• K√∂nigsherrschaft (Gottes)

Wörtliche Übersetzung des herkömmlich mit »Reich Gottes« wiedergegebenen Begriffs und zentraler Gegenstand der Verkündigung Jesu. Wenn Jesus den baldigen Anbruch der »(Königs-)Herrschaft Gottes« ansagt, dann antwortet er damit auf Erwartungen, die zu seiner Zeit im Judentum lebendig waren. Israel hatte die staatliche Selbständigkeit verloren und stand seit dem babylonischen Exil unter der Herrschaft fremder Reiche; nach dem Intermezzo der makkabäischen Erhebung und der kurzen Blüte eines neuen Königtums wurde die Herrschaft der Römer nur umso drückender empfunden. Die Hoffnungen richteten sich auf einen Heilskönig (Christus), der das Reich Davids wiederherstellen und Israel zum politischen Mittelpunkt der Welt machen sollte Noch weiter gehende Hoffnungen richteten sich auf ein Eingreifen Gottes, das diese ganze von Unrecht, Leiden und Tod beherrschte Welt verwandeln und anstelle der Weltreiche ein »Reich Gottes« heraufführen würde (Dan 7-11); diese Erwartungen waren mit der Gestalt des Menschensohns verbunden. In der gegenwärtigen Welt – so das Empfinden der Frommen – war von einer »Herrschaft Gottes«, vom Erweis seines Herrseins und von dem Heil und Frieden, die er durch seinen Bund seinem Volk versprochen hatte, nicht das mindeste zu spüren.
Jesus knüpft mit seiner Botschaft vom bevorstehenden Anbrechen der »Herrschaft Gottes« an diese weiter gehende Erwartung an; von einer politischen Zukunftsvision ist bei ihm nirgends etwas zu finden (Christus). Gottes »Reich« ist der Weltzustand, in dem die Menschen Gott die Ehre erweisen und einander nach seinem Willen lieben (vgl. die drei ersten Bitten des Vaterunsers; Mt 6,9-10), in dem aber auch Leiden und Tod ein Ende haben (vgl. die Seligpreisungen Mt 5,3-9). Im Blick darauf gibt Jesus dem Willen Gottes im Gesetz die radikale Zuspitzung auf das Liebesgebot (Mt 5,21-48); im Blick darauf nimmt er die »verlorenen Schafe« des Volkes Israel in seine Gemeinschaft auf (Lk 15) und gibt in seinen Heilungen und Dämonenaustreibungen einen Vorgeschmack von Gottes kommender neuer Welt (Mt 11,2-6; 12,28par).
Mit Jesus und seinem Wirken ist das Gottesreich schon mitten in der gegenwärtigen Welt im Anbrechen (Lk 17,20-21) und zieht die Menschen, die sich Jesus anschließen, in radikaler Weise in diesen Prozess hinein (Mt 13,44-46; Mk 8,34-38; Lk 14,25-33). Der Frage, ob und wie sich Gottes Herrschaft durchsetzen werde, begegnet Jesus mit den sogenannten Kontrastgleichnissen (z.B. Mk 4,2-8.26-29.30-32; Mt 13,33). Sie besagen: Der entscheidende Anfang ist gemacht. Auch wenn er geringfügig und ohnmächtig erscheinen mag in dieser Welt: Gott wird sein Werk vollenden! Dies ist nicht das Ergebnis eines kontinuierlichen, positiv fortschreitenden innerweltlichen Prozesses; vgl. vielmehr Mk 13,7-20par; Mt 24,37-44.
Die Übersetzung sucht der Bedeutungsfülle des Begriffs der »(Königs-)Herrschaft Gottes« gerecht zu werden, indem sie jeweils verdeutlicht, welcher Gesichtspunkt bzw. welche »Phase« im Blickpunkt steht: der maßgebliche Anfang in der Verkündigung und den Taten von Jesus (= »Gott richtet seine Herrschaft auf«), die endgültige Durchsetzung im Gericht und der Neuschaffung der Welt (= »Gott vollendet sein Werk«) oder das Vollendungsziel (= »Gottes neue Welt«).
Statt von der »Herrschaft Gottes« spricht das Matthäus-Evangelium, um nach jüdischer Sitte das Wort »Gott« möglichst nicht auszusprechen, vorwiegend von der »Herrschaft des Himmels«, was in dieser Übersetzung, da es für uns missverständlich ist, nicht nachgeahmt wird.

Quelle: Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart