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38

Gott antwortet Hiob auf seine Anklagen

Hiob 38,1–42,6

Die erste Rede Gottes aus dem Wettersturm

381Der Herr antwortete Hiob aus dem Sturmund sprach:

2Wer ist es, der meinen Plan verdunkelt,

mit Worten, gesprochen ohne Verstand?

3Nun sei ein Mann und steh mir Rede und Antwort38,3 steh mir Rede und Antwort: Wörtlich »Gürte deine Lenden!« Das bedeutet, Hiob soll sich dem Gespräch mit Gott stellen wie einer, der einen Kampf ausficht.!

Ich will dir meine Fragen vorlegen.

Belehr mich doch, wenn du es kannst!

4Wo warst du, als ich die Fundamente der Erde legte?

Erzähl es mir, wenn du es weißt!

5Wer bestimmte, wie groß die Erde sein soll?

Wer hat sie mit der Messschnur38,5 Messschnur: Eine Schnur, die man zum Bauen und Landvermessen verwendet. ausgemessen?

Du kennst dich doch damit aus! Oder etwa nicht?

6Auf welchem Sockel stehen ihre Pfeiler?

Wer hat den Grundstein für die Erde gesetzt?

7Damals sangen dazu die Morgensterne im Chor,

und alle himmlischen Wesen38,7 himmlische Wesen: Wörtlich »Gottessöhne«. Sie gehören zum himmlischen Hofstaat Gottes. jubelten.

8Wer hat das Meer mit Toren verschlossen,

als das Wasser hervorbrach aus dem Schoß der Erde?

9Ja, ich machte die Wolkendecke zu seinem Kleid,

Gewitterwolken zu seinen Windeln.

10Ich habe um das Meer eine Grenze gezogen,

Türen und Riegel setzte ich ein.

11»Bis hierher und nicht weiter«, sagte ich,

»denn hier ist Schluss mit deinen hohen Wellen!«

12Hast du jemals in deinem Leben dafür gesorgt,

dass ein neuer Tag anbricht?

Hast du der Morgenröte ihren Platz gezeigt,

13dass sie an den Rändern der Erde aufleuchtet

und die Frevler38,13 Frevler: Menschen, die Gottes Gebote missachten und ihre eigenen Interessen gewaltsam durchsetzen. Mehr … von ihr vertreibt?

14Ihr Licht lässt die Umrisse der Erde hervortreten

wie beim Abdruck eines Siegels im Ton.

Dann steht alles da wie in einem prächtigen Kleid.

15Den Frevlern aber wird das Licht entzogen,

die Macht der Stolzen wird zerbrochen.

16Bist du jemals bis zu den Quellen vorgedrungen,

die das Meer mit Wasser füllen?

Hast du das Wasser in der Tiefe aufgespürt?

17Bekamst du die Tore des Totenreichs38,17 Totenreich: Aufenthaltsort der Verstorbenen, der unter der Erde liegt. Mehr … zu Gesicht?

Hast du die Tore der Schattenwelt gesehen?

18Weißt du, wie weit die Erde sich erstreckt?

Erzähl es mir, wenn du das alles weißt!

19Wo wohnt das Licht? Kennst du den Weg dahin?

Und die Finsternis, wo hat sie ihren Ursprung?

20Du führst ja das Licht über den Horizont

und dorthin, wo es zu Hause ist! Oder etwa nicht?

21Das musst du doch wissen!

Denn du wurdest ja schon damals geboren38,21 damals geboren: Der Satz ist ironisch gemeint. Hiob war bei der Schöpfung nicht dabei und hat deswegen eine begrenzte Sichtweise.

und hast die Erfahrung eines langen Lebens!

22Bist du jemals bis zu den Vorratskammern gekommen,

in denen ich den Schnee aufbewahre?

Hast du die Scheunen voll Hagelkörner gesehen?

23Wenn ich sie einsetze, schaffe ich Zeiten der Not,

entscheide eine Schlacht oder einen Krieg38,23 Krieg: Man kann hier an die Schlacht gegen die Amoriter denken, in der Gott Hagelsteine regnen ließ; vgl. Josua 10,11..

24Wo teilt sich der Wind und nimmt seinen Weg,

wenn er von Osten über die Erde weht?

25Wer hat die Rinnen für den Platzregen geschaffen,

den Weg für Blitz und Donner bestimmt?

26Wer lässt den Regen auf unbewohntes Land fallen,

auf Wüstengebiete, wo doch kein Mensch ist?

