• Weiser, Weisheit

Als weise gilt im alten Israel, wer geübt und fähig ist, etwas richtig, meisterhaft zu tun. So zeigt sich Weisheit schon in der Beherrschung irgendeiner geistigen und handwerklichen Fähigkeit (Ex 31,1-11; Jer 9,16 wörtlich). Vor allem aber zeigt sie sich in der Fähigkeit, den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen im eigenen Leben und im Zusammenleben der Menschen zu erkennen und das eigene Leben und das der Gemeinschaft diesen Erkenntnissen entsprechend zu gestalten. Letztlich geht es der Weisheit darum, zu erkennen, wie Welt und Leben eigentlich geordnet sind und wie der Mensch sich diesen Ordnungen am besten einzufügen hat – zum eigenen Wohl und zum Wohl aller.
Israel wetteiferte mit den großen Kulturvölkern seiner Zeit in der Formulierung und Sammlung entsprechender Einsichten (siehe v.a. die biblischen Bücher »Sprichwörter« und »Sirach«). Wie David als urbildlicher Psalmsänger, so galt Salomo als »Vater« dieser Weisheitsdichtung. (Was über seine sprichwörtlich gewordene Weisheit in 1Kön 5,12-13 gesagt wird, bezieht sich allerdings auf eine Art von Sprüchen, die in der Bibel nicht überliefert sind und die naturkundliches Wissen zum Inhalt haben.) Ungeachtet der internationalen Verflechtung stand für Israel immer fest: Alle Weisheit kommt letztlich von Gott; und Gott ernst zu nehmen ist aller Weisheit Anfang (Ijob 28,28; Spr 1,7; Sir 1,14.16). Zu vergleichen ist hier auch die ausführliche Anmerkung zu Spr 1,1.
Das Verhältnis der Weisheit zu Gott wird im Lauf der Zeit immer mehr durchdacht und gedanklich entfaltet. Gott ist der Ursprung aller Weisheit (Spr 2,6; Weish 8,21; Sir 1,1). In Weisheit hat er die Welt geschaffen (Spr 3,19-20), und seine Weisheit trägt sie und hält sie im Innersten zusammen (Sir 1,9-10; Weish 8,1). Gottes Weisheit ist in den großen Königen, Propheten und Weisen seines Volkes am Werk (1Kön 3,11-12.28; Esra 7,25; Dan 1,17; Weish 7,27; 9,9-18). Ihre vollkommenste Offenbarung aber ist das Gesetz Moses (Sir 24,23-29; Bar 4,1-4).
Die Weisheit kann als Person gedacht werden. Vor aller Schöpfung war sie bei Gott, und durch sie wurde alles geschaffen (Spr 8,22-31; Weish 8,3-4; Sir 24,1-6). Durch sie offenbart sich Gott den Menschen und ruft sie zu einem vollkommenen, erfüllten Leben (Spr 1,20-33; 8,32-36; 9,1-6). Die Weisheit sucht Wohnung auf Erden und findet sie in Israel (Sir 24,7-13; Bar 3,15-38). »Sie ist ein Hauch, der von dem allmächtigen Gott ausgeht, ein reiner Ausfluss seiner Herrlichkeit … Sie ist der Abglanz des ewigen Lichtes, der ungetrübte Spiegel von Gottes Macht, das Abbild seiner Vollkommenheit« (Weish 7,25-26). Der jüdische Philosoph Philo von Alexandria bezeichnet die Weisheit als den »Erstgeborenen Sohn Gottes«, als »Bild Gottes«, als »Anfang der Schöpfung«.
So wurden in der Beschäftigung mit der göttlichen Weisheit im Judentum die Bilder und Begriffe bereitgestellt, mit deren Hilfe die ersten Christen die einzigartige Würde von Jesus Christus erfassen und angemessen ausdrücken konnten (Joh 1,1-18; Kol 1,15-18; Hebr 1,1-3Sohn Gottes, Wort); denn in Jesus Christus ist Gottes Weisheit in Person auf der Erde erschienen (vgl. Mt 11,19.28-30; Lk 7,35; 11,49; 1Kor 1,18-25.30).

Quelle: Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart