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Themen der Bibel

Viele Themen der Bibel sind nach wie vor aktuell. In ihren Texten kommen wir selbst vor – über den Abstand von Jahrtausenden hinweg – mit den Sonnen- und Schattenseiten unserer Existenz.

Gott, Glaube und Gutes tun – das sind bekanntlich wichtige Themen der Bibel. Aber es geht in diesem Buch noch um viel mehr. Wir haben für Sie die biblische Botschaft zu zentralen Stichwörtern zusammengefasst.


Apokalypse

Apokalyptische Texte sind eine kleine, ganz eigene Gattung von Texten innerhalb der Bibel. Im Alten Testament gehören dazu Daniel und Teile der Prophetenbücher wie Jesaja 24–27 und 33, Ezechiel 38–39, Joel 2–4, Sacharja 9–14, im Neuen Testament (mit Ausnahme der »kleinen Apokalypse« in Markus 13) nur die Offenbarung an Johannes.

All diese Texte entstanden in Zeiten religiös-politischer Bedrängnis und haben die Aufgabe, den Widerstand der glaubenden Menschen zu stützen. Um den Bedrohungen der Gegenwart ihr Gewicht zu nehmen, erzählen Apokalypsen Geschichte, indem sie einen Standpunkt in der Vergangenheit einnehmen und von dort aus die »Zukunft« erzählen. Wenn die Erzählung die Gegenwart mit ihren besonderen Gefährdungen erreicht, beginnt die eigentlich Vorhersage, die immer die gleiche Botschaft vermittelt: Wer dem Gott Israels vertraut, wird gerettet. Auch wenn das Neue Testament nur wenige apokalyptische Schriften aufweist, spielen Bilder und Begriffe aus den entsprechenden alttestamentlichen Texten dann eine wichtige Rolle (so stammt z.B. die Vorstellung vom »Menschensohn« ursprünglich aus Daniel).

Die apokalyptischen Schriften und ihre Botschaft:

Daniel
Verteidigung des Glaubens Israels gegen die Hellenisierung
Anlass: Entweihung des Tempels durch Antiochus IV. Epiphanes im Jahr 167 v. Chr. Untergang der Reiche Babylons, der Perser und der Griechen

Jesaja 24–27+33
Ermutigung der Vertriebenen im Exil – Untergang Babylons, Neuschaffung Israels

Ezechiel 38–39
Stärkung des Glaubens an eine neue Zukunft trotz aller Not eines geschlagenen Volkes Vernichtung von Gog und Magog als den großen Feinden des Gottesvolkes

Joel 2–4
Aufruf zur Besinnung in schwerer Not (Heuschreckenplage) – Der Tag des Herrn und die Ausgießung des Heiligen Geistes

Sacharja 9–14
Trost in Zeiten der Gefährdung des Glaubens durch die hellenistische Kultur – Der künftige Friedenskönig und sein Leiden; endgültige Rettung und Erneuerung Jerusalems

Offenbarung
Ermutigung der christlichen Zeugen in der Verfolgung durch das Römische Reich – Vernichtung der „Hure Babylon“ (Rom) und Sieg der Märtyrer

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Arm und Reich

Es gibt Reiche im Land. Sie haben das Sagen. Sie sind die Herr­scher. Es geht ihnen, materiell gesehen, sehr gut. Ihre Möglich­keiten zu reden und zu handeln sind nahezu unbegrenzt. Sie fühlen sich wohl. Doch das sind leider nur wenige. Und reich geworden sind sie auf Kosten der vielen anderen. Ihre Macht üben sie aus über die Köpfe der anderen hinweg.

Diese anderen sind die Menschen, die um ihren Lebensunter­halt bangen, und um die Zukunft ihrer Kinder. Werden sie über­haupt noch Chancen haben, etwas aus ihrem Leben zu machen? Werden sie nicht von vornherein unterdrückt, wird nicht die Verwirklichung ihrer Träume verhindert, ihr Leben durch Gesetze und Bestimmungen vorgeplant? Sie sind die, bei denen in wirt­schaftlichen Krisenzeiten gespart wird.

