• Jünger

Ähnlich wie die Gesetzeslehrer (vgl. Mt 22,16; Mk 2,18) und der Täufer Johannes (Mt 11,2; Mk 2,18; Lk 11,1; Joh 1,35) hatte auch Jesus »Schüler« (so wörtlich), die ihm auf seinen Wanderungen folgten und sich seiner Autorität unterstellten. Jünger von Jesus sind im Neuen Testament nicht nur die zwölf Apostel, sondern darüber hinaus noch ein weiterer Kreis von Männern (Mk 2,15). Auch viele Frauen befanden sich im Gefolge von Jesus; der geprägte und für die Jüngerschaft typische Ausdruck »Nachfolge/nachfolgen« wird auf sie ebenso angewandt wie auf die Männer (Mk 15,41par). Wo Lukas von der »großen Menge der Jünger« spricht (Lk 6,17; 19,37), sind sie zweifellos mitgemeint (siehe Anmerkung zu Lk 6,17), und in der Apostelgeschichte von Lukas wird »die Jünger« vollends zur Bezeichnung für die Gemeinde als Ganze, Männer und Frauen, weshalb diese Übersetzung die Frauen einschließende Mehrzahlform hier auch mit »Jünger und Jüngerinnen« wiedergibt (vgl. Apg 6,1 und Anmerkung dort; siehe ferner Mt 28,19 und Anmerkung).
Beim jüdischen Rabbi gehörten die Schüler/Jünger für die Zeit ihrer Ausbildung zum Haushalt ihres Lehrers und bildeten mit ihm eine Lern- und Lebensgemeinschaft. Bei öffentlichen Auftritten ging der Meister voran, seine Schüler »folgten ihm« in angemessenem Abstand. Wenn Jesus durch das Land zog, muss sein Erscheinungsbild in vielem dem eines solchen Rabbis mit dem Kreis seiner Jünger geglichen haben. Doch hatte Jesus keinen festen »Haushalt«, und seine Jünger waren angewiesen, seine Heimatlosigkeit und Ungeborgenheit zu teilen (Mt 8,19-20par). Sie mussten für ihre Ausbildung auch nichts bezahlen, und wie ihr Meister und zusammen mit ihm lebten sie in äußerster materieller Anspruchslosigkeit, ganz vertrauend auf die Fürsorge Gottes (Mt 6,11.25-34), der für sie in besonderer Weise zum »Vater« wurde, wie er es für Jesus war (Abba; Mt 6,9).
Während die Jünger eines Rabbis sich um Aufnahme in dessen Schülerkreis bewerben, ergreift Jesus die Initiative und »beruft« seine Jünger (Mk 1,16-20par), und zwar ausdrücklich, »wen er will« (Mk 3,13; Joh 15,16). Der Ruf löst aus allen weltlichen Sicherungen und aus tiefsten menschlichen Bindungen und kann geltende, ja »heilige« menschliche Rechte, Ansprüche, Pflichten souverän außer Kraft setzen (Mk 2,13-14; 10,21par; Lk 9,59-62). Wer den Ruf annimmt, muss mit seinem Leben abgeschlossen haben (Mk 8,35par; Lk 14,26); er muss »sich und seine Wünsche aufgegeben« haben und damit rechnen, in dieser Welt verkannt, verachtet und möglicherweise wie ein Verbrecher hingerichtet zu werden (Mk 8,34par).
Wie die Wunder, die Jesus vollbringt (Mt 12,28par), ist der Jüngerkreis von Jesus ein Zeichen der anbrechenden Königsherrschaft Gottes, und in diesem Sinn ist er »Salz für die Erde« und »Licht für die Welt« (Mt 5,13-16). Die Jünger werden darüber hinaus von Jesus auch ausgesandt, um durch Wort und Tat das Kommen der Herrschaft Gottes zu verkünden und zu bezeugen; sie werden an Auftrag und Werk von Jesus beteiligt (Mk 3,13-15; Lk 9,1-6; 10,1-12.16).
Im Sinn des erweiterten Jüngerbegriffs, wie er sich bei Lukas findet, weist der Auferstandene in Mt 28,19 die Apostel an, Menschen aller Völker »zu Jüngern« zu machen. Mit solcher Jüngerschaft ist nicht unbedingt die buchstäbliche Nachahmung der Existenz der ersten Jesusjünger – mit Besitzverzicht, Heimatlosigkeit, eventuell Ehelosigkeit und Zeugentod – verbunden, wohl aber eine Neuorientierung des ganzen Lebens nach den Maßstäben und aus den Kräften der kommenden Welt Gottes, wie sie in der Taufe begründet ist und sich auslebt in der Befolgung dessen, was Jesus seine Jünger und Jüngerinnen »gelehrt« hat (Mt 28,19-20 dabei ist vornehmlich an die Weisungen der Bergpredigt Mt 5-7 zu denken). Jüngerschaft ist nicht die Sonderexistenz besonders Erwählter und Geforderter, sondern – wie der Sprachgebrauch der Apostelgeschichte deutlich macht – die Lebensform der Christen überhaupt, die »sich und ihre Wünsche aufgeben« (Mk 8,34) und in den Spuren von Jesus gehen.

Quelle: Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart