Lutherbibel 1984 (LU84)
31

Hiobs Reinigungseid und Appell an Gott

311Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen,

31,1
Mt 5,28-29
dass ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau. 2Was gäbe sonst mir Gott als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige aus der Höhe? 3Wäre es nicht Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter? 4Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?
31,4
Kap
5Bin ich gewandelt in Falschheit, oder ist mein Fuß geeilt zum Betrug? 6Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld!

7Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen, 8so

31,8
3. Mose 26,16
will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und was mir gewachsen ist, soll entwurzelt werden.

9Hat sich mein Herz betören lassen um einer Frau willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert, 10so soll meine Frau einem andern mahlen, und andere sollen sich über sie beugen.

31,10
2. Sam 12,11
11Denn das ist eine Schandtat und eine Schuld,
31,11
5. Mose 22,22
die vor die Richter gehört. 12Ja, das ist ein Feuer, das bis in den Abgrund frisst und all meine Habe bis auf die Wurzel vernichtet.

13Hab ich missachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten, 14was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er nachforscht? 15Hat nicht

31,15
Spr 14,31
Mt 25,40
auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

16Hab ich

31,16
Kap
den Bedürftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen? 17
31,17-20
Jes 58,7
Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen? 18Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet.
31,18
Kap
19Hab ich zugesehen, wie jemand ohne Kleid verkommen ist, und den Armen ohne Decke gehen lassen? 20Hat er mich nicht gesegnet, wenn er von der Wolle meiner Lämmer erwärmt wurde? 21Hab ich meine Hand gegen eine Waise erhoben, weil ich sah, dass ich
31,21
Rut 4,1-11
im Tor Helfer hatte, 22so falle meine Schulter vom Nacken und mein Arm breche aus dem Gelenk! 23Denn ich müsste Gottes Strafe über mich fürchten und könnte seine Hoheit nicht ertragen.

24Hab ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht und

31,24
Ps 52,9
zum Feingold gesagt: »Mein Trost«? 25Hab ich mich gefreut, dass ich großes Gut besaß und meine Hand so viel erworben hatte? 26Hab ich das Licht angesehen, wenn es hell leuchtete, und den Mond, wenn er herrlich dahinzog,
31,26
5. Mose 4,19
27dass mich mein Herz heimlich betört hätte, ihnen Küsse zuzuwerfen mit meiner Hand? 28Das wäre auch eine Missetat, die vor die Richter gehört; denn damit hätte ich verleugnet Gott in der Höhe.

29Hab ich mich

31,29
Spr 24,17
gefreut, wenn’s meinem Feinde übel ging, und
31,29
Ps 7,5
35,13-14
mich erhoben, weil ihn Unglück getroffen hatte? 30Nein, ich ließ meinen Mund nicht sündigen, dass ich
31,30
1. Petr 3,9
verwünschte mit einem Fluch seine Seele. 31Haben nicht die Männer in meinem Zelt sagen müssen: »Wo ist einer, der nicht satt geworden wäre von seinem Fleisch?« 32Kein Fremder durfte draußen zur Nacht bleiben, sondern meine Tür tat ich dem Wanderer auf.
31,32
Ri 19,20-21
1. Petr 4,9
Hebr 13,2

33Hab ich meine Übertretungen, wie Menschen tun, zugedeckt, um heimlich meine Schuld zu verbergen, 34weil ich mir grauen ließ vor der großen Menge und die Verachtung der Sippen mich abgeschreckt hat, sodass ich still blieb und nicht zur Tür hinausging?

3831,38 Der Zusammenhang erfordert die hier vorgenommene Umstellung der Verse 38-40a.Hat mein Acker wider mich geschrien und haben miteinander seine Furchen geweint, 39hab ich seine Früchte unbezahlt gegessen und seinen Ackerleuten das Leben sauer gemacht, 40aso sollen mir Disteln wachsen statt Weizen und Unkraut statt Gerste.

35O hätte ich einen, der mich anhört – hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir! –, oder die Schrift, die mein Verkläger geschrieben!

31,35
Kap
36Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen. 37Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.

40bDie Worte Hiobs haben ein Ende.

32

Die Reden des Elihu

(Kapitel 32,1–37,24)

Elihus erste Rede

321Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

2Aber Elihu, der Sohn Barachels des

32,2
1. Mose 22,21
Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil
32,2
Kap
er sich selber für gerechter hielt als Gott. 3Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und
32,3
Kap
doch Hiob verdammten. 4Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er. 5Als Elihu nun sah, dass keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig. 6Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach:

Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun. 7Ich dachte:

32,7
Kap
Lass das Alter reden, und die Menge der Jahre lass Weisheit beweisen. 8Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht. 9Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist. 10Darum sage ich: Hört mir zu; auch ich will mein Wissen kundtun.

