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Grausamkeiten im Alten Testament 

Manche Geschichten des Alten Testaments erschrecken uns, weil das Handeln der Menschen darin grausam ist und – schlimmer noch – auch das Handeln Gottes grausam erscheint. Doch deshalb sollte man das Alte Testament nicht vorschnell beiseite legen. Denn gerade weil es realistisch ist, ist es so gewinnbringend zu lesen. Menschen können grausam sein. Und Gott wird geschildert als ein Gott mit Gefühlen, als einer, der seine Menschen liebt und deshalb über ihr Verhalten manchmal zornig wird. Er straft die Schuldigen, aber er schenkt ihnen auch das Leben immer wieder neu.

In der Geschichte von der Sintflut beispielsweise wird das Leben auf der Erde ausgelöscht, weil die Menschen »durch und durch böse« sind (1 Mose/Genesis 6,5). Aber es wird nicht gänzlich vernichtet, und am Ende verspricht Gott, dass er die Erde nie wieder so bestrafen wird. Das Leben auf der Erde soll für immer bestehen bleiben, obwohl die Menschen sich nicht geändert haben (1 Mose/Genesis 8,21-22). Gott erträgt und trägt die Menschheit in Zukunft so, wie sie ist.

Die Gebote, die Gott den Menschen gibt, sollen nicht zuletzt die Menschen vor ihrer eigenen Grausamkeit schützen. Das viel zitierte und missbrauchte »Auge um Auge, Zahn um Zahn« (2 Mose/Exodus 21,23-25) war zur Zeit des Alten Testaments eine sehr humane Regelung: Sie sollte die sich endlos steigernde Spirale der damals üblichen Blutrache begrenzen. Ähnlich hat auch manches andere, was uns heute im Alten Testament befremdet (z.B. Tieropfer), seine Ursache darin, dass die Texte aus einer anderen Zeit und Kultur stammen, in der diese Dinge als völlig normal galten.

Von seinem auserwählten Volk fordert Gott Gehorsam und bestraft es hart, wenn es nicht nach seinen Gesetzten lebte und andere Götter verehrte. Trotzdem hat er seine Fürsorge für Israel nie aufgegeben. Er verspricht, ihm immer beizustehen, sooft es auch den Bund mit ihm schon gebrochen hat.

Über einigen erschreckenden Geschichten, die Gott als harten Herrscher und strafenden Richter zeigen, wird oft vergessen, in welchem Maß gerade das Alte Testament Gott als Liebenden darstellt. Er ist der gute Hirte, bei dem die Menschen sich geborgen fühlen können (Psalm 23). Er liebt sein Volk so sehr, dass er diese Liebe nicht einmal aufgibt, als er wie ein betrogener Liebhaber dasteht, weil sein Volk immer wieder anderen Göttern nachläuft (Hosea). Nach jeder Strafe wird er es auch wieder trösten (Jesaja 40,1). Er kann es noch viel weniger verlassen als eine Mutter ihren Säugling (Jesaja 49,15-19).

Anstößig bleibt, dass Menschen und Völker, die Israels Feinde sind, oft grausam behandelt werden. Dazu muss man wissen, in welchen Situationen solche Texte entstanden sind: Oft waren es gerade Zeiten der äußersten Bedrückung, in denen Israel gar nicht die Möglichkeit hatte, grausam zu handeln, so dass die Texte eher Aufschreie der Entrechteten als Erzählung historischer Fakten sind. Mit seiner Aufforderung zur Feindesliebe (Matthäus 5,43-48) hat der Jude Jesus den Menschen einen ganz anderen Weg gewiesen. 

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