Lutherbibel 1984 (LU84)
10

101Mich ekelt mein Leben an. Ich will meiner Klage ihren Lauf lassen und reden in der Betrübnis meiner Seele 2und zu Gott sagen: Verdamme mich nicht! Lass mich wissen, warum du mich vor Gericht ziehst. 3Gefällt dir’s, dass du Gewalt tust und verwirfst mich, den deine Hände gemacht haben, und bringst der Gottlosen Vorhaben zu Ehren? 4Hast du denn

10,4
1. Sam 16,7
Menschenaugen, oder siehst du, wie ein Sterblicher sieht? 5Oder ist deine Zeit wie eines Menschen Zeit oder deine Jahre wie eines Mannes Jahre, 6dass du nach meiner Schuld fragst und nach meiner Sünde suchst, 7wo du doch weißt, dass ich nicht schuldig bin und niemand da ist, der aus deiner Hand erretten kann?

8

10,8
Ps 139,14
Deine Hände haben mich gebildet und bereitet; danach hast du dich abgewandt und willst mich verderben? 9Bedenke doch, dass
10,9
Kap
du mich aus Erde gemacht hast, und
10,9
1. Mose 3,19
lässt mich wieder zum Staub zurückkehren? 10Hast du mich nicht wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen? 11Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Knochen und Sehnen hast du mich zusammengefügt; 12
10,12
Apg 17,28
Leben und Wohltat hast du an mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt. 13Aber du verbargst in deinem Herzen – ich weiß, du hattest das im Sinn –, 14dass du darauf achten wolltest, wenn ich sündigte, und mich von meiner Schuld nicht lossprechen. 15Wäre ich schuldig, dann wehe mir! Und wäre ich schuldlos, so dürfte ich doch mein Haupt nicht erheben, gesättigt mit Schmach und getränkt mit Elend. 16Und wenn ich es aufrichtete, so würdest du mich jagen
10,16
Jes 38,13
wie ein Löwe und wiederum erschreckend an mir handeln. 17Du würdest immer neue Zeugen gegen mich stellen und deinen Zorn auf mich noch mehren und immer neue Heerhaufen gegen mich senden.

18Warum hast du mich aus meiner Mutter Leib kommen lassen? Ach dass ich umgekommen wäre und mich nie ein Auge gesehen hätte!

10,18
Kap
19So wäre ich wie die, die nie gewesen sind, vom Mutterleib weg zum Grabe gebracht. 20Ist denn mein Leben nicht kurz? So höre auf und lass ab von mir, dass ich ein wenig erquickt werde, 21ehe denn ich hingehe –
10,21
Kap
und komme nicht zurück – ins Land der Finsternis und des Dunkels, 22ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn’s hell wird, so ist es immer noch Finsternis.

11

Zofars erste Rede

111Da hob Zofar von Naama an und sprach:

2Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer recht haben? 3Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt? 4Du sprichst: »Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.«

11,4
Kap
5Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf 6und zeigte dir
11,6
Ps 51,8
die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis –, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

7Meinst du, dass du weißt, was Gott weiß, oder kannst du alles so vollkommen treffen wie der Allmächtige? 8Die Weisheit ist höher als der Himmel: was willst du tun?, tiefer als die Hölle: was kannst du wissen?, 9länger als die Erde und breiter als das Meer: 10wenn er daherfährt und gefangen legt und Gericht hält – wer will’s ihm wehren? 11Denn er kennt die heillosen Leute; er sieht den Frevel und sollte es nicht merken?

12Kann ein Hohlkopf verständig werden, kann ein junger Wildesel als Mensch zur Welt kommen? 13Wenn aber du dein Herz auf ihn richtest und deine Hände zu ihm ausbreitest, 14wenn du den Frevel in deiner Hand von dir wegtust, dass in deiner Hütte kein Unrecht bliebe: 15so könntest du dein Antlitz aufheben ohne Tadel und würdest fest sein und dich nicht fürchten. 16Dann würdest du alle Mühsal vergessen und so wenig daran denken wie an Wasser, das verrinnt, 17und dein Leben würde aufgehen wie der Mittag, und das Finstre würde ein lichter Morgen werden, 18

11,18-19
Ps 4,9
und du dürftest dich trösten, dass Hoffnung da ist, würdest rings um dich blicken und dich in Sicherheit schlafen legen, 19würdest ruhen und niemand würde dich aufschrecken, und viele würden deine Gunst erbitten. 20Aber die Augen der Gottlosen werden verschmachten, und sie werden nicht entrinnen können, und
11,20
Kap
als ihre Hoffnung bleibt, die Seele auszuhauchen.

12

Hiobs erste Antwort an Zofar

121Da antwortete Hiob und sprach:

2Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben! 3Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht? 4Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein. 5Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt! 6Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

12,6
Hab 1,11

7Frage doch das Vieh, das wird dich’s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir’s sagen, 8oder die Sträucher der Erde, die werden dich’s lehren, und die Fische im Meer werden dir’s erzählen. 9Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat, 10dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und

12,10
4. Mose 16,22
Apg 17,28
der Lebensodem aller Menschen? 11Prüft nicht das Ohr die Rede, wie der Mund die Speise schmeckt? 12Bei den Großvätern nur soll Weisheit sein und Verstand nur bei den Alten?
12,12
Kap

13Bei Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand. 14Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen;

12,14
Offb 3,7
wenn er jemand einschließt, kann niemand aufmachen. 15Siehe,
12,15
1. Kön 17,17
wenn er das Wasser zurückhält, so wird alles dürr, und wenn er’s loslässt, so
12,15
1. Mose 7,19-23
wühlt es das Land um. 16Bei ihm ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und
12,16
1. Kön 12,28-30
2. Kön 19,10-37
der irreführt. 17Er führt die Ratsherren gefangen und macht die Richter zu Toren. 18Er macht frei von den Banden der Könige und umgürtet ihre Lenden mit einem Gurt. 19Er führt die Priester barfuß davon und
12,19
1. Sam 2,30-32
22,18-19
bringt zu Fall die alten Geschlechter. 20Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten. 21Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und
12,21
1. Sam 17,5
31,9
2. Kön 19,37
Dan 4,29-30
zieht den Gewaltigen die Rüstung aus. 22Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht. 23Er macht Völker groß und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt’s wieder weg. 24Er nimmt den Häuptern des Volks im Lande den Mut und führt sie irre, wo kein Weg ist, 25dass sie in der Finsternis tappen ohne Licht, und macht sie irre wie die Trunkenen.