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  • Das Buch Hiob (Ijob) (Hiob 20,1-21,34)

Zofars zweite Rede

201 Da antwortete Zofar von Naama und sprach:

2 Darum muss ich antworten, und deswegen kann ich nicht schweigen;

3 denn ich muss hören, wie man mich schmäht und tadelt, aber der Geist aus meiner Einsicht lehrt mich antworten.

4 Weißt du nicht, dass es allezeit so gegangen ist, seitdem Menschen auf Erden gewesen sind,

5 dass das Frohlocken der Gottlosen nicht lange währt und die Freude des Ruchlosen nur einen Augenblick?

6 Wenn auch sein Hochmut in den Himmel reicht und sein Haupt an die Wolken rührt,

7 so wird er doch für immer vergehen wie sein Kot, und die ihn gesehen haben, werden sagen: Wo ist er?

8 Wie ein Traum wird er verfliegen und nicht mehr zu finden sein und wie ein Nachtgesicht verschwinden.

9 Das Auge, das ihn gesehen hat, wird ihn nicht mehr sehen, und seine Stätte wird ihn nicht mehr schauen.

10 Seine Söhne werden bei den Armen betteln gehen, und seine Hände müssen seine Habe wieder hergeben.

11 Sind auch seine Gebeine voll Jugendkraft, so müssen sie sich doch mit ihm in den Staub legen.

12 Wenn ihm auch das Böse in seinem Munde wohlschmeckt, dass er es birgt unter seiner Zunge,

13 dass er es hegt und nicht loslässt und es zurückhält in seinem Gaumen,

14 so wird sich doch seine Speise verwandeln in seinem Leibe und wird Otterngift in seinem Bauch.

15 Die Güter, die er verschlungen hat, muss er wieder ausspeien, und Gott treibt sie aus seinem Bauch heraus.

16 Er wird Otterngift saugen, und die Zunge der Schlange wird ihn töten.

17 Er wird nicht sehen die Ströme noch die Bäche, die mit Honig und Milch fließen.

18 Er wird erwerben und doch nichts davon genießen und über seine eingetauschten Güter nicht froh werden.

19 Denn er hat unterdrückt und verlassen den Armen; er hat Häuser an sich gerissen, die er nicht erbaut hat.

20 Denn sein Wanst konnte nicht voll genug werden; mit seinem köstlichen Gut wird er nicht entrinnen.

21 Nichts entging seiner Fressgier; darum wird sein gutes Leben keinen Bestand haben.

22 Wenn er auch die Fülle und genug hat, wird ihm doch angst werden; alle Gewalt der Mühsal wird über ihn kommen.

23 Es soll geschehen: Damit er genug bekommt, wird Gott den Grimm seines Zorns über ihn senden und wird über ihn regnen lassen seine Schrecknisse.

24 Flieht er vor dem eisernen Harnisch, so wird ihn der eherne Bogen durchbohren!

25 Es dringt das Geschoss aus seinem Rücken, der Blitz des Pfeiles aus seiner Galle; Schrecken fahren über ihn hin.

26 Alle Finsternis ist für ihn aufgespart. Es wird ihn ein Feuer verzehren, das keiner angezündet hat, und wer übrig geblieben ist in seiner Hütte, dem wird's schlimm ergehen.

27 Der Himmel wird seine Schuld enthüllen, und die Erde wird sich gegen ihn erheben.

28 Die Flut wälzt sein Haus fort, Regengüsse am Tage seines Zorns.

29 Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe, das Gott ihm zugesprochen hat.

Hiobs zweite Antwort an Zofar

211 Hiob antwortete und sprach:

2 Hört doch meiner Rede zu und lasst mir das eure Tröstung sein!

3 Ertragt mich, dass ich rede, und danach spottet über mich!

4 Geht denn gegen einen Menschen meine Klage, oder warum sollte ich nicht ungeduldig sein?

5 Kehrt euch her zu mir; ihr werdet erstarren und die Hand auf den Mund legen müssen.

6 Wenn ich daran denke, so erschrecke ich, und Zittern ergreift meinen Leib.

7 Warum bleiben die Frevler am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?

8 Ihr Geschlecht ist sicher um sie her, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

9 Ihr Haus hat Frieden ohne Furcht, und Gottes Rute ist nicht über ihnen.

10 Ihr Stier bespringt und es missrät nicht; ihre Kuh kalbt und wirft nicht fehl.

11 Ihre Knaben lassen sie hinaus wie eine Herde, und ihre Kinder springen umher.

12 Sie jauchzen mit Pauken und Harfen und sind fröhlich mit Flöten.

13 Sie werden alt bei guten Tagen, und still ziehen sie in das Totenreich hinab,

14 und doch sagen sie zu Gott: »Weiche von uns, wir wollen von deinen Wegen nichts wissen!

15 Wer ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten? Oder was nützt es uns, wenn wir ihn anrufen?«

16 »Doch siehe, ihr Glück steht nicht in ihren Händen, und der Rat der Gottlosen ist ferne von mir.«

17 Wie oft verlischt denn die Leuchte der Frevler und kommt ihr Unglück über sie? Teilt er Schmerzen zu in seinem Zorn,

18 dass sie werden wie Stroh im Wind und wie Spreu, die der Sturmwind mit sich nimmt?

19 Spart Gott sein Unheil auf für die Kinder des Frevlers? Er vergelte es ihm selbst, dass er's einsehe!

20 Mit eigenen Augen möge er sein Verderben sehen, und vom Grimm des Allmächtigen möge er trinken!

21 Denn was liegt ihm an seinem Hause, wenn er dahin ist, wenn die Zahl seiner Monde zu Ende ist?

22 Wer will Gott Weisheit lehren, der auch die Hohen richtet?

23 Der eine stirbt frisch und gesund in allem Reichtum und voller Genüge,

24 sein Melkfass ist voll Milch, und sein Gebein wird gemästet mit Mark;

25 der andere aber stirbt mit verbitterter Seele und hat nie vom Glück gekostet,

26 miteinander liegen sie im Staub, und Gewürm deckt sie zu.

27 Siehe, ich kenne eure Gedanken und eure Ränke, mit denen ihr mir Unrecht antut.

28 Denn ihr sprecht: »Wo ist das Haus des Fürsten, und wo ist die Hütte, in der die Frevler wohnten?«

29 Habt ihr nicht befragt, die des Weges kommen, und nicht auf ihre Zeichen geachtet,

30 dass der Böse erhalten wird am Tage des Verderbens und am Tage des Grimms bleibt?

31 Wer sagt ihm ins Angesicht, was er verdient? Wer vergilt ihm, was er getan hat?

32 Wird er doch zu Grabe geleitet, und man hält Wache über seinem Hügel!

33 Süß sind ihm die Schollen des Grabes, und alle Menschen ziehen ihm nach, und die ihm vorangehen, sind nicht zu zählen.

34 Wie tröstet ihr mich mit Nichtigkeiten, und von euren Antworten bleibt nichts als Trug!