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Bohne, Gerhard (1895-1977)

(erstellt: März 2023)

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Die Biografie und das wissenschaftliche Oeuvre des Religionspädagogen Gerhard Bohne lassen sich anhand der vorliegenden Forschungsarbeiten und der überlieferten Quellenlage relativ gut rekonstruieren und in den zeit- und theologiegeschichtlichen Entwicklungen in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts kontextualisieren. Bohne zählt zu den wichtigsten Protagonisten der Evangelischen Unterweisung, wobei seine Berufsbiografie und seine religionspädagogisch-theologische Orientierung Nähen insbesondere zu Martin Rang (1900-1988) und Helmuth Kittel (1902-1984) aufweisen. Es verbindet die drei ihre Lehrtätigkeit an den Pädagogischen Akademien in der Weimarer Republik, an den Hochschulen für Lehrerbildung in der NS-Zeit und an den Pädagogischen Hochschulen in Westdeutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs und damit ein jahrzehntelanger, bis in die 1970er Jahre reichender Einfluss auf die Religionspädagogik und den Religionsunterricht. Mit Kittel teilte Bohne die Begeisterung für das Militärische und eine aufklärungskritische Grundhaltung, auch er war Mitglied der NSDAP, ohne sich für einen völkischen Religionsunterricht zu engagieren. Wie Kittel und viele seiner Zeitgenossen vermied Bohne eine kritische Auseinandersetzung mit seiner politischen Haltung in der NS-Zeit. Mit Rang teilte er Ansätze der Wort-Gottes-Theologie Karl Barths, suchte jedoch nicht den Weg zur Bekennenden Kirche. Alle drei standen unter dem Einfluss der sogenannten Lutherrenaissance und lehnten die vom Kulturprotestantismus beeinflusste liberale Religionspädagogik der 1920er Jahre ab (Wermke, 2020). Stärker als Kittel und Rang nahm Bohne als akademischer Lehrer und späterer Kollege von Hans Bernhard Kaufmann (1926-2022), Einfluss auf die frühen Anfänge des sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre etablierenden problemorientierten Religionsunterrichts (Wermke, 2018, 19). Mit Bohne und unter gemeinsamer Bezugnahme auf Dietrich Bonhoeffer begriff Kaufmann die zunehmende Entkirchlichung der (westdeutschen) Jugend als religionspädagogische Herausforderung, ohne freilich, dass Bohne dem von seinem Schüler maßgeblich entwickelten Ansatz folgen konnte (Bohne, 1977, 522-524; in Auseinandersetzung mit Hubertus Halbfas „Das Menschenhaus“, 1972).

1. In der Zeit des ausgehenden Kaiserreiches und der Weimarer Republik

1.1. Familienverhältnisse

Paul Gerhard Bohne wurde am 2. April 1895 als dritter Sohn des Pfarrers Paul Bohne in Zeutsch bei Stadtroda im Herzogtum Sachsen-Altenburg (Ost-Thüringen) geboren und verstarb am 11. Juni 1977 in Heikendorf bei Kiel. Er war mit der Pfarrerstochter Gertrud Lunderstädt (1898-1988) verheiratet, mit der er drei Kinder hatte. Die beiden Söhne Hellmut (1921-1942) und Hans-Dieter (1923-1943) starben als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. 1935 wurde die Tochter Ingrid, verh. Sperber, geboren.

1.2. Bohnes Militär- und Studienzeit

Nach seinem Abitur in Eisenberg (Ost-Thüringen) im März 1913 begann Bohne im Sommersemester mit dem Studium der Theologie in Leipzig. In dieser Zeit trat er der im Umfeld der pietistischen Erweckungsbewegung angesiedelten „Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung“ (DCSV) ein, über die er Ernst Otto (1891-1941), später Pfarrer in Eisenach, Mitglied der Bekennenden Kirche und Unterzeichner der Barmer Theologischen Erklärung (van der Hoek/Wermke, 2022) kennenlernte und mit dem er freundschaftlich verbunden blieb. Ein Jahr später wechselte Bohne nach Tübingen und studierte dort u.a. bei dem von ihm verehrten Neutestamentler Adolf Schlatter (1852-1938).