Reiche hat es immer gegeben, Arme ebenso. Nur auf diese Weise scheint die Welt zu funktionieren: Die einen haben die Macht, die anderen passen sich an. Doch eines Tages stand einer auf und sprach:

Darum, weil ihr die Armen unterdrückt
und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn,
so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen,
die ihr von Quadersteinen gebaut habt,
und den Wein nicht trinken,
den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt.
Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind,
und eure Sünden, die so groß sind,
wie ihr die Gerechten bedrängt
und Bestechungsgeld nehm
und die Armen im Tor unterdrückt.
Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen;
denn es ist eine böse Zeit. (Amos 5,11-13)

Hochpoetisch, hochaktuell – und hochgefährlich. Der Mann, der diese Worte sprach, hieß Amos. Ein scharfer Beobachter. Was er sah, nannte er beim Namen: Missstände und Korruption. Er sah tiefer: Die sozialen Missstände in der Ge­sellschaft hatten ihre Wurzel in der Gottlosigkeit des Volkes und seiner Führer. Nicht in einer offenen Gottlosigkeit – nicht in einem Atheismus im neuzeitlichen Sinne –, sondern in einer Missachtung Gottes. Wohl veranstaltete man feierliche Gottesdiens­te, aber man erwartete nicht, für das eigene Verhalten von ihm zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dem musste Amos seine Warnung entgegensetzen, seine unbequeme und mutige Rede. Und er sprach weiter:

Suchet das Gute und nicht das Böse,
auf dass ihr leben könnt,
so wird der HERR, der Gott Zebaoth, bei euch sein,
wie ihr rühmt.
Hasset das Böse und liebet das Gute,
richtet das Recht auf im Tor,
vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth,
doch gnädig sein denen,
die von Josef übrig bleiben. (Amos 5,14-15)

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;
denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,23-24)

Wer war dieser Amos? Er war ein Schafzüchter aus dem Dorf Tekoa, der im 8. Jh. v.Chr. lebte und eines Tages den Ruf verspürte, Gottes Botschaft auszurichten. Gott wollte mit den Menschen reden, weil ihr Un­recht ihn erzürnte. Er wollte ein Gott des ganzen Volkes sein, je­des Einzelnen. Ihm zu dienen bedeutete, gerecht miteinander umzugehen. Um von Menschen verstanden zu werden, beauftragte er Menschen, seinen Willen auszusprechen. Von sich aus hätten sie den Mut zu reden nicht gehabt.

Gott der HERR tut nichts,
er offenbare denn seinen Ratschluss den Propheten, seinen Knechten. –
Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten?
Gott der HERR redet,
wer sollte nicht Prophet werden? (Amos 3,7-8)

Das bedeutet es, wenn wir sagen, Amos war ein Prophet, ein Sprachrohr Gottes unter den Menschen. Wir fragen uns: Gibt es Menschen, die in unserer Zeit so zu reden wagen? Und wenn sie es tun, in wessen Auftrag sprechen sie? Oder: Erreicht uns Gott noch heute durch den Mund des Amos?

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Der Bund Gottes

An vielen Stellen berichtet das Alte Testament, dass Gott einen Bund mit den Menschen schließt. Dabei meint »Bund« allerdings nicht einen Vertrag zwischen gleichberechtigten Partnern. Das hebräische Wort bedeutet eigentlich »Verpflichtung/Bestimmung«.

Die Initiative dazu geht immer von Gott aus, der mit einem Einzelnen oder dem ganzen Volk Israel in ein besonderes Verhältnis tritt. Dieses Verhältnis umfasst von Gott her die Zusage von Heil und Segen (z.B. die Verheißung von Landbesitz und Nachkommen), vom Menschen her die Verpflichtung zur Treue gegenüber Gott und seinen Geboten.

Gottes Bund mit Noah

Noah und seine Familie sind die Ersten, mit denen Gott seinen Bund schließt. Nach der Sintflut verspricht er ihnen, die Schöpfung nie mehr zu vernichten (1 Mose/Genesis 9,8-17). Als sichtbares Zeichen dieser Selbstverpflichtung, die der ganzen Welt gilt, soll der Regenbogen am Himmel stehen.

Gottes Bund mit Abraham

Die zweite Bundeszusage ist auf einen engeren Kreis beschränkt: Gott verspricht Abraham eine große Nachkommenschaft und ein blühendes Land (1 Mose/Genesis 15,18; 17). Zugleich erwählt er Abrahams Nachkommen zu seinem geliebten Volk. Das Zeichen dieses Bundes ist die Beschneidung, die Abraham und dem späteren Volk als Verpflichtung von Gott auferlegt wird. Sie soll das Gottesvolk von den anderen Völkern unterscheiden.

