Lutherbibel 1984 (LU84)
27

271Und Hiob fuhr fort mit seinem Spruch und sprach:

2So wahr Gott lebt, der mir mein Recht verweigert, und der Allmächtige, der meine Seele betrübt 3– solange noch mein Odem in mir ist und der Hauch von Gott in meiner Nase –: 4Meine Lippen reden nichts Unrechtes, und meine Zunge sagt keinen Betrug.

27,4
Ps 34,14
5Das sei ferne von mir, dass ich euch recht gebe; bis mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Unschuld. 6An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht;
27,6
Apg 24,16
1. Kor 4,4
mein Gewissen beißt mich nicht wegen eines meiner Tage.

7Meinem Feind soll es gehen wie dem Gottlosen und dem, der sich gegen mich auflehnt, wie dem Ungerechten. 8Denn was ist die Hoffnung des Ruchlosen,

27,8
Lk 12,20
wenn Gott mit ihm ein Ende macht und seine Seele von ihm fordert? 9Meinst du, dass Gott sein Schreien hören wird, wenn die Angst über ihn kommt? 10Oder kann er an dem Allmächtigen seine Lust haben und Gott allezeit anrufen?

11Ich will euch über Gottes Tun belehren, und wie der Allmächtige gesinnt ist, will ich nicht verhehlen. 12Siehe, ihr habt es selber gesehen; warum bringt ihr dann so unnütze Dinge vor? 13

27,13-17
Spr 13,22
Pred 2,26
Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe der Tyrannen, das sie vom Allmächtigen bekommen: 14Werden seine Söhne groß, so werden sie eine Beute des Schwerts; und seine Nachkommen werden an Brot nicht satt.
27,14
Kap
15Die ihm übrig bleiben, wird der Tod ins Grab bringen, und seine Witwen werden nicht weinen. 16Wenn er Geld zusammenbringt wie Staub und schafft Kleider an, wie man Lehm aufhäuft, 17so wird er’s zwar anschaffen, aber der Gerechte wird’s anziehen, und dem Unschuldigen wird das Geld zuteil. 18Er baut sein Haus wie eine Spinne und wie ein Wächter eine Hütte macht. 19Reich legt er sich nieder, aber wird’s nicht noch einmal tun können; tut er seine Augen auf, dann ist nichts mehr da. 20Es wird ihn Schrecken überfallen wie Wasserfluten; des Nachts nimmt ihn der Sturmwind fort. 21Der Ostwind wird ihn wegführen, dass er dahinfährt, und wird ihn von seinem Ort hinwegwehen. 22Das wird er über ihn bringen und ihn nicht schonen; vor seiner Gewalt muss er immer wieder fliehen. 23Man wird über ihn mit den Händen klatschen und über ihn zischen, wo er gewesen ist.

28

Das Lied von der Weisheit Gottes

281Es hat das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort, wo man es läutert. 2Eisen bringt man aus der Erde, und aus dem Gestein schmilzt man Kupfer. 3Man macht der Finsternis ein Ende, und bis ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt. 4Man bricht einen Schacht fern von da, wo man wohnt; vergessen, ohne Halt für den Fuß, hängen und schweben sie, fern von den Menschen. 5Man zerwühlt wie Feuer unten die Erde, auf der doch oben das Brot wächst. 6Man findet Saphir in ihrem Gestein, und es birgt Goldstaub. 7Den Steig dahin hat kein Geier erkannt und kein Falkenauge gesehen. 8Das stolze Wild hat ihn nicht betreten, und kein Löwe ist darauf gegangen. 9Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um. 10Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge. 11Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht. 12Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

13Niemand weiß, was sie wert ist, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen. 14Die Tiefe spricht: »In mir ist sie nicht«; und das Meer spricht: »Bei mir ist sie auch nicht.« 15Man kann nicht Gold für sie geben noch Silber darwägen, sie zu bezahlen.

28,15
Spr 3,13-15
16Ihr gleicht nicht Gold von Ofir oder kostbarer Onyx und Saphir. 17Gold und edles Glas kann man ihr nicht gleichachten noch sie eintauschen um güldnes Kleinod. 18Korallen und Kristall achtet man gegen sie nicht; wer Weisheit erwirbt, hat mehr als Perlen. 19Topas aus Kusch wird ihr nicht gleichgeschätzt, und das reinste Gold wiegt sie nicht auf. 20Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

21Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel. 22Der Abgrund und der Tod sprechen: »Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört.« 23

28,23-28
Spr 8,22-31
Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte. 24Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was unter dem Himmel ist. 25Als er dem Wind sein Gewicht gegeben und dem Wasser sein Maß gesetzt, 26als er dem Regen ein Gesetz gegeben hat und dem Blitz und Donner den Weg: 27damals schon sah er sie und verkündigte sie, bereitete sie und ergründete sie 28und sprach zum Menschen: Siehe,
28,28
Ps 111,10
Spr 1,7
die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.

29

Hiobs früheres Glück

291Und Hiob hob abermals an mit seinem Spruch und sprach:

2O dass ich wäre wie in den früheren Monden, in den Tagen, da Gott mich behütete, 3da seine Leuchte über meinem Haupt schien und ich

29,3
Ps 18,29
bei seinem Licht durch die Finsternis ging! 4Wie war ich in der Blüte meines Lebens,
29,4
Ps 25,14
als Gottes Freundschaft über meiner Hütte war, 5als der Allmächtige noch mit mir war und meine Kinder um mich her, 6als ich meine Tritte wusch in Milch und die Felsen Ölbäche ergossen!

7Wenn ich ausging zum Tor der Stadt und meinen Platz auf dem Markt einnahm, 8dann sahen mich die Jungen und verbargen sich scheu, und die Alten standen vor mir auf, 9die Oberen hörten auf zu reden und legten ihre Hand auf ihren Mund, 10die Fürsten hielten ihre Stimme zurück, und ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen. 11Denn wessen Ohr mich hörte, der pries mich glücklich, und wessen Auge mich sah, der rühmte mich.

12Denn ich errettete den Armen, der da schrie, und die Waise, die keinen Helfer hatte.

29,12
Kap
13Der Segen des Verlassenen kam über mich, und ich erfreute das Herz der Witwe. 14Gerechtigkeit war mein Kleid, das ich anzog, und mein Recht war mir Mantel und Kopfbund. 15Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß. 16Ich war
29,16
Kap
ein Vater der Armen, und der Sache des Unbekannten nahm ich mich an. 17Ich zerbrach die Kinnbacken des Ungerechten und riss ihm den Raub aus den Zähnen. 18Ich dachte: Ich werde in meinem Nest verscheiden und meine Tage so zahlreich machen wie Sand am Meer; 19meine Wurzel reiche zum Wasser hin, und der Tau bleibe auf meinen Zweigen; 20meine Ehre bleibe immer frisch bei mir, und mein Bogen sei immer stark in meiner Hand.

21Sie hörten mir zu und schwiegen und warteten auf meinen Rat. 22Nach meinen Worten redete niemand mehr, und meine Rede troff auf sie nieder. 23Sie warteten auf mich wie auf den Regen und sperrten ihren Mund auf wie nach Spätregen. 24Wenn ich ihnen zulachte, so fassten sie Vertrauen, und das Licht meines Angesichts tröstete die Trauernden. 25Wenn ich zu ihnen kommen wollte, so musste ich obenan sitzen und thronte wie ein König unter der Schar.