Bohne hatte sich im August 1914 als kriegsfreiwilliger Infanterist und Offizieranwärter gemeldet. Zunächst wegen einer Herzschwäche zurückgestellt, wurde er 1915 einberufen. Er kämpfte u.a. vor Verdun und wurde im September 1916 an der Somme schwer verwundet und in ein Reserveregiment in Leipzig abkommandiert. In seinen Lebenserinnerungen schilderte Bohne sein sogenanntes Kriegserlebnis an der deutsch-französischen Front als die prägende Erfahrung für seine spätere religionspädagogische Entwicklung (Bohne, 1977, 205; siehe hierzu Kaufmann, 1995, 12-19; Käbisch/Wermke 2007, 22-25; Käbisch, 2009, 198f.).

Nach Abschluss des ersten theologischen Examens 1917 nahm Bohne in Leipzig das Studium der Germanistik und Pädagogik auf.. 1919 legte er sein Lehramtsexamen sowie sein zweites theologisches Examen ab und wurde als Studienrat an der Oberrealschule in Altenburg tätig. 1920 reichte er seine Dissertation „Die religiöse Entwicklung der Jugend in der Pubertät“ bei Eduard Spranger (1882-1963) in Leipzig ein, die 1922 in gekürzter Form publiziert wurde (Bohne, 1922). 1929 erschien sein Buch „Das Wort Gottes und der Unterricht“ (Bohne, 1929), das in 1932 in zweiter Auflage erschien und die Religionsdidaktik bis in die 1960er Jahre hinein entscheidend prägen sollte. Im selben Jahr wechselte Bohne an die deutsche Aufbauschule in Jena. 1930 übernahm er an der jüngst gegründeten Pädagogischen Akademie in Frankfurt/Oder die Professur für das Fach evangelische „Religionswissenschaft“, die die Lehre der evangelischen Theologie und ihrer schulischen Didaktik umfasste. Nach der Schließung der Akademie 1932 wurde Bohne zunächst an die Pädagogische Akademie in Elbing (Ostpreußen) versetzt und 1933 als Professor für „Evangelische Religionslehre und Methodik des Religionsunterrichts“ an die kurz zuvor in „Hochschule für Lehrerbildung“ umbenannte Pädagogische Akademie in Kiel berufen.

Bereits in den 1920 Jahren veröffentlichte Bohne in verschiedenen pädagogischen Publikationen wie der „Zeitschrift für den evangelischen Religionsunterricht“ (ZefRU) oder der „Thüringer Lehrerzeitschrift“; in der Literaturzeitschrift „Eckart“ veröffentlichte er regelmäßig Rezensionen und beteiligte sich an zwei von Otto Eberhard (1875-1966) herausgegebenen Sammelbänden zum Arbeitsschulunterricht (das vollständige Schriftenverzeichnis Bohnes findet sich in Käbisch/Wermke, 2007, 368-380). Zugleich engagierte sich Bohne in verschiedenen Fachverbänden wie dem „Deutsch christlichen Akademikerverband“, dem „Deutschen evangelischen Religionslehrerverband“ und der „Gesellschaft für Evangelische Pädagogik“. Aufgrund seiner wachsenden Bekanntheit wurde er zu Tagungen des „Evangelischen Reichselternbundes“ (1925), des „Reichserziehungsverbandes“ (1930), des „Vereins Deutscher Evangelischer Lehrerinnen“ (1931) oder des „Internationalen Verbandes evangelischer Erziehungs- und Unterrichtsorganisation“ (1932) als Redner eingeladen. In seinen Veröffentlichungen und Vorträgen beschäftigte er sich mit der Standortbestimmung des Religionsunterrichts, mit entwicklungspsychologischen Fragestellungen sowie mit dem Konzept einer gemeinsam von Elternhaus und Schule verantworteten evangelischen Erziehung.

