BasisBibel (BB)
27271Und noch etwas fügte Hiob seiner Rede hinzu:

2Ich schwöre bei Gott, der mir mein Recht entzog,

und beim Allmächtigen, der mein Leben bitter macht:

3Solange ich noch lebe

und Gottes Atem in meiner Nase ist,

4kommt nichts Schlechtes über meine Lippen.

Ich werde meine Zunge hüten vor Lug und Trug.

5Doch euch werde ich auf keinen Fall recht geben.

Bis ich sterbe, bestehe ich27,5 ich bestehe: Auch am Ende der Freundesreden gibt Hiob nicht auf. Gegenüber Gott hält er daran fest, dass er unschuldig leidet. auf meiner Unschuld.

6Dass ich gerecht bin, steht für mich fest,

und davon rücke ich nicht ab.

Ich habe deswegen kein schlechtes Gewissen,

nicht einen Tag in meinem Leben.

7Meinem Feind soll es wie einem Frevler27,7 Frevler: Menschen, die Gottes Gebote missachten und ihre eigenen Interessen gewaltsam durchsetzen. Mehr … ergehen

und meinem Gegner wie einem Bösewicht.

8Denn solche gottlosen Kerle haben nichts zu hoffen,

wenn’s zu Ende geht, wenn Gott sie sterben lässt.

9Wird Gott etwa auf ihre Hilferufe hören,

wenn sie in höchste Not geraten sind?

10Oder werden sie am Allmächtigen ihre Freude haben,

werden sie zu Gott beten in allen Lebenslagen?

11So will ich euch nun über Gottes Tun belehren

und nicht verschweigen, was der Allmächtige plant.

12Ihr selbst habt es doch alle schon gesehen.

Warum redet ihr nur solchen Unsinn?

13Das ist es, was den Frevler27,13 Frevler: Menschen, die Gottes Gebote missachten und ihre eigenen Interessen gewaltsam durchsetzen. Mehr … bei Gott erwartet,

was die Gewalttäter vom Allmächtigen empfangen:

14Hat einer viele Söhne, sterben sie durchs Schwert,

und seinen Nachkommen fehlt es an Brot.

15Hat einer Schwert und Hunger überlebt,

holt ihn sich der Tod durch eine Krankheit.

Da klagen nicht einmal ihre Witwen am Grab.

16Silber hat er gehortet wie Staub auf dem Acker,

sich Kleider beschafft wie Sand am Meer.

17Doch umsonst hat er’s erworben!

Denn der Gerechte wird seine Kleider tragen

und der Schuldlose sein Silber erben.

18Der Frevler hat sich ein Haus gebaut,

das wie eine Motte nur für kurze Zeit besteht.

Es zerfällt wie eine Laubhütte im Weinberg,

die sich ein Wächter errichtet hat.

19Reich legt er sich schlafen und tut nichts weiter.

Dann öffnet er seine Augen und nichts ist mehr da.

20Wie eine Flut überfällt ihn der Schrecken,

mitten in der Nacht trägt ihn ein Windsturm fort.

21Es packt ihn der Ostwind27,21 Ostwind: Bringt heiße und trockene Wüstenluft, die schwer erträglich ist., da muss er verschwinden,

von seinem Wohnsitz fegt er ihn weg.

22Ja, Gott hat sich ohne Erbarmen auf ihn gestürzt.

Da dachte er noch, er könne die Flucht ergreifen.

Doch Gottes Gewalt entkommt man nicht.

23Über sein Ende klatscht man nun in die Hände.

Man zischt durch die Zähne: Jetzt ist er weg!

28

Das Lied von der verborgenen Weisheit Gottes

281Es gibt Stellen, an denen findet man Silber,

und einen Ort, an dem man das Gold wäscht.

2Eisen wird aus der Erde geholt

und Kupfer aus dem Gestein herausgeschmolzen.

3Die Dunkelheit28,3 Dunkelheit: Gemeint ist die Dunkelheit des Erdreichs, in das die Bergarbeiter zur Gewinnung von Bodenschätzen vordringen. kann’s nicht verhindern,

der Mensch stößt bis in die letzten Winkel vor –

bis zum verborgenen Gestein in dunkler Tiefe.

4Arbeiter aus der Fremde, längst sind sie vergessen,

haben Schächte in den Berg geschlagen.

Ohne Halt für die Füße hängen sie an Seilen,

schweben überm Abgrund, fern von den Menschen.

5Oben auf der Erde wächst Getreide für das Brot,

aber in der Tiefe funkelt es wie Feuer.

6In ihrem Felsgestein kann man Lapislazuli28,6 Lapislazuli: Ein natürlich vorkommendes, tiefblaues Gestein. Das im Alten Orient gehandelte Gestein stammte aus den Fundstätten des Hindukuschgebirges in Afghanistan. finden

und Körner von Gold entdeckt man dort auch.

7Kein Raubvogel kennt den Weg dahin,

nicht einmal das Auge des Falken hat ihn erspäht.

8Die stolzesten Tiere haben ihn nicht betreten,

nicht einmal der Löwe schritt auf ihm dahin.

9Allein der Mensch legt Hand ans harte Gestein,

gräbt sich tief durch die Berge.

10Er treibt Stollen hinein in den Fels

und entdeckt dabei lauter kostbare Schätze.

11Wo Wasser eindringt, dämmt er es ein.

Wo etwas verborgen ist, bringt er’s ans Licht.

12Aber die Weisheit, wo ist sie zu finden?

Wo ist der Ort, an dem man Einsicht gewinnt?

13Der Weg zu ihr28,13 der Weg zu ihr: Zu der Weisheit, so die griechische Überlieferung, vgl. Hiob 28,23. Im hebräischen Text steht mit Blick auf Hiob 28,15: »Kein Mensch kennt ihren Schätzwert.« ist keinem Menschen bekannt.

Man findet sie nicht im Land der Lebenden28,13 Land der Lebenden: Die bekannte, von Menschen bewohnte Welt..

14Das Wasser aus der Tiefe sagt: »Sie ist nicht bei mir!«

Und das Meer spricht: »Auch bei mir ist sie nicht!«

15Für feinstes Gold kann man sie nicht kaufen,

ihren Preis nicht mit Silber aufwiegen.

16Man kann sie nicht mit Ofir-Gold28,16 Ofir-Gold: Goldvorkommen auf der südlichen arabischen Halbinsel, wahrscheinlich Jemen oder Oman. bezahlen,

auch nicht mit Edelsteinen und Lapislazuli.

17Gold und Glas zählen nichts im Vergleich mit ihr,

teure Gefäße kann man nicht für sie eintauschen.

18Korallen28,18 Korallen: Korallen aus dem Meer galten als Kostbarkeit. Wegen ihrer rötlich schimmernden Farbe wurden sie zu Schmuck verarbeitet. und Kristalle, was sind die schon wert!

Ein Beutel Weisheit ist kostbarer als Perlen.

19Diamanten28,19 Diamanten: Vermutlich Topas, gehört zu den Edelsteinen und sieht einem Diamanten ähnlich. aus Kusch28,19 Kusch: Gebiet, das vom südlichen Teil Ägyptens bis in den heutigen Sudan reicht. reichen nicht an sie heran,

man kann sie nicht mit reinstem Gold bezahlen.

20Wo also kommt die Weisheit her?

Wo ist der Ort, an dem man Einsicht gewinnt?

21Sie ist verborgen vor den Augen aller Lebewesen,

sogar die Vögel des Himmels haben sie nie gesehen.

22Selbst Unterwelt und Tod28,22 Unterwelt und Tod: Im Gegenüber zum Himmel die fernsten Orte in der Tiefe der Erde. mussten bekennen:

»Nur Gerüchte haben wir über sie gehört!«

23Gott und sonst niemand weiß den Weg zu ihr,

nur er allein kennt ihren Ort.

24Denn er überschaut die Erde bis zu den Rändern,

er sieht alles, was unter dem Himmel ist.

25Er hat den Winden ihre Stärke verliehen,

die Meere mit der richtigen Menge Wasser gefüllt.

26Sturm und Regen hat er eine Ordnung gegeben,

den Weg der Gewitterwolken vorherbestimmt.

27Als er das tat, war die Weisheit bei ihm.

Da hat er sie gesehen und sie eingesetzt,

sie ergründet und bis ins Letzte erforscht.

28Dann sagte er zum Menschen:

Begegne dem Herrn mit Ehrfurcht28,28 Ehrfurcht: Eine Haltung größter Hochachtung gegenüber Gott, die sowohl Bewunderung als auch Erschrecken zum Ausdruck bringt. Mehr …, das ist Weisheit!

Halt dich fern vom Bösen, so gewinnst du Einsicht!

