Alexandrien wegen der Rede vom Logos; Syrien wegen vermeintlicher Nähe zu gnostischen Traditionen; Ostjordanland wegen der Bedeutung der ‚Juden‘) sind ebensowenig zu belegen. Kleinasien bleibt die wahrscheinlichste Option.

4. Wichtige Themen

Wichtige Themen der exegetischen Interpretation sind die hohe Christologie: Jesus ist der eine Offenbarer Gottes, ja er ist ‚Gott‘. Er gibt Leben, gibt den Geist. Sein Tod ist ‚Vollendung‘ der Schrift und des Willens Gottes (19,30), seine Sendung (ans Kreuz) der Erweis der ‚Liebe‘ Gottes zur Welt (3,16). Auffällig ist die ‚Vergegenwärtigung‘ der Eschatologie: Das ‚ewige Leben‘ ist schon jetzt im Glauben gegeben (5,24), das Gericht ergeht jetzt in der Begegnung mit Jesus (3,18). Zentrale Bedeutung hat der Geist, der als ‚Beistand‘ (Paraklet) der nachösterlichen Gemeinde diese begleitet, erinnert und zum Zeugnis befähigt. Joh entwickelt eine Art, von Vater, Sohn und Geist in personaler Unterscheidung zu reden, die bereits in die Richtung der späteren Trinitätslehre führt. Das alles wird in Bezug auf die Schriften Israels entfaltet, die nach Joh sämtlich von Jesus zeugen. Daher beansprucht der joh Jesus Exklusivität als Offenbarer (1,18; 14,6), während alle anderen Wege, auch der der nicht an Jesus glaubenden Schüler Moses (9,28) nicht „zum Vater“ führen. Die schroffe antijüdische Polemik ist z.T. Ertrag der schmerzhaften Trennungs- und Identitätsbildungsprozesse. Für die Gemeinde ergibt sich daraus eine innere Trennung von der ‚Welt‘, der mit einer (Familien-)Ethik der (nicht nur, aber vorrangig) auf die eigene Gruppe gerichteten Liebe begegnet wird.

5. Besonderheiten

Das Joh will, dass seine Leser:innen besser und tiefer verstehen. Diesem Ziel dient die literarische Ausgestaltung durch ein eine Vielzahl literarischer Gestaltungsmittel: die Vor-Information durch den Prolog lässt die Leserschaft stets ‚wissender‘ sein als die textlichen Figuren, deren ‚dumme‘ Fragen oft Verwunderung auslösen. Die Wundergeschichten sind durch textliche Verweise so ausgestaltet, dass sie nie nur als Bericht eines vergangenen Ereignisses gelesen werden können, sondern stets auf das Ganze des Heilsgeschehens bezogen sind. Explizite und implizite Erzählerkommentare und Erläuterungen lenken den Blick auf textliche und theologische Bezüge. Narrative Figuren bieten Identifikationsangebote und provozieren durch ihre Ambivalenz zur Stellungnahme. Miteinander vernetzte, z.T. breit symbolisch ausgestaltete Metaphern (wie Wasser, Brot, Hirte, Weinstock, aber auch Geburt, Familie, Tempel, Garten) verstärken das Wirkungspotential des Textes und laden die Lesenden ein, ihn „zu bewohnen“ (Ricœur). Als subtiler literarischer Text spiegelt das Joh nicht nur die hohe Kunst seines Autors, sondern wurde selbst zur Weltliteratur.

Literatur:

  • Meyers KEK: Jean Zumstein, Das Johannesevangelium, Göttingen 2016; C.K:Barrett, Das Evangelium nach Johannes, Üs. H. Balz (KEK Sonderband), Göttingen 1991.
  • Martin Hengel, Die johanneische Frage, WUNT 67, Tübingen 1993.
  • Jörg Frey, Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den johanneischen Schriften 1, WUNT 307, Tübingen 2013: https://www.mohrsiebeck.com/buch/die-herrlichkeit-des-gekreuzigten-9783161527968?no_cache=1
  • Francis Moloney, The Gospel According to John, Sacra Pagina 4, Collegeville MN 1998; Marianne Meye Thompson, John: A Commentary, NTL, Louisville KN 2015.