2. In der Zwischenkriegszeit

2.1. Bohnes Rolle im Thüringer Schulkampf

In der ersten Hälfte der 1920er Jahre engagierte sich Bohne in dem in Thüringen besonders heftig geführten ‚Schulkampf‘ um die künftige weltanschauliche oder christliche Bekenntnisorientierung des Volksschulwesens. Altenburg bildete zu Beginn der 1920er Jahre das Zentrum der proletarischen Freidenkerbewegung in Thüringen, die u.a. in der „Reicharbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde“ oder im „Bund der freien Schulgesellschaften“ organisiert war und mit der Abschaffung des Religionsunterrichts die Einrichtung einer ‚freien weltlichen‘, d.h. sozialistischen Schule forderte. Hingegen kämpfte der „Christliche Elternbund“ für den Erhalt des evangelischen Volksschulwesens. Der politische Kampf um die Haltung der Eltern gegenüber der Bekenntnisorientierung des Schulwesens war insofern von hervorgehobener Bedeutung, da nach Artikel 142 der Reichsverfassung der Elternwille bis zur Verabschiedung eines Reichsschulgesetzes über die Konfessionsgebundenheit des Schulwesens entschied. Als Geschäftsführer des „Thüringer Elternbundes“ galt Bohne mit seinen Schriften und öffentlichen Reden als Hauptkämpfer für das evangelische Schulwesen in Thüringen. Bohne wird es als herbe Niederlage erlebt haben, als 1927 die Thüringer Landeskirche mit der Landesregierung ein Simultanschulwesen vereinbarte und damit das Konzept eines evangelischen Schulwesens aufgab. Bohne äußerte sich sehr kritisch zu dieser kirchenpolitischen Entscheidung und beendete seine Mitwirkung im Elternbund, der nun ohnehin zur Bedeutungslosigkeit verkam. Dass mit dem „Thüringer Schulkompromiss“ zugleich ein weltliches Schulwesen, in dem für den konfessionellen Religionsunterricht kein Ort mehr gewesen wäre, verhindert war, vermochte Bohne nicht zu wertschätzen.

2.2. Bohne und die Reform der Volksschullehrerbildung

Bohnes Ruf an die kurz zuvor gegründete Pädagogische Akademie in Frankfurt an der Oder erfolgte 1929. Die im Laufe der 1920er Jahre in Preußen gegründeten Pädagogischen Akademien bildeten das Zentrum der Reform der Volksschullehrerbildung unter Kultusminister Carl H. Becker in Preußen. Die überwiegend konfessionell gebundenen Akademien bildeten einen Kompromiss zwischen der von den meisten preußischen Universitäten, dem Finanzministerium und auch von den Kirchen abgelehnten universitären Volksschullehrerausbildung und der bisherigen seminaristischen Lehrerausbildung, die auf Grund von Art. 143 (2) der Reichsverfassung zu beenden war (Wermke, 2016; zu den Positionen der jüdischen Verbände siehe 163-231). Die Akademien beanspruchten, beispielsweise durch die Einführung betreuter Schulpraktika und die Verzahnung von Fachwissenschaft und Fachdidaktik in der Lehre, die Spannung zwischen wissenschaftlicher Theoriebildung und pädagogischer Praxis zu überwinden. In der Tat lässt sich an dem Lehrangebot Bohnes die Absicht zeigen, fachtheologische, -didaktische und unterrichtsmethodische Reflexionen mit unterrichtspraktischen Fragestellungen zu verbinden.

Andererseits unterlief das Ringen der Akademien um eine wissenschaftliche und soziale Gleichstellung mit den Universitäten (Anpassung der Gehaltsstruktur, Zuerkennung des Promotionsrechts etc.) ihr gleichzeitiges Bemühen um eine ausgewogene wissenschafts- und berufsfeldorientierte Ausbildung. So zeugt auch Bohnes Personalakte von dessen langjährigen (vergeblichen) Kampf um die nachträgliche Anerkennung als ordentlicher Universitätsprofessor. Die Bekenntnisorientierung der Lehrerbildung entsprach zwar Bohnes pädagogischem Selbstverständnis; de facto war dies jedoch nicht der Fall, was ihn 1933 die Kritik äußern ließ, dass es sich bei den evangelischen Akademien „nur [um] humanistische Akademien mit Religionsdozenten“ handelt (Bohne, Die gegenwärtige Lage des Religionsunterrichts, 1933, zit. n. Wermke, 2016, 297).

