Lutherbibel 2017 (LU17)
28

Das Lied von der Weisheit Gottes

281Es hat das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort, wo man es läutert. 2Eisen bringt man aus der Erde, und aus dem Gestein schmilzt man Kupfer. 3Man macht der Finsternis ein Ende, und bis ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt. 4Man gräbt einen Schacht fern von da, wo man wohnt; vergessen, ohne Halt für den Fuß, hängen und schweben sie, fern von den Menschen. 5Man zerwühlt wie Feuer unten die Erde, auf der doch oben das Brot wächst. 6Man findet Saphir in ihrem Gestein, und es birgt Goldstaub. 7Den Steig dahin hat kein Geier erkannt und kein Falkenauge gesehen. 8Das stolze Wild hat ihn nicht betreten, und kein Löwe ist darauf gegangen. 9Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um. 10Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge. 11Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht. 12Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

13Niemand weiß, was sie wert ist, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen. 14Die Tiefe spricht: »In mir ist sie nicht«; und das Meer spricht: »Bei mir ist sie auch nicht.« 15Man kann nicht Gold für sie geben noch Silber darwägen, sie zu bezahlen.

28,15
Spr 3,13-15
16Sie kann mit Gold aus Ofir nicht aufgewogen werden, nicht mit kostbarem Onyx und Saphir. 17Gold und edles Glas kann man ihr nicht gleichachten noch sie eintauschen um güldnes Kleinod. 18Korallen und Kristall achtet man gegen sie nicht; ein Beutel voll Weisheit ist mehr wert als Perlen. 19Topas aus Kusch wird ihr nicht gleichgeschätzt, und das reinste Gold wiegt sie nicht auf. 20Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

21Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel. 22Der Abgrund und der Tod sprechen: »Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört.« 23

28,23
Spr 8,22-31
Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte. 24Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was unter dem Himmel ist. 25Als er dem Wind sein Gewicht gegeben und dem Wasser sein Maß gesetzt, 26als er dem Regen ein Gesetz gegeben hat und dem Blitz und Donner den Weg: 27Damals schon sah er sie und verkündigte sie, bereitete sie und ergründete sie 28und sprach zum Menschen: Siehe,
28,28
Ps 111,10
Spr 1,7
die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.

29

Hiobs früheres Glück

291Und Hiob hob abermals an mit seinem Spruch und sprach:

2O dass ich wäre wie in den früheren Monden, in den Tagen, da Gott mich behütete, 3da seine Leuchte über meinem Haupt schien und ich

29,3
Ps 18,29
in seinem Licht durch die Finsternis ging! 4Wie war ich in der Blüte meines Lebens,
29,4
Ps 25,14
als Gottes Freundschaft mein Zelt beschützte, 5als der Allmächtige noch mit mir war und meine Kinder um mich her, 6als ich durch Milch schritt und die Felsen mir Ölbäche ergossen!

7Wenn ich ausging zum Tor der Stadt und meinen Platz auf dem Markt einnahm, 8dann sahen mich die Jungen und verbargen sich scheu, und die Alten standen vor mir auf und blieben stehen, 9die Oberen hörten auf zu reden und legten ihre Hand auf ihren Mund, 10die Fürsten hielten ihre Stimme zurück, und ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen. 11Denn wessen Ohr mich hörte, der pries mich glücklich, und wessen Auge mich sah, der rühmte mich.

12Denn ich errettete den Armen, der da schrie, und die Waise, die keinen Helfer hatte.

29,12
Kap
13Der Segen des Verlassenen kam über mich, und ich erfreute das Herz der Witwe. 14Gerechtigkeit war mein Kleid, und wie Mantel und Turban umhüllte mich das Recht. 15Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß. 16Ich war
29,16
Kap
ein Vater der Armen, und der Sache des Unbekannten nahm ich mich an. 17Ich zerbrach die Kinnbacken des Ungerechten und riss ihm den Raub aus den Zähnen. 18Ich dachte: Ich werde in meinem Nest verscheiden und meine Tage so zahlreich machen wie Sand am Meer; 19meine Wurzel reiche zum Wasser hin, und der Tau bleibe auf meinen Zweigen; 20meine Ehre bleibe immer frisch bei mir, und mein Bogen sei immer stark in meiner Hand.

21Sie hörten mir zu und warteten und schwiegen vor meinem Rat. 22Nach meinen Worten redete niemand mehr, und meine Rede troff auf sie nieder. 23Sie warteten auf mich wie auf den Regen und sperrten ihren Mund auf wie nach Spätregen. 24Wenn ich ihnen zulachte, so glaubten sie es kaum, und das Licht meines Angesichts tröstete die Trauernden. 25Ich bestimmte ihren Weg und saß obenan und thronte wie ein König über der Schar, als einer, der die Trauernden tröstet.

30

Hiobs jetziges Unglück

301Jetzt aber

30,1
Kap
verlachen mich, die jünger sind als ich, deren Väter ich nicht wert geachtet hätte, sie zu meinen Hunden bei der Herde zu stellen, 2deren Stärke ich für nichts hielt, denen die Kraft dahinschwand; 3die vor Hunger und Mangel erschöpft sind, die das dürre Land abnagen, die Wüste und Einöde; 4die da Salzkraut sammeln bei den Büschen, und Ginsterwurzel ist ihre Speise. 5Aus der Menschen Mitte werden sie weggetrieben; man schreit ihnen nach wie einem Dieb; 6an den Hängen der Täler wohnen sie, in Erdlöchern und Steinklüften; 7zwischen den Büschen schreien sie, und unter den Disteln sammeln sie sich – 8verachtetes Volk und Leute ohne Namen, die man aus dem Lande weggejagt hatte.

9Jetzt bin ich

30,9
Ps 69,13
Klgl 3,63
ihr Spottlied geworden und muss ihnen zum Gerede dienen. 10Sie verabscheuen mich und halten sich ferne von mir und scheuen sich nicht,
30,10
Kap
vor meinem Angesicht auszuspeien. 11Er hat mein Seil gelöst und mich gedemütigt, und sie ließen die Zügel vor mir schleifen. 12Zur Rechten hat sich eine Schar gegen mich erhoben, sie haben meinen Fuß weggestoßen und haben gegen mich Wege angelegt, mich zu verderben. 13Sie haben meine Pfade aufgerissen, zu meinem Fall helfen sie; keiner gebietet ihnen Einhalt. 14Sie kommen wie durch eine breite Bresche herein, wälzen sich unter den Trümmern heran. 15Schrecken hat sich gegen mich gekehrt und hat verjagt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine Wolke zog mein Glück vorbei.

16Nun aber zerfließt meine Seele in mir, und Tage des Elends haben mich ergriffen. 17Des Nachts bohrt es in meinem Gebein, und die Schmerzen, die an mir nagen, schlafen nicht. 18Mit aller Gewalt wird mein Kleid entstellt, wie der Kragen meines Hemdes würgt es mich.

30,18
Kap
19Man hat mich in den Dreck geworfen, dass ich gleich bin dem Staub und der Asche.

20Ich

30,20
Kap
schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich. 21Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand. 22Du hebst mich auf und lässt mich auf dem Winde dahinfahren und vergehen im Sturm. 23Denn ich weiß, du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen.

24Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not? 25Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen? 26Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. 27In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends. 28Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie. 29Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße. 30Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine verdorren vor Hitze. 31Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

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