11Siehe, ich habe gewartet, bis ihr geredet hattet; ich habe aufgemerkt auf eure Einsicht, bis ihr die rechten Worte treffen würdet, 12und habe achtgehabt auf euch; aber siehe, da war keiner unter euch, der Hiob zurechtwies oder seiner Rede antwortete. 13Sagt nur nicht: »Wir haben Weisheit gefunden; Gott muss ihn schlagen und nicht ein Mensch.« 14Mich haben seine Worte nicht getroffen, und mit euren Reden will ich ihm nicht antworten.

15Ach! Betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen. 16Und da soll ich warten, weil sie nicht mehr reden, weil sie dastehen und nicht mehr antworten? 17Auch ich will mein Teil antworten und will mein Wissen kundtun! 18Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt. 19Siehe, mein Inneres ist wie der Most, den man nicht herauslässt und der die neuen Schläuche zerreißt. 20Ich muss reden, dass ich mir Luft mache, ich muss meine Lippen auftun und antworten. 21Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten, und ich will keinem Menschen schmeicheln. 22Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; sonst würde mich mein Schöpfer bald dahinraffen.

33

331Höre doch, Hiob, meine Rede und merke auf alle meine Worte! 2Siehe, ich tue meinen Mund auf, und meine Zunge redet in meinem Munde. 3Mein Herz spricht aufrichtige Worte, und meine Lippen reden lautere Erkenntnis. 4Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben. 5Kannst du, so antworte mir; rüste dich gegen mich und stelle dich. 6Siehe, vor Gott bin ich wie du, und

33,6
Kap
aus Erde bin auch ich gemacht. 7Siehe, du brauchst vor mir nicht zu erschrecken, und mein Drängen soll nicht auf dir lasten.

8Du hast geredet vor meinen Ohren, den Ton deiner Reden höre ich noch: 9»Ich bin rein, ohne Missetat, unschuldig und habe keine Sünde.

33,9
Kap
10Siehe, Gott erfindet Vorwürfe wider mich,
33,10
Kap
er betrachtet mich als seinen Feind; 11er
33,11
Kap
hat meine Füße in den Block gelegt und hat acht auf alle meine Wege.« 12Siehe, darin hast du nicht recht, muss ich dir antworten; denn Gott ist mehr als ein Mensch. 13Warum willst du mit ihm hadern, weil er auf Menschenworte nicht Antwort gibt?

14Denn auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man’s nicht. 15Im

33,15
Kap
Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, 16da
33,16
Kap
öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie, 17damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge 18und bewahre seine Seele vor dem Verderben und sein Leben vor des Todes Geschoss. 19Auch warnt er ihn durch Schmerzen auf seinem Bett und durch heftigen Kampf in seinen Gliedern 20und richtet ihm sein Leben so zu, dass ihm vor der Speise ekelt, und seine Seele, dass sie nicht Lust hat zu essen. 21Sein Fleisch schwindet dahin, dass man’s nicht ansehen kann, und seine Knochen stehen heraus, dass man lieber wegsieht; 22so nähert er sich der Grube und sein Leben den Toten.

23Kommt dann zu ihm ein Engel, ein Mittler, einer aus tausend, kundzutun dem Menschen, was für ihn recht ist, 24so wird er ihm gnädig sein und sagen: »Erlöse ihn, dass er nicht hinunterfahre zu den Toten; denn

33,24
Ps 49,8-11
ich habe ein Lösegeld gefunden. 25Sein Fleisch blühe wieder wie in der Jugend, und
33,25
Ps 103,5
er soll wieder jung werden.« 26Er wird Gott bitten und der wird ihm Gnade erweisen und wird ihn sein Antlitz sehen lassen mit Freuden und wird dem Menschen seine Gerechtigkeit zurückgeben. 27Er wird vor den Leuten lobsingen und sagen: »Ich hatte gesündigt und das Recht verkehrt, aber es ist mir nicht vergolten worden. 28Gott hat mich erlöst, dass ich nicht hinfahre zu den Toten, sondern mein Leben das Licht sieht.«

29Siehe, das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit einem jeden, 30dass er sein Leben zurückhole von den Toten und erleuchte ihn mit dem Licht der Lebendigen.

33,30
Ps 56,14
103,4
116,9

31Merk auf, Hiob, und höre mir zu und schweige, damit ich reden kann! 32Hast du aber etwas zu sagen, so antworte mir. Sage an, ich will dir gern recht geben! 33Hast du aber nichts, so höre mir zu und schweige; ich will dich Weisheit lehren.