2.3. „Das Wort Gottes und der Unterricht“ – Bohnes religionspädagogisches Proprium

Bohnes Studie „Das Wort Gottes und der Unterricht“ gilt als dessen wichtigste Publikation und wurde alsbald nach ihrem Erscheinen 1929 dem Einfluss der Dialektischen Theologie zugerechnet (dazu ausführlich Roggenkamp-Kaufmann, 2001, 662-671). Er selbst distanzierte sich von dieser Zuschreibung und bezeichnete die Dialektische Theologie vielmehr als „ausgesprochen pädagogikfeindlich“ (Sachanspruch und pädagogischer Bezug 1930, 365, zit. n. Käbisch/Wermke, 2007, 297), während Karl Barth wiederum Bohnes religionspädagogischen Ansatz des „in die Entscheidung zu stellen“ zurückwies (Barth, 1932, 51). In seiner zeitdiagnostischen Wahrnehmung ging Bohne von einer zerstörten „Fiktion der Bildungseinheit von Kultur und Christentum“ aus, die durch die „Staatsumwälzung“ (Bohne, 1929, 31) 1919 und in dem Säkularisierungsphänomen seiner Zeit sichtbar geworden sei. So befinde sich nach Bohne der Mensch aufgrund seiner Sündhaftigkeit in einer Spannung gegenüber Gott und die Kultur in einer „ewigen Krise“, sofern sie versuche, diese Spannung zu überbrücken. Entsprechend lehnte Bohne die pädagogische Leitvorstellung einer harmonischen Persönlichkeitsbildung ab. Er wies dem Religionsunterricht die Aufgabe zu, sich aus der kulturkritischen Haltung des Glaubens mit dem Anspruch der göttlichen Wirklichkeit auseinanderzusetzen, mit dem Ziel, dass „er das ihm aufgetragene Wort Gottes dem jungen, werdenden Menschen in menschlicher Lebendigkeit und steter psychologischer Anknüpfung an seine Entwicklung sagt und ihn dadurch in die Entscheidung vor Gott stellt oder doch ruft“ (Bohne, 1929, 117; im Original kursiv; Käbisch/Wermke, 2007, 118-123; Käbisch, 2009, 214-224).

3. In der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs

3.1. Bohne als Lehrer an der ‚Hochschule für Lehrerbildung‘

Im April 1933 wurde Bohne Professor für „Evangelische Religionslehre und Methodik des Religionsunterrichts“ an der Hochschule für Lehrerbildung in Kiel berufen (siehe zum Folgenden Hesse, 1995). Er unterzeichnete das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, trat 1933 dem NS-Lehrerbund, 1934 der SA-Reserve und 1937 schließlich der NSDAP bei und nahm mit jugendbewegter Begeisterung an den wehrsportlichen Übungen der Hochschule teil. In Lebenserinnerungen erklärte er, ohne seine Zustimmung Parteimitglied geworden zu sein, zwar keiner politischen Opposition angehört, „aber die evangelische Wahrheit ohne Kompromiß nach meinem Gewissen“ gelehrt zu haben (Bohne, 1977, 364). Nach Ausweis der Vorlesungsverzeichnisse der Hochschule für Lehrerbildung in Kiel bewegten sich Bohnes Lehrveranstaltungen im thematischen Umfeld seines in den 1920er Jahren entwickelten religionspädagogischen Denkens, sie geben aber Hinweise auf Einflüsse völkisches Gedankengut (bspw.: „Das Christuszeugnis im Unterricht der Volksschule“, Winterhalbjahr 1935/36; „Deutschheit und Christentum: Untersuchungen über die Voraussetzungen des evangelischen Religionsunterrichts an einer deutschen Schule“, Sommerhalbjahr 1936) zu erkennen.

3.2. Bohne zur Stellung des Alten Testaments im Religionsunterricht

In seinem 1934 in der Reihe ‚Völkisches Lehrgut‘ erschienenen Buch über „Evangelische Religion“ betonte er den bleibenden Wert des Alten Testaments für den Religionsunterricht, denn: „das Alte Testament ist auch Wort Gottes, wenn es vom Neuem [von Christus her] verstanden wird“ (Bohne, 1934, 51). Diese Einschätzung des Alten Testamentes sollte für Bohne problematisch werden, als er 1938 eine Seminararbeit zum Thema: ‚Der gegenwärtige Angriff auf das Alte Testament‘, das nicht im Einklang mit der NS-Doktrin stand, mit ‚im ganzen gut‘ beurteilte (Käbisch/Wermke, 2007, 49f.). Bohne wurde suspendiert, mit einem Disziplinarverfahren und vermutlich mit einem Publikationsverbot belegt. Das Dienststrafverfahren vor dem Kieler Gaugericht sowie das Parteiausschlussverfahren wurden mit der Schließung der Hochschule im September 1939 und kurz nach Bohnes Einberufung in die Wehrmacht eingestellt.

