Deutsche Bibelgesellschaft

(erstellt: Februar 2025)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.400053

1. Religionsunterricht in der Digitalität als Kontext digitaler Schulbücher

Die Gegenwart wird als Zeitalter der → Digitalität benannt. In der → Lebenswelt Lernender spielen digitale Medien sowohl im privaten Umfeld als auch im Schulunterricht eine zentraler werdende Rolle. War früher der sogenannte PC-Raum von anderen Fachräumen und Klassenzimmern separiert und besonderen, punktuellen Lernanlässen (wie z.B. Projektarbeiten) oder dem Unterrichtsfach Informatik/Informationstechnische Grundbildung vorbehalten, so werden digitale Medien aktuell ganz selbstverständlich integrativ und fächerübergreifend durch die Einbindung von Whiteboards, Tablets und Smartphones sichtbar. Hierdurch werden Lehr- und Lernprozesse grundlegend beeinflusst – und auch der Religionsunterricht ist von dieser digitalen Dynamik geprägt. „[D]igitales Lehren und Lernen [ist] ein Schatz, den es ebenso im Bereich religiöser Bildung zu heben gilt“ (Kurschus, 2022, 5), so Annette Kurschus, Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Angesichts der Funktion als Religionsäquivalenz, die Medien zugesprochen werden kann (u.a. in Bezug auf Sinnstiftung oder Gemeinschaftsförderung), und der Themen und Elemente innerhalb der Medienwelt, die dem Religiösen entlehnt sind, ist „Mediensozialisation immer auch zu einem Teil religiöse Sozialisation“ (Pirner, 2013, 282). Als solche prägt die Mediensozialisation maßgeblich die weltanschaulichen sowie religiösen Vorstellungen Heranwachsender und hat somit auch Einfluss darauf, mit welchen Haltungen Kinder und Jugendliche Religion(en) begegnen (Pirner, 2013, 282). Folglich ist Medienbildung nicht als zusätzliche Aufgabe zu betrachten, die dem Religionsunterricht von außen zukommt, sondern „als notwendige Dimension schulischer Bildung“, die mit einer „genuin religionspädagogischen Perspektive [...] immer schon mit religiöser Bildung verschränkt [ist]“ (Pirner, 2013, 279). Das Zusammenspiel eines Lernens über und mit digitalen Medien unterstützt religiöse Lernprozesse, indem beispielsweise Ziele der Persönlichkeitsbildung sowie kultur- und gesellschaftskritischer Bildung verfolgt werden, so Manfred L. Pirner im Horizont des EKD-Orientierungsrahmens aus dem Jahr 2022 „Evangelischer Religionsunterricht in der digitalen Welt“ weiter (Pirner, 2016; 2023). „Digitale Erschließungsformen erweitern die Möglichkeiten der Zugänge und Bearbeitungsformen zu den verschiedenen Themenfeldern und erfordern zugleich einen kritisch-reflexiven Umgang mit und Austausch über Fragen von Digitalität“ (EKD, 2022, 7). Der Umgang mit digitalen Schulbüchern kann dabei durch den Einsatz im didaktischen Setting einen Beitrag zur Medienbildung in der Schule leisten.

Das digitale Religionsbuch bewegt sich als Phänomen der schulischen Lehr- und Lernumgebung im Kontext anderer digitaler Schulbücher. Im Kaleidoskop der schulischen Fachdisziplinen stellen sich dem Religionsunterricht (→ Religionsunterricht als Schulfach, Forschung) mehrere Aufgabenfelder: Neben den zentralen religiösen Bildungsinhalten wird die religionspädagogische Kompetenz mitsamt der Medienkompetenz im Sinne eines verantwortlichen Umgangs mit digitalen Medien angebahnt (Pirner, 2016; 2023, → Bildung, mediale/digitale).