Gottes Bund mit dem Volk Israel

Am Berg Sinai schließt Gott mit dem Volk Israel einen weiteren Bund. Nachdem Gott das Volk aus Ägypten befreit und in der Wüste fürsorglich geleitet hat, wird nun Israel dazu aufgerufen, sein Leben als Antwort auf Gottes Handeln zu gestalten, indem es seine gesamte Lebensführung an den Geboten Gottes ausrichtet (2 Mose/Exodus 19). Bei dieser Verpflichtung geht es um die Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen. Der Bund Gottes mit seinem Volk ist ein Bund der Liebe, und diese kann nicht bestehen, wenn sie nicht erwidert wird.

Der neue Bund

Ob sich Israel als Gottes auserwähltes Volk bewährt, ist das Thema seiner ganzen Geschichte. Vor allem die Propheten erinnerten das Volk und seine Könige immer wieder an ihre Bundesverpflichtung, wenn sie sich durch Götzendienst und soziale Ungerechtigkeit davon entfernten. Die Katastrophen in der Geschichte Israels wurden entsprechend als gerechte Strafe Gottes für solchen Ungehorsam gedeutet. Zugleich entstand bei den Propheten die Erwartung eines »neuen Bundes«, bei dem Gott seinem Volk das Gesetz »in Herz und Gewissen schreiben« (Jeremia 31,31-34) und damit selbst für die Einhaltung des Bundes sorgen werde.

Die ersten Christen haben diesen Gedanken aufgenommen und sehen ihn in Jesus Christus erfüllt. Durch seinen Tod am Kreuz begründet er den neuen Bund, der nicht mehr nur dem Volk Israel, sondern allen Menschen gilt und ihnen die Vergebung ihrer Sünden zuspricht.

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Ende der Welt

Gehören Sie auch zu den Lesern, die sich zuerst für die letzten Seiten eines Buches statt für dessen Anfang interessieren? Allen, die so an ein Buch herangehen, kann im Fall der Bibel nur da­von abgeraten werden. Leichte Kost hat das letzte Buch der Bi­bel, die Offenbarung des Johannes, nicht zu bieten.

Aber vielleicht ist dieser Hinweis ganz unnötig. Selbst wenn Sie die Offenbarung noch nicht kennen, von ihr gehört oder ge­sehen haben Sie sicherlich. Die Redewendung vom »Buch mit den sieben Siegeln« ist immer noch in vieler Munde. Albrecht Dürers vier apokalyptische Reiter galoppierten durch fast jeden schuli­schen Kunstunterricht, und die Vorstellungen vom Weltuntergang und letzten Gericht werden bis heute durch die Visionen des Pro­pheten Johannes geprägt:

Ich sah, wie das Lamm das sechste Siegel aufbrach. Da gab es ein ge­waltiges Erdbeben. Die Sonne wurde so dunkel wie ein Trauerkleid, und der Mond wurde blutrot. Wie unreife Feigen, die ein starker Wind vom Baum schüttelt, fielen die Sterne vom Himmel auf die Erde. Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die zusammengerollt wird. Weder Berg noch Insel blieben an ihren Plätzen. Alle Menschen ver­steckten sich in Höhlen und zwischen den Felsen der Berge: die Köni­ge und Herrscher, die Heerführer, die Reichen und Mächtigen und alle Sklaven und Freien. Sie riefen den Bergen und Felsen zu: »Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Der große Tag, an dem sie Gericht hal­ten, ist gekommen. Wer kann da bestehen?« (Offb 6,12-17)

Die Reaktionen der Leser auf das Weltuntergangsszenarium, das mit diesem Text einsetzt und dann über viele Kapitel andauert, fallen gewiss sehr unterschiedlich aus. Wer sich durch die Kapitel der Offenbarung müht, wird mit seiner Ablehnung gegenüber der beschriebenen Gewalt und Vernichtung ringen oder eine aufkom­mende Nachdenklichkeit spüren. Die ungewöhnlichen Bilder können heutige Leser faszinieren und nach Erklärungen suchen lassen oder wegen ihrer Unverständlichkeit und Fremdheit lang­weilen.

So drängen sich grundsätzliche Fragen auf: Wer rechnet schon wirklich mit einem Weltende, das vor der Tür steht? Wieso soll­ten wir uns überhaupt für dieses Buch interessieren?

Zukunftsvisionen haben es schwer in unserer Zeit, und an Utopien besteht kaum Bedarf. Unsere Fragen heute lauten zwar auch: Wie wird unsere Zukunft sein? Womit müssen wir rechnen? Aber es reicht uns schon, die aktuellen Probleme in den Griff zu bekommen. Ob es gelingen wird, die grundlegenden Lebensbe­dingungen auf Dauer zu erhalten, ist fraglich.