A) Exegese kompakt: Johannes 5,19-21

Der Sohn macht lebendig

19Ἀπεκρίνατο οὖν ὁ Ἰησοῦς καὶ ἔλεγεν αὐτοῖς· ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν, οὐ δύναται ὁ υἱὸς ποιεῖν ἀφ’ ἑαυτοῦ οὐδὲν ἐὰν μή τι βλέπῃ τὸν πατέρα ποιοῦντα· ἃ γὰρ ἂν ἐκεῖνος ποιῇ, ταῦτα καὶ ὁ υἱὸς ὁμοίως ποιεῖ. 20ὁ γὰρ πατὴρ φιλεῖ τὸν υἱὸν καὶ πάντα δείκνυσιν αὐτῷ ἃ αὐτὸς ποιεῖ, καὶ μείζονα τούτων δείξει αὐτῷ ἔργα, ἵνα ὑμεῖς θαυμάζητε. 21ὥσπερ γὰρ ὁ πατὴρ ἐγείρει τοὺς νεκροὺς καὶ ζῳοποιεῖ, οὕτως καὶ ὁ υἱὸς οὓς θέλει ζῳοποιεῖ.

Johannes 5:19-21NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

19 Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: „Amen, Amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts aus sich selbst tun, wenn er nicht den Vater etwas tun sieht. Was immer nämlich jener tut, das tut auch der Sohn.

20 Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selbst tut. Und er wird ihm größere Werke als diese zeigen, so dass ihr euch wundern werdet.

21 Wie nämlich der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn die lebendig, die er will.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

19 ἀμὴν ἀμὴν: „wahrlich“, „ja, wirklich“ - als Bekräftigungsformel hier nicht (wie in liturgischen Kontexten) antwortend, sondern vorweg, als Eröffnung von Jesusworten, bei Joh sogar doppelt.

19 οὐ … ἀφ᾽ ἑαυτοῦ - ἐὰν μή Der Konditionalsatz ist etwas unklar angeschlossen. Gemeint ist, dass Jesus überhaupt nichts „aus sich selbst“ (eigenmächtig) tut. Was immer er tut, das tut er in Entsprechung zum Tun des Vaters.

20 ἵνα hier nicht final, sondern (wie häufiger bei Joh) konsekutiv, „so dass“.

2. Literarische Gestalt und Kontext

Die Abgrenzung der Perikope ist problematisch. Der Abschnitt bezieht sich zurück auf das zuvor (5,1-18) erzählte Wunder (als Tat des Sohnes) und auf die anschließende Diskussion (V. 17-18), in der Jesus sein Wirken engstens mit Gottes Wirken zusammenbringt und ihm dies von den Gegnern als blasphemisch vorgeworfen wird: „er mache sich Gott gleich“. Darauf „antwortet“ Jesus. Da diese Gegner im Text kaum eine Rolle spielen und auch das erzählte Wunder nicht weiter thematisiert wird, wäre ratsam, bei der Verlesung die Redeeinführung wegzulassen und mit „Jesus sprach“ einzuleiten.

V. 19b-20 könnte zunächst als ein kleines Gleichnis gelesen werden: Ein Kind lernt vom Vater (oder der Mutter) in Nachahmung. Es tut damit spielerisch das Gleiche wie der Vater bzw. die Mutter. In der Antike wurde ein Handwerk vom Vater auf den Sohn weitergegeben. Das Ganze ist natürlich hier als Sprachbild auf das Verhältnis von Jesus als „dem Sohn“ und Gott als dem Vater bezogen. Jesu Handeln ist nicht unabhängiges, „eigenmächtiges“ Handeln, sondern Handeln in engster Verbindung, ja „Wirkeinheit“ mit Gottes Handeln. D.h., wo Jesus handelt, z.B. Menschen heilt, wie in 5,1-9, oder Tote zum Leben bringt, da handelt Gott selbst.