27Auch das hat seinen Grund!

So werden noch die trockensten Gegenden bewässert,

um in der Wüste frisches Gras wachsen zu lassen.

28Hat denn der Regen einen Vater38,28 Vater: An Gottes Schöpfung sind keine anderen Gottheiten beteiligt.?

Oder hat sonst jemand den Morgentau38,28 Tau: Feuchtigkeit, die sich über Nacht in Form von Tröpfchen ablagert. So werden die Pflanzen im trockenen Sommer oder in der Wüste mit Wasser versorgt. gezeugt?

29Aus wessen Leib ist das Eis hervorgegangen?

Oder hat sonst jemand den Himmelsreif38,29 Himmelsreif: Poetischer Ausdruck. In kalten Nächten können sich besonders an Pflanzen in Bodennähe nadelförmige Eiskristalle bilden, die man als Reif bezeichnet. geboren?

30Nein! Wie in einem Stein versteckt sich das Wasser.

Erstarrt seine Oberfläche, bildet sich Eis38,30 Eis: Der Dichter erklärt das Eis als ein Naturphänomen und weist damit die wunderhafte Mitwirkung von Naturgottheiten ab..

31Kannst du das Siebengestirn38,31 Siebengestirn: Das Sternbild der Plejaden, ein Sternenhaufen, den man mit bloßem Auge sehen kann. zusammenbinden38,31 zusammenbinden: Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott die Sterne ordnet und am Himmel festbindet. Löst er die Fesseln, bewegen sie sich auf ihrer Bahn.

oder die Fesseln des Orion lösen?

32Lässt du die Sterne der Tierkreise aufmarschieren,

sodass sie zur richtigen Zeit erscheinen?

Führst du die Sternbilder auf ihrer Bahn,

den Großen und den Kleinen Bären?

33Kennst du die gültigen Gesetze des Himmels?

Oder machst du Vorschriften, die auf Erden gelten?

34Reicht deine Stimme aus, den Wolken zu befehlen,

dass sie einen Wasserschwall über dir ausgießen?

35Kannst du Blitze zur Erde senden?

Sagen sie zu dir: »Jetzt sind wir da«?

36Wer hat dem Ibis38,36 Ibis: Heiliges Tier in Ägypten, gilt als Bote der Nilüberschwemmung. Es geht also um die Wettervorhersage. Weisheit verliehen

oder dem Hahn38,36 Hahn: Ihm wird die Fähigkeit zugeschrieben, Regen anzukündigen. Verstand gegeben?

37Wer ist so klug, die Wolken zu zählen?

Wer kann die Krüge des Himmels38,37 Krüge des Himmels: Die Wolken und das in ihnen gespeicherte Wasser werden mit großen Vorratskrügen verglichen. Gott kippt sie zur richtigen Zeit um, sodass es regnet. ausleeren,

38wenn der Erdboden hart wie Stein geworden ist

und die Schollen des Ackers aneinanderkleben?

39Kannst du der Löwin ihre Beute verschaffen?

Oder stopfst du den jungen Löwen ihren Rachen,

40wenn sie sich in ihren Verstecken niederducken,

im Dickicht auf der Lauer liegen?

41Wer verschafft den Rabeneltern das Futter,

wenn ihre Jungen zu Gott um Hilfe schreien38,41 schreien: Man denke an das unablässige Krächzen junger Raben, das der Dichter als Bitte um Nahrung deutet; vgl. auch Psalm 147,9.?

Denn sie flattern umher und finden nichts.

39

391Kennst du die Zeit für die Bergziegen,

zu der sie ihre Jungen zur Welt bringen?

Und wie verhält es sich mit den Hirschkühen?

Wann setzen bei ihnen die Wehen ein?

2Weißt du, wie viele Monate sie tragen

und wann sie ihren Nachwuchs bekommen?

3Sie kauern sich nieder, werfen ihre Jungen

und sind schnell ihre Geburtsschmerzen los.

4Ihre Jungen wachsen, werden groß und stark.

Sie laufen ins Freie und kommen nicht wieder.

5Wer hat dem Wildesel39,5 Wildesel: Anspruchsloses Tier, das auch in trockenen Gebieten überlebt. die Freiheit geschenkt?

Wer hat ihm von Anfang an die Fesseln gelöst?

6Ich habe die Wüste zu seiner Heimat bestimmt.

Das dürre Land gab ich ihm zum Wohnen.

7Ja, er lacht über den Lärm in der Stadt.

Die Schreie des Eseltreibers kennt er nicht.

8Er durchstreift Berge, als wären sie seine Weide.

Wo immer etwas Grünes wächst, spürt er es auf.

9Meinst du, der Wildstier würde für dich arbeiten

oder die Nacht in deinem Stall verbringen?

10Kannst du ihn am Seil über das Feld führen?

Wird er hinter dir das Ackerland pflügen?

11Vertraust du ihm, weil er so stark ist?

Willst du ihm deine Arbeit überlassen?

12Glaub nur nicht, dass er zurückkommt!

Er wird keine Ernte zum Dreschplatz39,12 Dreschplatz: Ebener Platz außerhalb einer Siedlung, auf dem das Getreide gedroschen und die Spreu vom Weizen getrennt wird. Mehr … bringen.

13Der Vogel Strauß39,13 Vogel Strauß: Ein in Wüstengebieten lebender, über 2 m großer Vogel. Er ist nicht flugfähig, erreicht aber eine hohe Laufgeschwindigkeit. schlägt fröhlich mit den Flügeln.

Doch anders als beim Storch oder Falken

taugen sie nicht zum Fliegen.

14Die Straußenhenne legt ihre Eier auf die Erde

und überlässt das Brüten dem warmen Sand.

15Dabei vergisst sie, dass ein Fuß sie zerdrücken,

dass ein wildes Tier die Eier zertreten kann.

16Sie ist hart zu ihren Jungen, als wären es nicht ihre.

Und hat sie sich umsonst bemüht, sie großzuziehen,

dann kümmert sie das nicht.

17Denn Gott verlieh ihr keine Weisheit,

und an Verstand mangelt es ihr.

18Doch wird sie aufgeschreckt und rennt davon,

lässt sie Pferd und Reiter hinter sich

und lacht sie aus.

19Gibst du dem Pferd seine gewaltige Stärke?

Schmückst du seinen Hals mit einer Mähne?

20Kannst du es springen lassen wie eine Heuschrecke?

Wenn es voller Stolz schnaubt, bekommt man Angst.

21Es scharrt fröhlich mit den Hufen im Tal,

mit aller Kraft läuft es der Schlacht entgegen.

22Es spottet der Gefahr, hat keine Angst.

Es weicht nicht zurück vor dem Schwert.

23Es klirren die Pfeile im Köcher39,23 Köcher: Behältnis für das Mitführen von Pfeilen. des Reiters,

es blitzen die Waffen, Lanze und Speer.

24Es dröhnen die Hufe, schnell prescht es nach vorn.

Nichts hält es auf, wenn zum Angriff geblasen wird.

25Sooft das Widderhorn39,25 Widderhorn: Hebräisch schofar. Ein Musik- und Signalinstrument, das aus dem Horn eines Widders hergestellt wird. Mehr … erschallt, wiehert es froh.

Schon aus der Ferne wittert es den Kampf,

das Brüllen der Heerführer und Kriegsgeschrei.

26Geschieht es durch deine Einsicht,

dass der Falke sich in die Lüfte erhebt?

Liegt’s an dir, dass er seine Flügel ausbreitet

und sich vom Südwind davontragen lässt?

27Ist’s auf deinen Befehl, dass der Adler39,27 Adler: Großer Greifvogel, der sich kraftvoll und frei in die Luft schwingt. Er steht sinnbildlich für Kraft und Stärke. Mehr … aufsteigt

und sein Nest hoch in den Bergen baut?

28Im Fels wohnt er und verbringt dort die Nacht,

im unzugänglichen Gebirge ist er zu Hause.

29Von dort erspäht er, was er fressen kann.

Seine Augen entdecken die Beute von Weitem.

30Seine Jungen, die gieren nach Blut.

Auf dem Schlachtfeld macht er sich auf die Jagd.

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Hiob bekennt seine Unterlegenheit

401So redete der Herr mit Hiob und fragte ihn:

2Wie kann denn einer mit dem Allmächtigen streiten,

der meint, er wüsste alles besser?

Wer Gott zurechtweisen will,

soll ihm auch Rede und Antwort stehen.

3Da antwortete Hiob dem Herrn und sagte:

4Siehe, ich bin nichts im Vergleich mit dir!

Was könnte ich dir noch entgegnen?

Ich lege den Finger auf meinen Mund40,4 Finger auf meinen Mund: Geste, mit der sich Hiob zum Schweigen verpflichtet. Er will jetzt nur noch auf Gottes Worte hören..

5Ich habe einmal geredet, ich will nicht mehr.