1.1. Digitale Medien im Alltag von Lernenden

Im Sinne der Subjektorientierung erhält das digitale Schulbuch schon aufgrund der immensen Bedeutung von Medien im Alltag der Lernenden seine Daseinsberechtigung, wie im Folgenden dargestellt werden soll. Schülerinnen und Schüler sollten der → Kultusministerkonferenz zufolge „zu einem selbstständigen und mündigen Leben in einer digitalen Welt“ befähigt werden (KMK, 2017, 11). Diese Forderung erscheint angesichts der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (→ Schülerinnen und Schüler) dringend geboten, was auch durch die Befunde aktueller empirischer Studien vergegenwärtigt wird.

Die Studienreihe KIM (Kindheit, Information, Medien) untersucht seit 25 Jahren den Medienumgang von 6- bis 13-Jährigen in Deutschland. Nach Angaben der Eltern besitzen 44% der Kinder ein Smartphone, wobei der Anteil mit steigendem Alter zunimmt, sodass mehr als 50% aller befragten Kinder ab dem Alter von zehn bis elf Jahren ein eigenes Smartphone besitzen (mpfs, 2022, 5). Etwa zwei Drittel nutzt regelmäßig, d.h. jeden/fast jeden Tag oder ein- bzw. mehrmals pro Woche, ein Handy/Smartphone und 44% der 6- bis 13-Jährigen machen regelmäßig offline von Computer bzw. Laptop Gebrauch (mpfs, 2022, 7).

Die JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) als entsprechende Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland kommt 2022 ergänzend zu folgenden Ergebnissen: Neben dem Musikhören nimmt die Internetnutzung den höchsten Stellenwert in der Freizeit von Jugendlichen ein, 95% sind regelmäßig online; etwa jede bzw. jeder Zehnte liest regelmäßig E-Books oder ähnliches (mpfs, 2023, 12). „Die digitale Form des Lesens anhand von E-Books wird von zehn Prozent der Jugendlichen regelmäßig genutzt und liegt damit deutlich hinter dem gedruckten Buch“ (mpfs, 2023, 75). Zudem sind Smartphones und das Internet im Alltag der Jugendlichen nicht mehr weg zu denken, so nutzen 93% der Jugendlichen ihr Smartphone täglich (mpfs, 2023, 14). Die JIM-Studie 2023 kommt außerdem zu dem Schluss, dass digitale Geräte in der Schule zunehmend bedeutsam werden, weshalb auch die Mediennutzung im Schulunterricht untersucht wurde. Demnach gehen 63% der Befragten im Unterricht in irgendeiner Weise online und 11% arbeiten mit digitalen Spielen, 39% nutzen Tablets sowie jeweils 35% Whiteboards oder Smartphones im Unterricht. Auch die Schulcloud kommt laut 33% der befragten Schülerinnen und Schüler zum Einsatz, etwas seltener Smartboards (26%), Laptops (21%) oder Computer (18%) (mpfs, 2023, 77).

In einer Umfrage von Jens Palkowitsch-Kühl aus dem Jahr 2022 geben 70,7% der befragten Religions- und Ethikehrkräfte an, dass die digitale Recherche regelmäßig in ihrem Unterricht eingesetzt wird, so recherchieren die Lernenden mindestens einmal im Monat bis hin zu einmal pro Woche zu einem vorgegebenen Thema. 62,6% der befragten Lehrkräfte zufolge stellen die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse regelmäßig oder gelegentlich mithilfe des Einsatzes digitaler Medien in der Lerngruppe vor. Lernprogramme kommen dagegen selten zum Einsatz, so werden sie von 63,8% der Schülerinnen und Schüler gar nicht genutzt und werden somit kaum im Unterricht eingesetzt (Palkowitsch-Kühl, 2023, 182).

Diesen Befunden, die zeigen, dass die Verwendung digitaler Medien im Unterricht eher der Regel- als Einzelfall ist, steht aus Sicht der Schülerinnen und Schüler der Digitalisierungsprozess an Schulen entgegen: Laut der großen Mehrheit der im Rahmen der Bitkom-Studie 2023 befragten Schülerinnen und Schülern (87%) stellt mangelhaftes oder nicht vorhandenes WLAN das dringlichste Problem an der Schule dar. 56% betrachten generell die schlechte technische Ausstattung und 48% den geringen Einsatz digitaler Geräte oder Medien als größtes Problem. Eine große Mehrheit von 74% geht davon aus, mit Bildungsmedien motivierter arbeiten zu können, wobei gleichzeitig 42% daran zweifeln, dass ihre Lehrkräfte den Unterricht mit digitalen Bildungsmedien sinnvoll gestalten könnten (Bitkom Research, 2023).

Die Studienergebnisse führen vor Augen, welch hohen Stellenwert digitale Medien und deren Einsatz (auch im schulischen Umfeld) inzwischen für Kinder und Jugendliche einnehmen, auch wenn damit allein „noch nicht die Relevanz ihrer Thematisierung in Unterrichtsmaterialien insbesondere für den Religionsunterricht“ plausibilisiert werden kann (Palkowitsch-Kühl, 2017, 241). Um die Relevanz zu verdeutlichen und somit den Einsatz digitaler Medien sowie deren Thematisierung in Kontexten religiöser Bildung zu legitimieren, ist daher zusätzlich auf den identitätsstiftenden Aspekt digitaler Medien hinzuweisen. So fand Astrid Dinter bereits 2007 in einer ethnographischen Studie heraus, dass Computererfahrungen für die Identitätsentwicklung Jugendlicher eine große Bedeutung haben können (Dinter, 2007).

1.2. Digitale Medien aus der Sicht von Religionslehrpersonen

Als weitere entscheidende Akteurinnen und Akteure, die religiöse Bildungsprozesse maßgeblich beeinflussen, sind Religionslehrpersonen zu nennen (→ Akteursforschung, religionsdidaktische). Von den Religionslehrpersonen (→ Lehrkraft, Rolle) hängt ab, wie religiöse Bildungsprozesse (→ Bildung) gestaltet werden und somit auch, welche Medien und Methoden sie in ihre religionsdidaktischen Überlegungen einfließen lassen. Religionslehrpersonen sind demnach entscheidende Akteurinnen und Akteure, um digitale Bildungsprozesse voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund irritiert der Befund, dass knapp 40% der befragten Lehrkräfte (n=118) im Jahr 2022 eher zustimmen, „dass der Nutzen digitaler Medien für Schule und Unterricht überbewertet ist“ (Palkowitsch-Kühl, 2023, 187). Mehr als 30% arbeiten lieber mit traditionellen Medien (z.B. Fernsehen, Videokassetten, Zeitungen, Overheadprojektoren). Nichtsdestotrotz sind 75% der Ansicht, sich auch in der Medienerziehung engagieren zu müssen (Palkowitsch-Kühl, 2023, 186), was auf einen insgesamt disparaten Befund hinweist. Einerseits scheint die grundlegende Bedeutsamkeit digitaler Medien und die Wichtigkeit des kompetenten Umgangs zwar anerkannt, doch sollte diesem Aspekt aus der Sicht der Lehrkräfte nicht zu viel Raum im Ethik- und Religionsunterricht beigemessen werden. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass sich die Lehrkräfte nicht ausreichend kompetent fühlen, um digitale Medien häufiger in ihrem Unterricht einzusetzen und in dieser Hinsicht ein hoher Fortbildungsbedarf besteht. Grundlegend ist also die Verbesserung und Bereitstellung technischer Infrastruktur sowie digitaler Lernmedien, die durch Lehrkräftebildung in allen Phasen abgebildet sein sollte. Zusammenfassend gelangt Palkowitsch-Kühl in seiner empirischen Untersuchung zum Ergebnis, dass Digitalisierungsprozesse stark mit den Lehrkräften und ihren Einstellungen bzw. ihrer Kompetenz in Bezug auf den Umgang mit bzw. den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht zusammenhängen (Palkowitsch-Kühl, 2023, 252).