Der Kontext ist einerseits das in 5,1-9 erzählte Wunder, eine Heilung, die den 38 Jahre kranken Menschen zurück ins Leben bringt und damit faktisch aus dem Tod ins Leben holt. Da diese Tat Jesu am Sabbat erfolgt, stellt sich das Problem, ob Jesus dies „darf“ bzw. wodurch er legitimiert ist. V. 17 spielt auf die jüdische Auffassung an, dass Gott am Sabbat nicht ruht, sondern auch an diesem Tag wirkt (insofern auch am Sabbat Menschen geboren werden und Menschen sterben – was Gottes Werk ist). Dabei geht es nicht nur darum, dass, wenn Gott an diesem Tag handelt, Jesu Handeln dann auch legitim wäre. Vielmehr wird Jesu Handeln mit Gottes Handeln in engste Koinzidenz zusammengebracht, was die Gegner V. 18 in dem Sinn verstehen, dass Jesus sich selbst Gott gleichmache (vgl. Joh 19,7). Für sie ist das eine todeswürdige Blasphemie – für den Evangelisten spiegelt dies nur, wer Jesus, „der Sohn“, in Wahrheit ist: engstens mit Gott verbunden, „eins“ mit dem Vater (Joh 10,30), ja, „Gott“ (Joh 20,28).

Die Begründung, warum das so ist und legitimerweise gesagt werden kann, bringt die große christologische Rede in V. 19-30: Der Vater hat dem Sohn Vollmacht gegeben, Tote zum Leben zu erwecken und Gericht zu halten (V. 21-22). Er hat ihm gegeben, die Lebensmacht in sich zu haben (V. 26) und diejenigen, die sein Wort im Glauben hören, aus dem Tod zum Leben zu bringen (V. 24-25).

3. Historische Einordnung

Diese christologische Rede bringt zentral die Christologie des Johannesevangeliums zur Sprache. Die Worte, die Jesus hier in den Mund gelegt sind, sind natürlich nicht die Diktion und auch nicht die ‚Theologie‘ des irdischen Jesus. Auch wenn dieser in seinen Exorzismen (Lk 11,20 Q) schon den ‚Finger Gottes‘ am Werk sah, ist doch der Anspruch, dass in all seinem Tun Gott wirkt, weil er mit dem Vater im engsten Dauergespräch ist, eine Sichtweise, die sich erst nach Ostern und von Ostern her entwickeln konnte, und das Joh sagt offen, dass die Jünger erst danach (Joh 2,21; 12,16) und durch den Geist (14,26) solches verstehen konnten. Das ganze Joh erzählt die Geschichte Jesu unter diesem österlichen Vorzeichen. Auch die erzählte Nachstellung „der Juden“ (5,18) gegen Jesus, ohne weitere Differenzierung, und Jesu Polemik gegen sie (Joh 5,31-47; 8,31ff.), die fast den Eindruck erweckt, Jesus sei kein Ioudaios, spiegelt klar die Sichtweise einer späteren Zeit, nach dem Jahr 70, und ist in der historischen Situation Jesu nicht denkbar.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Was sind die „größeren Werke“, die Gott Jesus „zeigen“ wird? Mehr als die Wunder, die er im Joh tut (Lazarus!) ist kaum denkbar. Hier ist wohl an das gedacht, was nach Ostern geschieht. Darum sprechen auch die Abschiedsreden davon, dass die Jünger später „größere Werke“ tun werden, in Verlängerung des Wirkens Jesu: Die Botschaft von Jesus kann nun über den geografischen und kulturellen Raum Palästinas hinaus andere Menschen (12,20: „Griechen“; 12,34: „alle“) erreichen, darunter natürlich die Adressaten des Joh. Jesu Werk geht räumlich und zeitlich entschränkt weiter, Menschen hören glaubend sein Wort und gelangen so aus dem Tod ins Leben.

Am Ende heißt es, Jesus mache die lebendig, „die er will“. Damit ist klar, dass nach Joh Jesu Wille, nicht eine menschliche ‚Entscheidung‘ Ursache des Heils ist. Sonst würde der Mensch sich selbst das Heil schaffen. Das ist keine ‚Prä-Destination‘, aber doch ein klares Zeichen, wer Urheber des Glaubens ist. Daraus folgt, dass der Mensch im Glauben dankbar das Wunder seiner ‚Versetzung‘ aus dem Tod ins Leben bekennen kann. Sich selbst zu danken oder zu ‚rühmen‘ wäre widersinnig.