Ich habe noch einmal geredet, jetzt ist Schluss!

Die zweite Rede Gottes aus dem Wettersturm

6Der Herr aber antwortete Hiob aus dem Sturmund sprach:

7Nun sei ein Mann und steh mir Rede und Antwort40,7 Rede und Antwort: Wörtlich »Gürte deine Lenden!« Das bedeutet, Hiob soll sich dem Gespräch mit Gott stellen wie einer, der einen Kampf ausficht.!

Ich will dir meine Fragen vorlegen,

belehr mich doch, wenn du es kannst!

8Glaubst du, du könntest mein Recht brechen,

mich ins Unrecht setzen, damit du recht behältst?

9Besitzt du denn eine so große Macht wie Gott?

Kannst du es so laut donnern lassen wie er?

10Dann schmück dich doch mit göttlicher Hoheit,

kleide dich mit der Pracht des höchsten Königs!

11Lass deinem flammenden Zorn freien Lauf,

straf alle Stolzen und wirf sie nieder!

12Straf alle Stolzen und demütige sie,

zertritt die Frevler40,12 Frevler: Menschen, die Gottes Gebote missachten und ihre eigenen Interessen gewaltsam durchsetzen. Mehr … auf der Stelle!

13Wirf sie alle miteinander in den Staub,

verbirg ihre Gesichter tief unten im Totenreich!

14Dann will sogar ich dich preisen,

falls du das aus eigener Kraft vermagst!

Gott spricht über das Nilpferd

15Schau dir das Nilpferd40,15 Nilpferd: Hebräisch Behemot. So die deutsche Übersetzung für das hier beschriebene und unbezwingbare Urtier, das Gottes Majestät und Schöpfermacht veranschaulicht. an!

Gott hat es wie dich geschaffen.

Gras frisst es nicht anders als ein Rind.

16Doch welche Kraft steckt da in seinen Hüften?

Wie viele Muskeln hat es an seinem Bauch?

17Sein Schwanz gleicht dem Stamm einer Zeder40,17 Zeder: Bis zu 30 m hoher Gebirgsbaum, der vor allem im Libanon wächst. Mehr …,

die Sehnen seiner Schenkel sind stark wie Seile.

18Seine Beine gleichen Röhren aus Bronze,

seine Knochen sind so hart wie Eisenstangen.

19Es ist das erste von Gottes Meisterwerken.

Sein Schöpfer hat es zum Herrschen bestimmt.

20Es nimmt sich das Holz, das die Berge liefern,

zertrampelt40,20 zertrampelt: Andere übersetzen in dieser Zeile: »und alle wilden Tiere spielen dort«. die Tiere, die auf dem Hochland sind.

21Es ruht sich aus unter dichten Büschen,

im Schilf und im Sumpf liegt es versteckt.

22Kameldornzweige bieten ihm Schatten

und ringsherum stehen Pappeln am Ufer.

23Wenn der Strom anschwillt40,23 anschwillt: Selbst Hochwasser kann dem Nilpferd nichts anhaben, weil es mit erstaunlicher Leichtigkeit schwimmen kann., erschrickt es nicht,

bleibt ruhig, hält Ohren und Nüstern über Wasser.

24Kein Mensch kann es von vorne packen

oder ein Fangseil durch seine Nase ziehen.

Gott spricht über das Krokodil

25Fängst du das Krokodil40,25 Krokodil: Hebräisch Leviatan. So die deutsche Übersetzung für das hier beschriebene und unbezwingbare Urtier, das Gottes Majestät und Schöpfermacht veranschaulicht. mit einer Angel

oder bindest du einen Strick um sein Maul?

26Kannst du ein Binsenseil an seiner Nase anbringen

oder einen Haken40,26 Haken: Mit keinem der aufgezählten Jagdwerkzeuge lässt sich das Krokodil bezwingen. durch seinen Kiefer bohren?

27Wird es dich vielmals um Gnade bitten

oder gar mitleidige Worte an dich richten?

28Wird es einen Vertrag mit dir schließen,

dass du es für immer zum Sklaven nimmst?

29Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vöglein

oder es deinen Mädchen als Haustier schenken?

30Wo sind die Kaufleute, die damit Handel treiben,

die es in Stücke teilen und auf dem Markt verkaufen?

31Kannst du mit Spießen seinen Knochenpanzer durchstoßen

oder mit einer Fischharpune seinen Kopf?

32Versuch es nur! Doch denk dabei an den Kampf!

Dann wirst du es nie wieder tun.