Lutherbibel 1984 (LU84)
6

Hiobs erste Antwort an Elifas

61Hiob antwortete und sprach:

2Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte! 3Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht. 4Denn die

6,4
Ps 38,3
Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet. 5Schreit denn der Wildesel, wenn er Gras hat, oder brüllt der Stier, wenn er sein Futter hat? 6Isst man denn Fades, ohne es zu salzen, oder hat Eiweiß Wohlgeschmack? 7Meine Seele sträubt sich, es anzurühren; es ist, als wäre mein Brot unrein.

8Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben, was ich hoffe! 9Dass mich doch Gott erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte! 10So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen – ob auch der Schmerz mich quält ohne Erbarmen –, dass ich nicht verleugnet habe die Worte des Heiligen.

11Was ist meine Kraft, dass ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, dass ich geduldig sein sollte? 12Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz. 13Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

14Wer Barmherzigkeit seinem Nächsten verweigert, der gibt die Furcht vor dem Allmächtigen auf. 15Meine

6,15
Ps 38,12
Brüder trügen wie ein Bach, wie das Bett der Bäche, die versickern, 16die erst trübe sind vom Eis, darin der Schnee sich birgt, 17doch zur Zeit, wenn die Hitze kommt, versiegen sie; wenn es heiß wird, vergehen sie von ihrer Stätte: 18Ihr Weg windet sich dahin und verläuft, sie gehen hin ins Nichts und verschwinden. 19Die Karawanen von Tema blickten aus auf sie, die Karawanen von
6,19
Kap
Saba hofften auf sie; 20aber sie wurden zuschanden über ihrer Hoffnung und waren betrogen, als sie dahin kamen. 21So seid ihr jetzt für mich geworden; weil ihr Schrecknisse seht, fürchtet ihr euch. 22Hab ich denn gesagt: Schenkt mir etwas und bezahlt für mich von eurem Vermögen 23und errettet mich aus der Hand des Feindes und kauft mich los von der Hand der Gewalttätigen?

24Belehrt mich, so will ich schweigen, und worin ich geirrt habe, darin unterweist mich! 25Wie kräftig sind doch redliche Worte! Aber euer Tadeln, was beweist das? 26Gedenkt ihr, Worte zu rügen? Aber die Rede eines Verzweifelnden verhallt im Wind. 27Ihr freilich könntet wohl über eine arme Waise das Los werfen und euren Nächsten verschachern. 28Nun aber hebt doch an und seht auf mich, ob ich euch ins Angesicht lüge. 29Kehrt doch um, damit nicht Unrecht geschehe! Kehrt um! Noch habe ich recht darin! 30Ist denn auf meiner Zunge Unrecht, oder sollte mein Gaumen Böses nicht merken?

7

71Muss nicht der Mensch immer im Dienst stehen auf Erden, und sind seine Tage nicht wie die eines

7,1
Kap
Tagelöhners? 2Wie ein Knecht sich sehnt nach dem Schatten und ein Tagelöhner auf seinen Lohn wartet, 3so hab ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet, und viele elende Nächte sind mir geworden. 4Wenn ich mich niederlegte, sprach ich: Wann werde ich aufstehen? Bin ich aufgestanden, so wird mir’s lang bis zum Abend, und mich quälte die Unruhe bis zur Dämmerung. 5Mein Fleisch ist um und um eine Beute des Gewürms und faulig, meine Haut ist verschrumpft und voller Eiter. 6Meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein
7,6
Jes 38,12
Weberschiffchen und sind vergangen ohne Hoffnung.

7Bedenke, dass mein Leben ein Hauch ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden. 8Und kein lebendiges Auge wird mich mehr schauen; sehen deine Augen nach mir, so bin ich nicht mehr. 9Eine Wolke vergeht und fährt dahin: so kommt nicht wieder herauf, wer zu den Toten hinunterfährt; 10er

7,10
Kap
kommt nicht zurück, und
7,10
Ps 103,16
seine Stätte kennt ihn nicht mehr.

11Darum will auch ich meinem Munde nicht wehren. Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele. 12Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst? 13Wenn ich dachte, mein Bett soll mich trösten, mein Lager soll mir meinen Jammer erleichtern, 14so erschrecktest du mich mit Träumen und machtest mir Grauen durch Gesichte, 15dass ich mir wünschte, erwürgt zu sein, und den Tod lieber hätte als meine Schmerzen. 16Ich vergehe! Ich leb’ ja nicht ewig. Lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch.

7,16
1. Kön 19,4

17Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst? 18Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden. 19Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe? 20Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin? 21Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder lässt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in die Erde legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein.

8

Bildads erste Rede

81Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

2Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren? 3Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder

8,3
Kap
der Allmächtige das Recht verkehrt? 4Haben
8,4
Kap
deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen. 5Wenn du aber dich beizeiten zu Gott wendest und zu dem Allmächtigen flehst, 6wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen
8,6
Ps 35,23
aufwachen und wird wieder aufrichten deine Wohnung, wie es dir zusteht. 7Und was du zuerst wenig gehabt hast, wird hernach sehr zunehmen.
8,7
Kap

8Denn frage die früheren Geschlechter und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben, 9denn wir sind von gestern her und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden. 10Sie werden dich’s lehren und dir sagen und ihre Rede aus ihrem Herzen hervorbringen: 11»Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser? 12Noch steht’s in Blüte, bevor man es schneidet, da verdorrt es schon vor allem Gras. 13So geht es jedem, der Gott vergisst, und

8,13
Kap
die Hoffnung des Ruchlosen wird verloren sein. 14Denn seine Zuversicht vergeht, und seine Hoffnung ist ein Spinnweb. 15Er verlässt sich auf sein Haus, aber es hält nicht stand; er hält sich daran, aber es bleibt nicht stehen. 16Er steht voll Saft im Sonnenschein, und seine Reiser wachsen hinaus über seinen Garten. 17Über Steinhaufen schlingen sich seine Wurzeln und halten sich zwischen Steinen fest. 18Wenn man ihn aber vertilgt von seiner Stätte, so wird sie ihn verleugnen, als kennte sie ihn nicht. 19Siehe, das ist das Glück seines Lebens, und aus dem Staube werden andre wachsen.«

20Siehe, Gott verwirft die Frommen nicht und hält die Hand der Boshaften nicht fest, 21bis er deinen Mund voll Lachens mache und deine Lippen voll Jauchzens. 22Die dich aber hassen, müssen sich in Schmach kleiden, und die Hütte der Gottlosen wird nicht bestehen.