5. Theologische Perspektivierung

Was bedeutet Ostern? Was ist die Konsequenz von Ostern? Der Text gibt in V. 21 eine Antwort: Nicht nur, dass Gott die Toten auferweckt – das war schon immer der Glaube bzw. die Hoffnung – sondern dass nun der, den Gott von den Toten auferweckt hat, ja der in der ihm von Gott verliehenen Kraft (Joh 10,17) ‚auferstanden‘ ist, selbst das Leben in sich hat (5,26), das Leben ist (11,25f.) und Leben vermittelt (5,24f.). Der Auferstandene wird so zum Bezugspunkt des Glaubens, zum Retter und Lebensgeber. Mit dieser ‚hohen‘ Christologie wird die Konsequenz von Ostern noch weitreichender formuliert als in vielen anderen ntl. Texten (wie z.B. den Synoptikern).

Gelegentlich wird gesagt, diese hohe Christologie führe notwendig zu einer antijüdischen Haltung. Das trifft kaum zu. Hohe ‚messianologische‘ Aussagen finden sich auch in jüdischen Texten. Dass jüdische Zeitgenossen des Evangelisten dieser Sichtweise nicht folgen konnten und sie für anstößig hielten, ist nachvollziehbar, die Polemik des Joh ist dann historisch aus den Trennungsprozessen zwischen der Diasporasynagoge und den zunehmend ‚heidenchristlichen‘ Gemeinden erklärbar, aber keine notwendige Konsequenz der Christologie und kein Argument gegen diese.

Glaube bzw. die Teilhabe am von Jesus geschenkten Leben ist mithin eine ‚Ostererfahrung‘. Analog zu Jesu Auferstehung sind Glaubende – wie Lazarus – aus dem Grab gerufen und zum Leben erweckt. Dank und Lob gebühren daher Jesus ebenso wie Gott (V. 23). Das Nizäno-Konstantinopolitanum bekennt daher, dass Jesus als der Sohn mit dem Vater „zugleich angebetet und verherrlicht“ wird. Rettung aus der Finsternis zum Licht, aus dem Tod zum Leben – dieses Grundelement des Joh kann gerade in der Osternacht zu sinnenfälligem und symbolischen Ausdruck kommen.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Was tut Gott eigentlich an Ostern? Und was tut Christus an Ostern? – Lebendigmachen! Natürlich stellt dies keine neue Erkenntnis dar und doch macht mir die Exegese in besonderer Weise deutlich, wie sehr uns das vierte Evangelium Jesu Rolle im „Lebendigmachen“ bewusst machen will. Die Perikope klärt, erklärt und bekräftigt („amen, amen“), was notwendig geklärt werden muss, um an Ostern die Lebensmacht Gottes dankbar-lobend feiern zu können und welche Konsequenzen dies für uns bereithält.        

Johannes will dem Verhältnis von Gott und Christus nachdenken und betont stärker als die Synoptiker die Einheit von Vater und Sohn. Auch das sollte nichts Neues für Theolog:innen sein – doch inwiefern dies in der Verkündigung weiterverfolgt, wie die Entsprechung im Handeln gedacht, wie die Werke Gottes als seine Werke erfasst werden können – hierin wird zuweilen nicht homiletisch investiert. Doch hilft Johannes mit seinem „kleinen Gleichnis“ (s.o.) vom Sohn, der dem Vater im Tun nachahmt, und die Exegese wiederum zeigt, dass es sich um ein „engste[s] Dauergespräch“ (s.o.) von Vater und Sohn handelt: Das Wort des lebendigen Vaters bleibt mit demselben im Gespräch, um dann zu handeln. In der Perikope – so kann die Exegese plausibilisieren – geht es nun einmal nicht in erster Linie um die Frage, wann welches Handeln von Jesus zu welchem Zeitpunkt legitim ist – es geht um Größeres: das Verständnis der Abhängigkeit Jesu vom Vater, den er nachahmt, und ebenso um seine Eigenständigkeit, wenn er das Tun des Vaters „erlernt“ hat. Dies stellt keinen Prozess der Loslösung dar – dialektisch aufgehoben sind vielmehr die Abhängigkeit im Tun und das eigene Tun in der Einheit von Vater und Sohn, die als „Wirkeinheit“ (s.o.) zu begreifen ist.   