4. In der Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik

4.1. Als Professor an der Pädagogischen Hochschule in Kiel

In seinen ‚Lebenserinnerungen‘ berichtete Bohne, der 1941 zum Oberstleutnant, im Jahr darauf zum Hauptmann und 1943 schließlich zum Major befördert wurde, ausführlich über seine Beteiligung am Frankreichfeldzug, an der Besetzung Dänemarks und am Russlandfeldzug. Nach kurzer Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft wurde Bohne Anfang 1946 mit der Leitung der Pädagogischen Hochschule Flensburg beauftragt. Die Britische Militärregierung versetzt ihn schon im Juli nach Burg in Dithmarschen, wo er in Lehrgängen Studierende ehemaliger Lehrerbildungsanstalten auf die 1. Lehrerprüfung vorbereitete. 1948 wurde er zum Professor für evangelische Religionspädagogik an die Pädagogische Hochschule Kiel berufen, an der er bis 1961, in den letzten beiden Jahren als deren Rektor, lehrte. Von 1948 bis 1970 hielt er einen Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät der Universität Kiel inne. Neben seiner Lehr- und Publikationstätigkeit war Bohne seit 1956 Mitherausgeber der führenden religionspädagogischen Zeitschrift „Der evangelische Erzieher“. Aus seiner Pädagogikvorlesung gingen 1951 und 1953 die beiden Bände „Grundlagen der Erziehung“ hervor, die schon 1958 und 1960 eine zweite Auflage erfuhren. Darin deutete er die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts als ein Versagen der Erziehung und als das Ende der Aufklärungspädagogik, die zu einer neuen Pädagogik in der Verantwortung vor Gott führen müsse. In dieser Zeit gab er u.a. das Lehrbuch „Biblischer Unterricht“ (1966-1970) und das „Unterrichtswerk zum Neuen Testament“ (1970, 1977) heraus. Zudem arbeitet er an seinen bislang in Ausschnitten posthum veröffentlichten Lebenserinnerungen (siehe Kaufmann, 1995).

4.2. „Die religiöse Entwicklung der Jugend in der Reifezeit" (1922) und „Die Frömmigkeit des Kindes“ (1961)

Bohne setzte sich Zeit seines wissenschaftlichen Lebens mit entwicklungs- und religionspsychologischen Themen auseinander (Käbisch/Wermke, 2007, 368-390). Zweifellos steht Bohnes Idee für die 1961 abgeschlossene und posthum veröffentlichte Studie „Die Frömmigkeit des Kindes« (Kleeberg-Hörnlein/Wermke, 2017) in einem engen inhaltlichen und methodischen Zusammenhang zu seiner 1922 erschienenen Dissertation. In beiden Untersuchungen definierte er das Kind als ein selbstständiges Individuum, dessen Entwicklungsprozess als ein prägendes Zusammenspiel von Wachstums- und Bewegungsprozessen zu betrachten sei. Die Grundlage für dieses entwicklungspsychologische Verständnis kindlicher Religiosität hatte er bereits in seiner Dissertation angelegt, die stark unter dem Einfluss seines Lehrers Eduard Spranger stand. Spranger zählt als Vertreter der von Wilhelm Dilthey begründeten Geisteswissenschaftlichen Psychologie zu den sogenannten Klassikern der Pädagogik und besaß großen Einfluss auf die Gestaltung der Lehrerbildung in der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg (Wermke, 2016, 78-85). In der Studie „Die Frömmigkeit des Kindes“ zog Bohne neben den bereits in der Dissertation behandelten autobiografischen Texten aus der Zeit zwischen 1802 und 1920 eine Anzahl zeitgenössischer Schüleraussagen sowie Beobachtungen seiner beiden Söhne heran, die er in Bezug auf das Gottes- und Religionsverständnis junger Menschen untersuchte. In beiden Studien setzte sich Bohne mit den empirisch-psychologischen und historisch-soziologischen Arbeiten der Begründer der Religionspsychologie William James, Granville Stanley Hall sowie Edwin Diller Starbuck auseinander. Ebenso wie Spranger wandte Bohne die Strukturpsychologie auf religionspsychologische Fragestellungen an und bezog sich in seinen Überlegungen zur Entwicklung des Menschen in der Jugendzeit eng auf dessen Vorstellung einer Abhängigkeit der Entwicklung eines Individuums von seiner kulturellen Umwelt. Jedoch lehnte Bohne Sprangers idealistische Menschenbild und Erziehungsziel – die Entwicklung zur harmonischen Persönlichkeit – ab und deutete Religion nicht als ein Wertgebiet wie Kunst, Wirtschaft oder Wissenschaft, sondern als ein objektiv gegebenes Regulativ, das die anderen Wertgebiete, einschließlich das der Ethik, normativ bestimmt. Entgegen der üblichen Orientierung an Rousseaus Auffassung, dass von einer relevanten Religiosität erst ab dem Jugendalter zu sprechen sei, stellte Bohne fest, dass bereits bei Kindern eine religiöse Anlage vorhanden sei und ihre Frömmigkeit nicht allein der Nachahmung unterliege. Seine Befunde ermöglichten ihm Rückschlüsse auf die Entwicklung und nähere Bestimmbarkeit kindlicher Religiosität („Frömmigkeit“).

Die bei Bohne zu beobachtende Kontinuität zwischen den in den 1950er Jahren entwickelten Auffassungen und seinen früheren Forschungsarbeiten über das Wesen des Kindes, dessen Religiosität und die Entwicklungsweise seines Glaubensverständnisses aus den 1920er Jahren zeigen sich in weiteren Publikationen wie in dem 1926 erschienenen Aufsatz „Die Bedeutung der Strukturpsychologie für den Religionsunterricht“ und in dem 1928 erschienenen Band „Warum unsere Kinder den Glauben verlieren?“.

4.3. Ehrungen seines Lebenswerks

Wegen seiner Verdienste um die Religionspädagogik wurden Bohne 1954 die Würde eines Ehrendoktors durch die Theologische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und 1963 das Bundverdienstkreuz verliehen. Anlässlich seines 65. und 70. Geburtstags wurden Bohne zwei Festschriften gewidmet (Heeger, 1960; Bohnsack/Gerdes/Heeger, 1965). Die Kirchenleitung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Landeskirche (heute Nordkirche) verleiht seit 1980 jährlich den „Gerhard-Bohne-Preis“ für die beste Arbeit im Unterrichtsfach evangelische Religionslehre.

5. Würdigung und Forschungsfragen

Der religionsdidaktische Ansatz der Evangelischen Unterweisung dient noch in der heutigen Religionspädagogik weitgehend als Negativfolie der pädagogikfeindlichen und empirielosen und unter dem Einfluss einer autoritären Wort-Gottes-Theologie stehenden Religionspädagogik, für die Bohnes Publikation „Das Wort Gottes und der Unterricht“ als programmatisches Grundlagenwerk steht. In bildungshistorischen und religionsdidaktischen Abhandlungen wird Bohne zum Kronzeugen einer kerygmatischen Religionspädagogik stilisiert, die als Gegenpol einer subjektorientierten Religionsdidaktik allein noch in seiner historischen Bedeutung von Interesse sei (Biehl/Rothgangel, 2006, 184f.)

5.1. Bohnes Stellung in der Entwicklungspsychologie

Auch wenn die Einflussnahme der dialektischen Theologie auf die Religionspädagogik (Käbisch/Wermke, 2007) und der Vorwurf der „Verleugnung des Kindes“ (Loch, 1964) in Bezug auf Bohnes religionspädagogisches Werk widerlegt (Kleeberg-Hörnlein/Wermke, 2017) sind, stellt sich dennoch die Frage nach dessen Beitrag für die Einsicht in das Kind-Sein als eines eigenen „Modus der Menschlichkeit“. Zunächst ist festzuhalten, dass Bohnes Untersuchungen zur stufenweisen Entwicklung der Religiosität des Kindes auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis und dem methodischen Vorgehen der Allgemeinen Erziehungswissenschaft, → Entwicklungspsychologie und Religionspädagogik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewegten. Für die Berechtigung der Annahme, dass Bohne zu seiner Zeit als einer der führenden Personen der deutschsprachigen Religionspädagogik galt, sprechen seine Verfasserschaft der beiden Artikel „Kinderpsychologie“ und „Religionspsychologie“ in der 1959 veröffentlichten dritten Auflage des einschlägigen Lexikons „Religion in Geschichte und Gegenwart“ sowie die Rezeption seiner Studien außerhalb der Religionspädagogik (Kleeberg-Hörnlein/Wermke, 2017). Besonderes Interesse wäre dem Befund zu widmen, dass Bohne in seinen Studien Biografien als Quellenmaterial heranzieht, die der liberale Religionspädagoge Richard Kabisch (1868-1914) in seinem erstmals 1910 erschienenen Standardwerk „Wie lehren wir Religion?“ ebenfalls untersucht hat.

5.2. Die Demokratiefähigkeit einer kulturkritischen Religionspädagogik

Bohne hielt es aus theologischen Gründen für nicht opportun, sich positiv zur demokratischen Verfassung der Bundesrepublik zu äußern. Freilich sah er das „demokratische […] Deutschland“ in der Auseinandersetzung mit dem „marxistische[n] Sozialismus“, während zugleich „die pluralistische Gesellschaft auch vom Christentum grundsätzliche Toleranz jeder anderen Weltanschauung fordert,“ so dass „der evangelische Religionsunterricht also zwischen Terror und Indifferenz [steht] und […] beiden gegenüber den in Wahrheit evangelischen Weg suchen [muss]“ (Bohne, 1977, 576). Bohnes kultur- und aufklärungskritische Haltung und dem damit verbundenen Bildungsverständnis schließt jedoch nicht prinzipiell eine demokratisch-politische Haltung aus (Käbisch/Wermke, 2007, 139-141). Vielmehr wäre Bohnes Verständnis einer kulturkritischen Religionspädagogik hinsichtlich seiner Anschlussfähigkeit an neuere bildungstheoretische Ansätze zur religiösen und ethischen Urteilskompetenz in der pluralistischen Gesellschaft zu prüfen. In diesem Zusammenhang ließe sich Bohnes Begriff der Entscheidung im Sinne christlich-reflexiver Positionalisierung in der sogenannten Optionsgesellschaft neu bedenken.

5.3. Bohnes Lebenserinnerungen und das Männlichkeitsideal der Religionspädagogik

Trotz seiner prägenden Fronterfahrungen, des Verlusts enger Familienangehöriger und seiner eigenen schweren Kriegsverletzungen im Ersten Weltkrieg und trotz der Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs, an denen Bohne offenbar beteiligt war (Bohne, 1977, 432), und des Holocausts finden sich in seinen 1977 abgeschlossenen Lebenserinnerungen keinerlei kritische Reflexionen der NS-Zeit und des Krieges. Für Bohne galt das Aufkommen des Nationalsozialismus als Folge des Versailler Vertrags und die Schuld am Judenmord bereits als wiedergutgemacht. Momente der selbstkritischen Einsicht eigener Schuldverstrickungen als NSDAP-Mitglied und Frontkämpfer oder der Trauer um seine beiden Söhne finden sich in seinen Lebenserinnerungen nicht. Vielmehr präsentiert sich in ihnen das ungebrochene Selbstverständnis eines Mannes, der seine Faszination für alles Soldatische freimütig einräumte, sich als Christ und Patriot zur Waffe gerufen sah und als Soldat „den Geist zuchtvoller Männlichkeit“ verkörperte (Bohne, 1977, 471). Das dem Mann vorbehaltene Felderlebnis auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs deutete er als göttliches Offenbarungsereignis, das ihm die Nichtigkeit menschlicher Kulturleistung im Angesicht der Allmacht Gottes erkennen ließ, ohne selbst die Rechtmäßigkeit kriegerischer Gewalt theologisch ernsthaft zu bezweifeln. Vor dem Hintergrund des männlichen Selbstverständnisses von Gerhard Bohne wie auch anderer Religionspädagogen seiner Generation stellt sich die essenziell wichtige Frage, inwieweit die Religionspädagogik der Nachkriegszeit und die auf sie aufbauenden religionspädagogischen Diskurse von einem „toxischen Männlichkeitsideal“ bestimmt sind.

Literaturverzeichnis

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