2. Der Wandel vom gedruckten zum digitalen Format des Schulbuchs

Im Religionsunterricht gilt das Schulbuch nach wie vor als klassisches Lernmedium, welches aufgrund der Digitalisierung eine grundlegende Wandlung durchlebt. Diese zeigt sich durch die verschiedenen Schulbuchverlage, die gegenwärtig die Entwicklung digitaler Schulbücher vorantreiben und sich dabei in unterschiedlichen Stadien befinden. Grundlegend bedeutet, „[e]in Religionsbuch zu entwickeln, zu erarbeiten und zu verantworten, [...] sich zu den je aktuellen fachdidaktischen, allgemein pädagogischen und gesellschaftlichen Fragen zu verhalten“ (Steinkühler, 2023, 265). Zu diesen Fragen gehören auch die Chancen und Grenzen des digitalen Wandels, die auf spezifische Weise im Religionsunterricht unter anderem durch den Einsatz digitaler Schulbücher bearbeitet werden können. Konstatiert Palkowitsch-Kühl 2017, dass digitale Schulbücher häufig nur eine „digitale Kopie“ der Printausgaben mit ggf. Ergänzung durch digitales Zusatzmaterial darstellen (Palkowitsch-Kühl, 2017, 258), beschreiben Tanja Gojny, Hartmut Lenhard und Mirjam Zimmermann 2022 eine Entwicklung hin zu neuen Formaten digitaler Schulbücher, die „die Möglichkeiten analoger Bücher grundlegend erweitern“, um im Einsatz digitaler Bildungsmedien einen Mehrwert erkennen zu können (Gojny/Lenhard/Zimmermann, 2022, 155; 289). So können digitale Schulbücher einen besonders hohen Grad an Multimedialität aufweisen, indem z.B. Elemente aus der Musik- oder Filmwelt integriert, Spiele eingebaut oder mit Fotografien und zusätzlichem Textmaterial gearbeitet wird (Gojny/Lenhard/Zimmermann, 2022, 156). Außerdem sind in digitalen Schulbuchreihen zusätzliche digitale Medien an den passenden Stellen verlinkt, beispielsweise Filme oder Methoden-Erklärvideos, die Vertonung von Bibeltexten und Lexikonbegriffen, in einem Podcast können Interviews zu den Weltreligionen gehört werden u.a. (reli plus 7/8 von Klett, 2022).

3. Das Religionsbuch in seiner digitalen Spezifikation

Bereits 2017 hat Palkowitsch-Kühl eine Auswahl zugelassener Schulbücher und weiterer Unterrichtsmaterialien für den evangelischen Religionsunterricht der Sekundarstufe I hinsichtlich ihrer Thematisierung digitaler Medienformate analysiert, die auch in gedruckter Form vorliegen. In der Untersuchung zeigt sich, dass „digitale Medien […] hauptsächlich methodisch eingesetzt [werden], etwa zur Präsentation oder Recherche“ (Palkowitsch-Kühl, 2017, 255). Im Folgenden schließt sich jedoch keine Analyse der digitalen Religionsbücher an, sondern eine exemplarische Betrachtung ausgewählter digitaler Lehrbücher für den evangelischen Religionsunterricht der Sekundarstufe I, um markante Charakteristika und Unterschiede im Vergleich zu den entsprechenden Printmedien darzulegen und auffällige Entwicklungen in der Konzeptionierung von Schulbüchern ausmachen zu können.

3.1. Charakteristika digitaler Religionsbücher

Wird das digitale Religionsbuch inhaltlich und gestalterisch ausgehend vom gedruckten Buch eins zu eins übertragen, bleibt die durch Staat und Religionsgemeinschaften genehmigte Konzeption des einzelnen Religionsbuchs erhalten (Steinkühler, 2023, 266). Grundsätzlich können digitale Religionsbücher in drei Kategorien unterteilt werden: 1) Übertrag im eins-zu-eins-Format, 2) Erweiterung durch verschiedene digitale Spezifikationen und 3) ausschließlich digitaler Typus. Die im vorherigen Teilkapitel beschriebene Entwicklung hin zu eigenständigen Lehrwerken müsste demnach zum zweiten Typus gezählt werden, denn auch in diesem Prozess entsteht kein neues Medium; vielmehr wird das religionspädagogische Profil des Buches verstärkt oder erweitert (Steinkühler, 2023, 270). Dies kann beispielsweise durch einen Zuwachs an Zugängen und Methoden der Fall sein, der mitunter mehr Möglichkeiten für ein vertiefendes und vernetztes Arbeiten bietet. Vor diesem Hintergrund können ähnliche Analyse- bzw. Bewertungskriterien an digitale Religionsbücher angelegt werden wie bei den entsprechenden Printausgaben (→ Schulbücher, aktuelle, evangelische, Sekundarstufe I). Darüber hinaus sind allerdings auch solche Kriterien anzulegen, die das Religionsbuch in seiner digitalen Spezifikation wahrnehmen.

Rudolph Sitzberger legt ausgewählte Kriterien zur Beurteilung von Religionsbüchern vor, die das Religionsbuch als Medium verstehen, „das im Unterricht im Zusammenspiel von Lehrenden und Lernenden Verwendung findet“ (Sitzberger, 2021, 368). Hinsichtlich der Kompetenzorientierung (→ Kompetenzorientierter Religionsunterricht) kommt im Falle der digitalen Schulbücher zusätzlich die Medienkompetenz neben allen anderen inhalts- und prozessorientierten Kompetenzen zum Tragen. Hierbei spielt besonders die Orientierung an der Lebenswelt der Lernenden sowie die → Subjektorientierung eine wesentliche Rolle, was sich neben dem Format des digitalen Schulbuchs auch in Aufgabenformaten niederschlägt, die entweder durch die Thematisierung digitaler Medien oder in methodischer Hinsicht explizit auf die Bedeutung digitaler Medien im Alltag der Heranwachsenden (siehe Ergebnisse der JIM- und KIM-Studie) Bezug nehmen. Nach Palkowitsch-Kühl müssen bei der Thematisierung digitaler Medien die „soziale Herkunft, Geschlecht, Alter, kognitive und motorische Fähigkeiten sowie Behinderungserfahrungen“ besondere Berücksichtigung finden, da sie die individuellen Zugangs- und Rezeptionsvoraussetzungen beeinflussen (Palkowitsch-Kühl, 2017, 243). Neben der Kompetenzorientierung ist demnach außerdem zu prüfen, inwiefern eine Differenzierung durch medienbezogene Aufgabenstellungen erfolgt, um der Subjektorientierung gerecht werden zu können (Caspary, 2023).