Um notwendige Klärungen geht es in der Perikope aber auch an einem zweiten Punkt: Wie steht es um unser Tun? Den Relativsatz „… die er will“ (v.21), den ich zunächst alternativlos auf die Erwählungsfrage festlege, bedenkt die Exegese als die Grenze der menschlichen Möglichkeiten – Lebendigmachen kann der Mensch nicht, doch geschehen die „größeren Werke“ nicht völlig unabhängig von ihm – der Glaube des Menschen wird vielmehr zum Beweis dafür, dass Jesu Ankündigung Wirklichkeit wurde: Jesu Wirken ging über seine Zeit und seinen eigenen Wirkraum hinaus.

2. Thematische Fokussierung

Um bereits in den anderen Evangelien bedachte, aber noch immer notwendige Klärungen geht es also im Joh. Möglichkeiten und Wirklichkeiten des Handelns Gottes und des Menschen werden ins Verhältnis zueinander gesetzt und die existenzielle Relevanz der Klärung in den Fokus gerückt. Inhaltlich, „material“, wird das Tun dann auch bestimmt: Lebendigmachen. Der Sohn handelt nie ohne den Vater und dann tut er die Dinge, die er tut, und das heißt nichts weniger, als dass er lebendig macht, Lebensmacht mit sich bringt und in allen seinen Facetten eröffnet, nicht zuletzt ewiges Leben, was sich – auch das zeichnet Johannes in genuiner Weise aus – schon jetzt Raum schafft. Analog zum doppelten Amen im ersten Vers wird durch das zweimalige „lebendig“ im letzten Vers der Perikope der Sachverhalt bekräftigt.

3. Theologische Aktualisierung

Aber sprechen wir Ostern nicht ohnehin genug vom Lebendigmachen, wenn wir das Leben predigen, das den Tod besiegt? Vielleicht sogar zu viel? Reden wir sogar „unangemessen“ vom Leben, Lebendigwerden und Lebendigmachen? Ulrich Barth jedenfalls ärgert sich über die „landläufige Osterpredigt“[1], die dem Leben eine homiletische Form geben will, damit aber das Entscheidende der christlichen Osterbotschaft unterlaufe: 

„Hunderte Male können wir hören, dass die Botschaft von Ostern laute: Der Tod hat nicht das letzte Wort, das Leben geht weiter, das Leben hat über den Tod gesiegt. Der entscheidende Sachverhalt fällt unter den Tisch, nämlich dass das Leben, welches über den Tod siegt, nicht das irdische Leben ist, sondern eine ganz andere Seinsweise, von der man sich fragen kann, ob sie überhaupt noch als ‚Leben‘ zu bezeichnen ist.“[2]

 Barth warnt weiter:

„Man verharmlost den Tod, wenn man sagt, dass das Leben weitergeht. Auch Jesus ist durch seine Auferstehung nicht in sein irdisches Leben zurückgekehrt. Vielmehr ist das irdische Leben ein für alle Mal vorbei, wenn wir den letzten Atemzug getan haben. Das Leben hier auf der Erde endet mit dem Tod, und darüber siegt auch der Osterglaube nicht.“[3]

Für eine Predigt möchte ich die Mahnung ernst nehmen. Vielleicht relativiere ich die Todesmacht, wenn ich in der Predigt unter Verweis auf das Frühlingserblühen in der Natur betone, dass sich doch überall das Leben zeigt; wenn ich denke, auf diese Weise Ostern „erklären“ zu können, und damit auch marginalisiere, wie Johannes dem lebendig-machenden Sohn nachdenkt. Dies ist nicht nur aus poimenischer Sicht problematisch, wenn sich ein Predigthörer damit abfinden muss, dass „das irdische Leben ein für alle Mal vorbei [ist]“, sondern womöglich will ich zudem auch das ewige Leben vorschnell mit meinen alltäglichen Entdeckungen einholen, d.h. im Leben, das irgendwie "weitergeht", dem absolut unvorstellbaren, ewigen Leben aber nicht gerecht wird.     

Es stimmt: Weil es hier um größere Werke geht, darf ich mich ermahnen lassen – doch heißt das nicht, dass die anderen Facetten, alle vorstellbaren Facetten des Lebendigmachens und der Lebensmacht kein angemessenes Thema für Ostern wären. Mit dem vierten Evangelium läuft man zum Glück in keinerlei Weise Gefahr, die Werke Gottes, die zu Werken des Sohnes werden, zu relativieren. Die Lebensmacht impliziert das volle, ganze und ewige Leben, dessen Ausmaße wir uns – so ist Barth zuzustimmen – gar nicht ausmalen können. Es muss nicht dem widersprechen, was das Johannesevangelium für uns „klären“ und die Exegese erschließen wollte, und d.h., dass Leben und Lebendigmachen auch jetzt gelten und wir danken können, da wir bereits jetzt „größere Werke“ sehen. Die Rede von „größeren Werken“ zeigt – wie die Exegese verdeutlichen kann – das, was die Jünger Jesu zufolge wundern sollte, nämlich, dass sich die Botschaft von Leben und neuem Leben, damit auch der Chance immer wieder von Neuem lebendig zu werden, nach Jesu Tod durchsetzt und auch trotz des in keiner Weise zu marginalisierenden Todes überaus real ist. Das kann der Blick zu Christus verdeutlichen, der dem Vater zuschaut, um seine Werke zu tun. Daher haben wir ihn als „Bezugspunkt des Glaubens“ (s.o.). Dieser Bezugspunkt wiederum ist wichtig für die Klärung Nr. 2, d.h. unsere Werke: Dass der Mensch nicht Erwecken und Lebendigmachen kann, führt nicht zur Passivität. Die realistisch aufgezeigten Möglichkeiten, was nicht in des Menschen Macht liegt, zeigen, was in denselben zu greifen ist, und eröffnet genug Wege, geschenktes Leben zu gestalten. Größer sind die Werke, nicht, weil wir am Heil mitwirken können, sondern weil sie an und mit uns geschehen.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Unsere Perikope spricht in die Osternacht hinein. Dass wir mit der Metaphorik von Licht und Dunkelheit spielen dürfen, kommt dem Johannesevangelium dabei nur entgegen. Auch das muss nicht zwangsläufig in eine simple, die Osterbotschaft trivialisierende Metaphorik der Gegensätze ausbrechen – das wäre mit dem Johannesevangelium überhaupt nicht zu machen. Mit dem Übergang von Nacht zum Tag homiletisch oder auch zu liturgisch zu arbeiten, ermöglicht vielmehr die ganzheitliche Wahrnehmung des befreienden Lichts. Das, was ich von Neuem entdecken darf, wenn es hell wird, gibt den Blick auf Leben, Lebensmacht und den Lebendigmachenden frei. Und wenn sich der ein oder andere Gottesdienstteilnehmer – oder auch ich mir selbst – die großen und größeren Werke mit den zu entdeckenden Osterglocken erschließt und trotz eines schmerzlichen Verlusts die Hoffnung geboren wird, dass Leben „weitergeht" und Lebendigwerden eine Größe ist, die nicht losgelöst von Ewigkeit bedacht sein muss, ist das eine im Glauben zu erschließende und überaus reale Ostererfahrung – gerade daher muss ich es nicht rhetorisch überbetonen, wo sich Leben überall entdecken lässt.    Die Lebensmacht ist eine reale Macht, die sich durchsetzt und große und größere Werke erkennen lässt. Wird der Wochenspruch eingebunden, wird das Lebendigmachen zudem den Blick auf das ewige Leben – bei all ihrer Unvorstellbarkeit – lenken: „Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Offb 1,18.

[1] „1. Die landläufige Osterpredigt“ lautet bereits die Überschrift bei Ulrich Barth, s. Ders., Symbole des Christentums. Berliner Dogmatikvorlesung, hg. von F. Steck, Tübingen 2. durchgesehene Auflage 2023, 196. S. auch aaO, 201.    

[2] AaO, 196.

[3] AaO, 197.

Autoren

  • Prof. Dr. Jörg Frey (Einführung und Exegese)
  • Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl (Praktisch-theologische Resonanzen)

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