Lutherbibel 2017 (LU17)
9

Die bleibende Erwählung Israels

91Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3Denn ich

9,3
2. Mose 32,32
wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch. 4Sie sind Israeliten, denen die
9,4
2. Mose 4,22
5. Mose 7,6
Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die
9,4
1. Mose 17,7
Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, 5denen auch die Väter gehören und aus denen
9,5
Kap
Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem,9,5 Luther übersetzte mit dem lateinischen Text: »Christus … der da ist Gott über alles«. sei gelobt in Ewigkeit. Amen.

Kinder der Verheißung

6Aber ich sage damit nicht, dass

9,6
4. Mose 23,19
Gottes Wort hinfällig geworden sei. Denn
9,6
Kap
nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; 7auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern »nach Isaak soll dein Geschlecht genannt werden« (1. Mose 21,12). 8Das heißt: Nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die
9,8
Gal 4,28
Kinder der Verheißung werden zur Nachkommenschaft gerechnet. 9Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht (1. Mose 18,10): »Um diese Zeit will ich kommen, und Sara soll einen Sohn haben.«

10Aber nicht allein hier ist es so, sondern auch bei Rebekka, die von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger wurde. 11Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, auf dass Gottes Vorsatz der Erwählung bestehen bliebe – 12nicht aus Werken, sondern durch den, der beruft –, zu ihr gesagt: »Der Ältere wird dem Jüngeren dienen« (1. Mose 25,23), 13wie geschrieben steht (Mal 1,2-3): »Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.«

Gottes Gnadenwahl

14Was wollen wir hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« 16So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

9,16
Eph 2,8
17Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, dass ich an dir meine Macht erweise und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde.« 18So erbarmt er sich nun, wessen er will, und
9,18
2. Mose 4,21
1. Petr 2,8
verstockt, wen er will.

19Nun sagst du zu mir: Was beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?

9,20
Jes 45,9
Spricht etwa ein Werk zu seinem Meister: Warum hast du mich so gemacht? 21Hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?
9,21
Jer 18,4-6
22Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er
9,22
Kap
mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns,
9,22
Spr 16,4
die zum Verderben bestimmt waren, 23auf dass er
9,23
Eph 3,16
den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit,
9,23
Kap
die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.

24So hat er auch uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. 25Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hos 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« 26»Und es soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.« 27Jesaja aber ruft aus über Israel (Jes 10,22): »Wenn auch die Zahl der Israeliten wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur der

9,27
Kap
Rest gerettet werden; 28denn der Herr, der das Wort vollendet, wird bald handeln auf Erden.«9,28 Vers 28 ist Zitat nach der griechischen Übersetzung. 29Und wie Jesaja vorausgesagt hat (Jes 1,9): »Wenn uns nicht der Herr Zebaoth Nachkommen übrig gelassen hätte, so wären wir wie Sodom geworden und gleich wie Gomorra.«

Die Suche nach Gerechtigkeit

30Was wollen wir hierzu sagen?

9,30
Kap
Die Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit erlangt, nämlich die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. 31Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht.
9,31
Kap
32Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus Glauben suchte, sondern als komme sie aus Werken. Sie haben sich gestoßen an dem
9,32
1. Petr 2,8
Stein des Anstoßes, 33wie geschrieben steht (Jes 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

10

101Brüder und Schwestern, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. 2Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. 3Denn sie erkennen die

10,3
Kap
Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4Denn
10,4
Mt 5,17
Hebr 8,13
Christus ist des Gesetzes Ende10,4 Luther verstand unter »Ende« auch »Ziel«.,
10,4
Joh 3,18
Apg 13,39
Gal 3,24-25
zur Gerechtigkeit für
10,4
Kap
jeden, der glaubt.

5Mose schreibt von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt (3. Mose 18,5): »Der Mensch, der dies tut, wird dadurch leben.« 6Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so (5. Mose 30,11-14): »Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?« – nämlich um Christus herabzuholen; 7oder: »Wer will hinab in die Tiefe fahren?« – nämlich um Christus von den Toten heraufzuholen. 8Aber was sagt sie? »Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.« Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.

9Denn wenn du mit deinem Munde

10,9
Mt 10,32
2. Kor 4,5
Phil 2,11
bekennst, dass Jesus der Herr ist, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10Denn wer mit dem Herzen glaubt, wird gerecht; und wer mit dem Munde bekennt, wird selig. 11Denn die Schrift spricht (Jes 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.« 12Es ist hier
10,12
Apg 10,34-35
15,9
Gal 3,28
kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13Denn »wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden« (Joel 3,5).

14Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jes 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«

Warum ist Israel nicht zum Glauben gekommen?

16Aber nicht alle waren dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jes 53,1): »Herr, wer glaubte unserm Predigen?« 17So

10,17
Joh 17,20
kommt der Glaube aus der Predigt10,17 Andere Übersetzung: »aus dem Hören«., das Predigen aber durch das Wort Christi.

18Ich frage aber: Haben sie es nicht gehört? Doch, es ist ja »in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt« (Ps 19,5). 19Ich frage aber: Hat es Israel nicht verstanden? Als Erster spricht Mose (5. Mose 32,21): »Ich will euch eifersüchtig machen auf ein Nicht-Volk; über ein unverständiges Volk will ich euch zornig machen.« 20Jesaja aber wagt zu sagen (Jes 65,1): »Ich ließ mich finden von denen, die mich nicht suchten, ich offenbarte mich denen, die nicht nach mir fragten.«

10,20
Kap
21Zu Israel aber spricht er (Jes 65,2): »Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach einem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht.«

11

Gott hat sein Volk nicht verstoßen

111So frage ich nun:

11,1
Ps 94,14
Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch
11,1
2. Kor 11,22
Phil 3,5
ich bin ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2
11,2
1. Sam 12,22
Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er vor Gott tritt gegen Israel und spricht (1. Kön 19,10): 3»Herr, sie haben deine Propheten getötet, deine Altäre haben sie niedergerissen. Ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten mir nach dem Leben«? 4Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? (1. Kön 19,18): »Ich habe mir übrig gelassen siebentausend Mann, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor Baal.« 5So geht es auch jetzt zu dieser Zeit: Ein
11,5
Kap
Rest ist geblieben, der erwählt ist aus Gnade. 6Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aufgrund von Werken; sonst wäre Gnade nicht Gnade.

7Wie nun?

11,7
Kap
Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; die Erwählten aber haben es erlangt. Die Übrigen wurden verstockt, 8wie geschrieben steht (Jes 29,10): »Gott hat ihnen gegeben einen Geist der Betäubung,
11,8
5. Mose 29,3
Augen, dass sie nicht sehen, und Ohren, dass sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag.« 9Und David spricht (Ps 69,23-24): »Ihr Tisch soll ihnen zur Falle werden und zu einer Schlinge und zum Ärgernis und zur Vergeltung. 10Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht sehen, und ihren Rücken beuge allezeit.«

Der Sinn der Berufung der Heiden

11So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne! Sondern

11,11
Apg 13,46
durch ihre Verfehlung ist den Heiden das Heil widerfahren; das sollte sie
11,11
Kap
eifersüchtig machen. 12Wenn aber ihre Verfehlung Reichtum für die Welt ist und ihr Schade Reichtum für die Heiden, welchen Reichtum wird dann ihre volle Zahl bringen!

13Euch Heiden aber sage ich: Weil ich

11,13
Kap
Apostel der Heiden bin, preise ich meinen Dienst, 14ob ich vielleicht meine Stammverwandten eifersüchtig machen und einige von ihnen retten könnte.
11,14
1. Kor 9,20-22
15Denn wenn ihr Verlust Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten! 16Ist die
11,16
4. Mose 15,20
Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist auch der ganze Teig heilig; und ist die Wurzel heilig, so sind auch die Zweige heilig.

Das Bild vom Ölbaum

17Wenn nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden, du aber, der du

11,17
Eph 2,11-14
ein wilder Ölzweig bist, in den Ölbaum eingepfropft wurdest und Anteil bekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, 18so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

19Nun wirst du sagen: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft werde. 20Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht überheblich, sondern fürchte dich!

11,20
1. Kor 10,12
21Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er auch dich nicht verschonen. 22Darum sieh die Güte und die Strenge Gottes: die Strenge gegenüber denen, die gefallen sind, die Güte Gottes aber dir gegenüber,
11,22
Joh 15,24
Hebr 3,14
sofern du in der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden. 23Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag sie wieder einzupfropfen. 24Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur aus wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, um wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.

Ganz Israel wird gerettet werden

25Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren,

11,25
Joh 10,16
bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33):
11,26
Ps 14,7
»Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

11,29
4. Mose 23,19
30Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32Denn
11,32
Gal 3,22
Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich
11,32
1. Tim 2,4
aller erbarme.

Lob der unerforschlichen Wege Gottes

33O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

11,33
Jes 55,8-9
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34Denn
11,34
1. Kor 2,16
»wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jes 40,13) 35Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

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