BasisBibel (BB)
10

101Auch wenn mich mein Leben anwidert,

lass ich mir das Klagen nicht verbieten.

Ich will mir von der Seele reden,

was mich so stark verbittert.

2Zu Gott will ich sprechen:

Behandle mich nicht wie einen Verbrecher!

Sag mir, was wirfst du mir eigentlich vor?

3Was bringt es dir, dass du Gewalt ausübst?

Warum verachtest du das Werk deiner Hände10,3 Werk deiner Hände: Meint den Menschen, den Gott wie ein Töpfer aus Ton modelliert hat.?

Hast du denn nur einen Blick für die Frevler10,3 Frevler: Menschen, die Gottes Gebote missachten und ihre eigenen Interessen gewaltsam durchsetzen. Mehr …,

wenn sie etwas Böses planen?

4Hast du denn Augen wie ein Sterblicher?

Oder siehst du die Dinge so wie ein Mensch10,4 wie ein Mensch: Der Mensch hat eine eingeschränkte Sichtweise. Gott aber schaut nicht nur oberflächlich hin, vgl. 1. Samuel 16,7.?

5Gleichen deine Tage den Tagen eines Sterblichen

oder deine Jahre der Lebenszeit eines Menschen?

6Du willst mir eine Schuld nachweisen

und suchst nach Fehlern, die ich gemacht habe.

7Du könntest doch wissen, dass ich unschuldig bin,

dass niemand10,7 niemand: Hiob meint hier »niemand außer Gott«. Doch er wagt es nicht, dies vor Gott auszusprechen. mich retten kann.

8Deine Hände haben mich kunstvoll geschaffen.

Dann bist du dazu übergegangen, mich zu zerstören.

9Denk doch daran, dass du mich aus Lehm gemacht hast!

Willst du mich nun wieder zu Staub werden lassen?

10Hast du mich nicht wie Milch in eine Form gegossen

und mich wie Käse gerinnen lassen?

11Mit Haut und Muskeln hast du mich ausgestattet,

Knochen und Sehnen halten meinen Körper zusammen.

12Leben und Liebe hast du mir eingehaucht.

Du hast dafür gesorgt, dass ich lebendig bin.

13In deinem Herzen aber hast du verborgen,

was du eigentlich im Sinn hattest! Ich weiß es:

14Wenn ich eine Sünde begehen sollte,

würdest du mich sofort unter Beobachtung stellen.

Dir geht es nur darum, mich schuldig zu sprechen.

15Tu ich etwas Böses, dann gnade mir Gott!

Tu ich etwas Gutes, lässt du es nicht gelten.

So oder so kommen Schmach und Schande über mich.

16Wenn ich trotzdem meinen Kopf hochhalte,

machst du Jagd auf mich wie ein Löwe.

So beweist du deine wunderbare Macht,

die du wieder und wieder gegen mich richtest.

17Du lässt neue Zeugen gegen mich aussagen.

So kannst du deinen Ärger gegen mich steigern

und immer neue Strafen gegen mich verhängen.

18Warum hast du mich aus dem Mutterleib gezogen?

Ach, wäre ich doch bei der Geburt gestorben!

Dann hätte mich niemand zu Gesicht bekommen.

19Geboren und sofort zu Grabe getragen –

das ist so, als wäre ich niemals dagewesen.

20Ich hab ja nur noch eine kurze Zeit zum Leben.

So lass mich doch in Frieden!

Ich will noch ein wenig fröhlich sein,

21bevor ich in das Land der Finsternis10,21 Land der Finsternis: Bildhafter Ausdruck für das Totenreich, den Aufenthaltsort aller Verstorbenen. gehe

und nicht zurückkomme aus der Dunkelheit.

22Dieses Land ist so finster wie stockdunkel,

ein Schattenreich in völliger Unordnung.

Selbst das Licht ist dort schwarz wie die Nacht.

11

Die erste Rede des Zofar

111Da antwortete Zofar aus Naama und sagte:

2Soll deine lange Rede ohne Antwort bleiben?

Wer gut reden kann, hat noch lange nicht recht.

3Soll dein Geschwätz uns zum Schweigen bringen,

damit du unwidersprochen spotten kannst?

4Du behauptest: »Was ich sage, ist die Wahrheit.

Ich stehe vor dir, Gott, mit reinem Gewissen da.«

5Ach, wenn doch Gott selbst dir antworten

und dich in die Schranken weisen würde!

6Er könnte dich die Geheimnisse der Weisheit lehren.

Sie sind wie Wunder für den Verstand.

Dann würdest du begreifen, wie nachsichtig Gott ist.

Schon oft sah er über deine Schuld hinweg.

7Kannst du denn die Tiefen Gottes ergründen

oder den Allmächtigen bis zum Letzten erfassen?

8Seine Weisheit ist höher als der Himmel –

kannst du sie jemals erreichen?

Sie ist tiefer als das Totenreich –

verstehst du überhaupt etwas davon?

9Sie ist größer als die Erde

und noch viel weiter als das Meer.

10Keiner kann Gott zurückhalten, wenn er vorüberzieht,

jemanden verhaftet und vor Gericht bringt.

11Denn er weiß genau, wer lügt und betrügt.

Er sieht das Unrecht und ahndet es gewiss.

12Da muss selbst ein Hohlkopf zur Einsicht kommen.

Sogar ein Wildesel11,12 Wildesel: Sogar ein vernunftloses und eigenwilliges Tier kann begreifen, dass Gott Fehlverhalten bestraft; vgl. Vers 10-11. ließe sich dadurch belehren.

13Du solltest dir darüber klar werden

und deine Hände zu ihm ausbreiten11,13 Hände ausbreiten: Eine in der Antike übliche Gebetshaltung..

14Du solltest Unrecht von der Hand weisen

und Böses nicht in dein Haus lassen.

15So kannst du mit gutem Gewissen dein Gesicht heben,

kannst dir sicher sein und musst keine Angst haben.

16Dann wirst du dein Unglück vergessen

wie Wasser, das den Bach hinuntergeflossen ist.

17Dann erscheint dir das Leben hell wie am Mittag.

Was dunkel war, strahlt auf im Morgenglanz.

18Du darfst darauf vertrauen, dass es Hoffnung gibt.

Du findest einen Platz, wo du sicher bist.

19Du legst dich hin und niemand schreckt dich auf.

Viele werden zu dir aufschauen und dir schmeicheln.

20Die Frevler11,20 Frevler: Menschen, die Gottes Gebote missachten und ihre eigenen Interessen gewaltsam durchsetzen. Mehr … aber werden kein Glück haben.

Sie werden ihrem Schicksal nicht entkommen.

Ihre einzige Hoffnung ist der Tod.

12

Das zweite Gespräch mit den Freunden

Hiob 12,1–20,29

Hiob besteht auf seiner Unschuld

121Da antwortete Hiob und sagte:

2Ihr habt wohl die Klugheit des ganzen Volks gepachtet!

Mit euch stirbt noch die Weisheit aus.

3Verstand besitze auch ich, so viel wie ihr.

Ich bin nicht weniger gescheit als ihr.

Was ihr sagt, das weiß doch jeder.

4Ich werde verlacht von den eigenen Freunden,

weil ich zu Gott rufe und hoffe, dass er mir hilft.

Dass der Gerechte verlacht wird, kennt man ja schon.

5Die in Sicherheit leben, haben gut reden12,5 haben gut reden: Den Sicheren fehlen das Verständnis und das Mitgefühl für die Situation der Leidenden.:

Sie sagen: »Ein Unglück nimmt man mit Verachtung hin!«

Doch wer strauchelt, bekommt auch noch einen Tritt.

6Die Gewalttäter aber lässt man in Ruhe leben.

Sie reizen Gott, doch es geschieht ihnen nichts.

Es ist so, als hätten sie Gott im Griff.

7Frag doch das Vieh, es wird dich belehren,

und die Vögel des Himmels, die sagen es dir!

8Oder rede mit der Erde, sie wird dich belehren,

die Fische im Meer erzählen es dir.

9Wer weiß denn nicht von ihnen allen,

dass die Hand des Herrn die Welt gemacht hat?

10Alles, was lebt, ruht in seiner Hand.

Er gibt Lebensatem12,10 Lebensatem: Gott haucht dem Menschen Atem ein und macht ihn dadurch lebendig, vgl. 1. Mose/Genesis 2,7. Mehr … den sterblichen Menschen.

11Soll denn nicht das Ohr die Worte prüfen,

so wie man Essen mit dem Gaumen schmeckt?

12Ja, in den Sprüchen der Alten steckt Weisheit,

langes Leben zeugt von reicher Erfahrung.

13Bei Gott findet man Weisheit und Kraft.

Rat und Einsicht kommen von ihm.

14Wenn er zerstört, baut es keiner mehr auf.

Wenn er einsperrt, kommt niemand mehr frei.

15Wenn er Wasser aufstaut, trocknet der Boden aus.

Wenn er es fließen lässt, verwüstet es das Land.

16Gott verhilft zu Stärke und Erfolg.

Es liegt aber auch in seiner Macht,

ob jemand in die Irre geht oder in die Irre führt.

17Er lässt Ratsherren unvernünftig handeln12,17 unvernünftig handeln: Die Übersetzung entspricht inhaltlich der zweiten Vershälfte »zum Narren machen«. Dagegen steht im hebräischen Text wie in Vers 19 »barfuß gehen«.

und macht Richter zu Narren.

18Er löst Fesseln, die Könige befohlen haben,

und bindet ihnen selbst einen Strick um die Hüften.

19Er lässt Priester barfuß gehen12,19 barfuß gehen: Gemeint ist wohl, dass sie als Kriegsgefangene aus der Heimat weggeführt werden.

und bringt Herrscherfamilien zu Fall.

20Er entzieht geübten Rednern das Wort

und raubt den Ältesten12,20 Älteste: Bezeichnung für ein leitendes Amt in der Gemeinschaft, das von älteren Männern ausgeübt wurde. den Verstand.

21Spott gießt er aus über die Vornehmen,

Kriegshelden nimmt er die Rüstung weg.

22Er deckt auf, was in tiefer Finsternis liegt.

Er zieht ans Licht, was im Dunkeln verborgen ist.

23Völker macht er groß und vernichtet sie.

Er gibt ihnen Raum und lässt sie verschwinden.

24Den Herrschern des Landes raubt er den Mut

und lässt sie ohne Weg durch die Wüste irren.

25Sie tappen im Dunkeln ganz ohne Licht,

wie Betrunkene taumeln sie umher.