Wie beim gedruckten Schulbuch spielen auch beim digitalen Format Strukturierung und Vernetzung eine zentrale Rolle, welche sich in Querverweisen zwischen den verschiedenen Kapiteln, Methodenrepertoire oder Register mit Fachbegriffen widerspiegelt (Caspary, 2023). Im digitalen Religionsbuch kommt eine mediale Vernetzung hinzu, denn „[f]ür moderne Religionsbuchkonzepte wird die mediale Vernetzung zusehends bedeutsamer. So werden Religionsbücher heute gedruckt und als E-Books angeboten, bei denen eine Verlinkung zu anderen digitalen Materialien und Medien problemlos möglich ist“ (Sitzberger, 2021, 369). Explizit ist demzufolge im Sinne des Typus 2) Erweiterung durch verschiedene digitale Spezifikationen zum einen danach zu fragen, welche technischen Sonderfunktionen das Lehrwerk bereitstellt (z.B. mobiles Lesen auf dem Bildschirm, PDF-Format zum Durchsuchen und Exzerpieren, Zoomen von Bildern, linkgeleitetes Springen zwischen Text und Glossar, Zusatzinformationen und -materialien per Mausklick, Interaktivität mit Inhalt und/oder anderen Nutzerinnen und Nutzern (Steinkühler, 2023, 266)). Ergänzend ist zum anderen das mögliche Potential im Vergleich zum Printmedium in den Blick zu nehmen, insbesondere Lernformen, „die den Lernenden als digital natives vertraut sind“ sowie das „didaktische Profil der Schulbücher durch mehr Aktivierungs-, Differenzierungs- und Positionierungsmöglichkeiten schärfen“ (Steinkühler, 2023, 267f.). Als Beispiele hierfür können ergänzende Filme und Spiele, Audio- und Videovarianten sowie weitere visuelle und auditive Zugänge genannt werden, die das Printmedium um interaktive Aufgabenformate erweitern, wobei auch auf die Gefahr der „Irritation und Desorientierung“ (Steinkühler, 2023, 269) hinzuweisen ist. Bei der Betrachtung des digitalen Religionsbuchs im Verhältnis zum Printmedium ist zudem darauf zu achten, inwiefern es sich um eine inhaltsgetreue Übersetzung handelt, ob die digitale Version in der Gestaltung dem Printmedium entspricht und ob Print- und Digital-Versionen nebeneinander zu nutzen sind (Steinkühler, 2023, 268).

3.2. Einblicke in aktuelle digitale Schulbuchreihen für den evangelischen Religionsunterricht

Bei der Durchsicht dreier bewährter digitaler Schulbuchreihen für den evangelischen Religionsunterricht fällt zunächst die unterschiedliche Schwerpunktsetzung in der konzeptionellen Ausrichtung bzw. Vertiefung auf, da diese mit unterschiedlichen methodischen und inhaltlichen Zusatzfunktionen versehen sind. Grundsätzlich werden Schulbücher wie auch E-Books in regelmäßigen Abständen überarbeitet; so bildet die neue Generation der E-Books der Reihe „Moment mal!“ das Schulbuch nicht mehr identisch ab (und wäre demnach in seiner ursprünglichen Fassung Typus 1) Übertrag im 1:1-Format zuzuordnen), sondern ist mit weiteren Features wie Vertonungen von Bibeltexten als Audios, Podcasts zu Weltreligionen, Bearbeitungstipps zu den Arbeitsaufträgen, Linktipps oder Erläuterungen zu Methoden konzipiert (Klett, o.J.), was nun Typus 2) Erweiterung durch verschiedene digitale Spezifikationen entspricht.

Im Claudius Verlag ist das erste zugelassene interaktive digitale Schulbuch in der Reihe „Herausforderungen“ für den Evangelischen Religionsunterricht an Realschulen erschienen, welches jedoch aktuell nur für Bayern zugelassen ist. Der Claudius Verlag konzipiert drei Arten von Schulbüchern: eine Print-Ausgabe, eine digitale Print-Plus-Ausgabe, die als digitale Version als PDF inhaltlich komplett identisch ist (Typus 1), sowie eine dritte, rein digitale Version, die ein eigenständiges Lehrwerk mit eigenem inhaltlichem Aufbau, weiteren Medien und interaktiven Elementen darstellt (vgl. Typus 3) ausschließlich digitaler Typus). Diese beinhalten unter anderem eine speicherbare, nützliche Notizfunktion für Gruppenarbeit und Diskussion, eine Zoomfunktion für Bilder und Texte, vielfältige, abwechslungsreiche und thematisch passende Medien: Audio und Filme, interaktive Elemente, Lernspiele, für Unterricht und zu Hause (Claudius, o.J.).