29

Hiob wendet sich an Gott

Hiob 29,1–31,40

Hiob blickt auf sein früheres Glück zurück

291Und noch etwas fügte Hiob seiner Rede hinzu:

2Ach, wenn ich doch so leben könnte wie früher,

wie in den Tagen, als Gott mich behütete –

3als er die Sonne über mir scheinen ließ

und ich in seinem Licht durch das Dunkel ging.

4Wenn es doch wieder so wäre wie in den Jahren,

als Gott mein Haus unter seinen Schutz stellte.

5Da war der Allmächtige29,5 der Allmächtige: Hebräisch Schaddaj. Titel für Gott, in dem seine überlegene Macht zum Ausdruck kommt. noch mit mir,

und meine Kinder waren um mich herum.

6Ich führte ein Leben so köstlich wie Sahne,

Olivenöl29,6 Olivenöl: Das Grundnahrungsmittel steht hier für alles, was man zum Leben braucht. floss aus der Presse im Überfluss.

7Oft ging ich durchs Tor hinauf in die Stadt

und setzte mich auf dem Markt an meinen Platz.

8Da sahen mich die jungen Leute und traten zurück.

Die Alten erhoben sich und blieben stehen.

9Die vornehmen Leute hörten auf zu sprechen

und legten den Finger auf ihren Mund29,9 Finger auf ihren Mund: Geste, die zum Schweigen verpflichtet. Die Vornehmen wollten hören, was Hiob zu sagen hatte..

10Sogar die Obersten der Stadt verstummten,

die Zunge blieb ihnen am Gaumen kleben.

11Wer mich hörte, der pries mich glücklich.

Wer mich sah, bezeugte mir seinen Respekt.

12Ich sprang Armen bei, die um Hilfe riefen,

und Waisen29,12 Waise: Kind, dessen Eltern gestorben sind und dessen Versorgung dadurch nicht mehr sicher ist. Von der Gemeinschaft wird gefordert, dass sie Waisen versorgt und niemand ihre schwache Stellung ausnutzt., für die niemand sorgte.

13Hilflose segneten mich für mein Tun,

Witwen29,13 Witwe: Frau, deren Mann verstorben ist und die dadurch rechtlich, sozial und wirtschaftlich in eine schwierige Lage geriet. schlossen mich in ihr Herz.

14Gerechtigkeit trug ich wie ein Kleid am Leib29,14 wie ein Kleid am Leib: Wörtlich »sich kleiden mit«. Tugend und Laster stellte man sich im Alten Orient gerne als Kleider vor..

Wie Mantel und Turban war das Recht immer bei mir.

15Mit meinen Augen führte ich die Blinden,

und mit meinen Füßen diente ich den Lahmen.

16Wie ein Vater sorgte ich für die, die Hilfe brauchten.

Ich kümmerte mich um jeden Streitfall,

auch wenn unbekannte Leute zu mir kamen.

17Bösen Menschen zerschlug ich den Kiefer.

Ich riss ihnen ihre Beute aus den Zähnen.

18Ich dachte:

Ich sterbe wohl wie der Phönix29,18 Phönix: Anspielung auf eine alte Volkserzählung. Kurz vor seinem Tod verbrennt der Sonnenvogel Phönix mit seinem Nest. Danach erhebt er sich wieder aus der Asche und fliegt als junger Vogel davon. in seinem Nest.

Dann werde ich mich aus der Asche wieder erheben

und noch lange weiterleben.

19Meine Wurzeln strecken sich hin bis zum Wasser,

und meine Zweige grünen vom Tau über Nacht.

20Mein Ansehen wächst und wächst.

Es lässt nicht nach wie der Bogen in meiner Hand,

den man immer wieder von Neuem spannt.

21Alle hörten auf mich und warteten leise.

Wenn ich einen Rat erteilte, war es ganz still.

22Wenn ich geredet hatte, sprach keiner mehr.

Was ich auch sagte, sie hingen an meinen Lippen.

23Sie warteten auf meine Worte wie auf den Regen,

mit offenem Mund, als würden sie verdursten.

24Lächelte ich ihnen zu, glaubten sie’s kaum.

Machte ich ein freundliches Gesicht,

blickten sie nicht mehr finster drein.

25Ich bestimmte ihr Tun und führte den Vorsitz.

Ich thronte wie ein König über seinen Soldaten –

wie einer, der trauernde Menschen tröstet.