Das im Calwer Verlag in Zusammenarbeit mit dem Moritz Disterweg Verlag erschienene „Kursbuch Religion“ sowie das „Kursbuch Religion elementar“ verfügen mit der sog. BiBox über ein digitales Unterrichtssystem zu ihrem Lehrwerk, welches eine individuelle und differenzierte Ausgabe von Unterrichtsmaterialien an die Lernenden ermöglicht (Typus 2). Neben dem digitalen Schulbuch enthält es Materialien zur Vertiefung (u.a. Quellentexte, Bildmaterial und Materialblätter), Klausurvorschläge, Planungshilfen für Kursverläufe (den Abiturvorgaben entsprechend), Filme, Werkzeuge zum Bearbeiten der Schulbuchseiten, Uploadfunktion eigener Dateien, Materialfreischaltung für die Schülerinnen und Schüler sowie ein zusätzliches System, um die einzelnen Lernenden individuell zu verwalten (Calwer, o.J.). Diese Übersicht zeigt, wie unterschiedlich Religionsbücher in ihrer Konzeption funktionieren – letztlich eint aber alle die Intention, religiöse Lehr- und Lernprozesse unterstützen zu wollen. Ob und wie dies am ehesten geleistet werden kann bzw. welchem Typus dies am besten gelingt, und welchen Mehrwert das Digitale dabei darstellt, bietet unseres Erachtens Anlass für spannende empirische wie theoretische Studien.

4. Ausblick

Offen bleibt die Frage, wie häufig digitale Religionsbücher gegenwärtig tatsächlich Verwendung finden. Ein zukunftsfähiger Religionsunterricht sollte digitale Medien als grundlegenden Bestandteil der Lebenswelt Lernender anerkennen und inhaltlich-reflexiv z.B. in Form von digitalen Religionsbüchern aufnehmen.

Auch in anderen Fächern nehmen digitale Schulbücher eine zunehmend bedeutsamer werdende Rolle ein, was an der Vielzahl an Veröffentlichungen der Schulbuchverlage und deren Diskussion in den Fachdidaktiken abzulesen ist (Totter/Müller-Kuhn/Keller-Lee/Rast, 2023). An dieser Stelle muss sich die Religionspädagogik fragen, wie sie – auch im Vergleich mit den anderen Fächern und deren Fachlogiken – ihre Anschluss- und Zukunftsfähigkeit behält. Diese Zukunftsfähigkeit zielt zum einen darauf, die Lernenden im Sinne der Identitätsbildung → Identität mit ihren Fragen ernst zu nehmen und auch auf die digital-gesellschaftlichen Herausforderungen wie z.B. den Umgang mit Künstlicher Intelligenz, Chatbots, Robotik oder Fake News medienkompetenzorientiert vorzubereiten. Dabei können differenzierende und heterogenitätssensible Aufgabenformate auch im Hinblick auf → Inklusion dazu beitragen, dass mehr Lernende angesprochen werden und dem Religionsunterricht letztendlich Relevanz abgewinnen können. Zum anderen steht der Religionsunterricht auch in der Pflicht, einen Beitrag zur → Bildungsgerechtigkeit zu leisten, denn in Deutschland ist die Finanzierung von Lernmitteln nicht einheitlich geregelt, sodass mancherorts Schulbücher auch von Erziehungsberechtigten selbst finanziert werden müssen. Hier kann das digitale Religionsbuch unterstützen, da dieses häufig kostengünstiger als das Printmedium zur Verfügung steht. Wie dargestellt, bietet das Bildungsmedium des digitalen Religionsbuchs viel Potential, auch im Hinblick auf die aktuellen religionspädagogischen Schlüsselthemen wie Subjektorientierung sowie Digitalisierung und eröffnet in der Zukunft sicherlich noch weitere Entwicklungsfelder. Religionspädagogisch relevant und weiter zu beforschen bleibt die Frage, inwiefern sich das digitale im Vergleich zum gedruckten Schulbuch eignet, gelebten und gelehrten Religion zu zeigen und zu erschließen. Um das Potential weiter ausschöpfen zu können, besteht die dringende Notwendigkeit, Religionslehrkräfte in allen drei Phasen der Aus- und Weiterbildung auf die sich ständig weiterentwickelnde digitale Lehr- und Lernumgebung vorzubereiten.

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