Neben der großen Weltuntergangsgeschichte gibt es auch noch unsere kleinen Geschichten und persönlichen »Weltunter­gangserfahrungen«. Die sind oft schwer genug zu ertragen. Kön­nen wir uns eigentlich leisten, solche gewaltigen Bilder von der Zukunft zu hören, wenn viele Menschen die Gegenwart kaum verkraften können und am liebsten aufgeben würden?

»Werft das Buch in die Elbe!« Diesen rigorosen Umgang mit der Johannesoffenbarung empfahl Martin Luther. So ungewöhn­lich dieser Vorschlag des Theologen klingen mag, so verständlich wird er, wenn man sich bewusst macht, wie viel Unheil bis heute durch den Missbrauch der Aussagen der Johannesoffenbarung an­gerichtet worden ist.

Vor allem Sekten legen das Buch immer wieder tendenziös aus, um über den Ausbruch der Endzeit und über Weltuntergangs­szenarien zu spekulieren. Menschen, die von einem baldigen Welt­ende fest überzeugt waren, haben sogar tödliche Konsequenzen daraus gezogen. Die Tragödien der Sonnentempler, der Davidia­ner und der Aum-Sekte machten so die gewalttätigen Seiten ei­ner Vorstellung vom Weltende sichtbar.

Das ist aber nur eine Seite der Wirkungsgeschichte eines um­strittenen Buches. So wurde die Offenbarung in Deutschland zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wahrscheinlich besser verstanden als heute. In der jüngsten Geschichte Südafrikas war sie treibende Kraft und Hoffnung der Christen im Kampf gegen die Apartheid. Denn die Offenbarung ist mehr als die Beschreibung von Endzeitkatastrophen. Sie formuliert den alten Menschheits­traum von einer Welt ohne Ungerechtigkeit und Leiden. Es geht ihr um den Glauben, dass sich Gottes Wille, Neues zu schaffen, durchsetzt – trotz aller Widersprüche und Widerwärtigkeiten in der Gegenwart. Etwas Neues, nie Dagewesenes kann nur in Bildern ausgesprochen werden, die aus Gegenbildern gewonnen werden, also aus der Umkehrung dessen, was gegenwärtig entbehrt und erlitten wird.

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Him­mel und die erste Erde waren verschwunden, und das Meer war nicht mehr da. Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut, die auf den Bräutigam wartet. Vom Thron her hörte ich eine starke Stimme: »Jetzt wohnt Gott bei den Menschen! Er wird bei ihnen blei­ben, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.« (Offb 21,1-4)

Diese Bilder haben eine große Kraft: Gottes Stadt auf dem Weg hinab in die Städte der Menschen. Gott will bei den Menschen wohnen. Das ist gut für die Bewohnerin der Blechhütte in den armseligen Townships Südafrikas, und das ist gut für den Be­wohner eines der Single-Apartments in Deutschlands Großstäd­ten.

Diese Hoffnungsvision steht im vorletzten Kapitel der Offen­barung. Vielleicht ist es ja doch angebracht, einmal mit dem En­de zu beginnen.

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Engel

Engel gehören zu den faszinierendsten Figuren in der Bibel. Sie tauchen an vielen Stellen auf. Je nach Situation spielen sie eine unterschiedliche Rolle: Engel haben eine Botschaft

Unser Wort »Engel« kommt vom griechischen angelos, das ebenso wie das entsprechende hebräische Wort »Bote/Gesandter« bedeutet. Engel sind also Boten Gottes. Sie kommen mit einem Auftrag, hinter dem sie ganz zurücktreten. In einigen Texten ist von Engeln sogar so die Rede, dass man den Eindruck hat, hier zeige sich Gott selbst in sichtbarer Gestalt (1 Mose/Genesis 22,11; 2 Mose/Exodus 3,2).

Engel stehen vor dem Thron Gottes

Die Bezeichnung »Engel« wird auch für die himmlischen Wesen verwendet, die zur Umgebung Gottes gehören und seinen »Hofstaat« bilden. Sie preisen die Herrlichkeit Gottes und führen seinen Willen aus (Jesaja 6,1-7; Psalm 148,2).

Engel begleiten in Gefahren

Das Leben aller Menschen ist vielfachen Bedrohungen ausgesetzt. Es ist die Botschaft der Bibel, dass Menschen sich in Gefahr unter Gottes Schutz wissen dürfen. Engel personifizieren diesen Schutz (1 Könige 19,4-8; Psalm 91,11-12).

Engel überwinden die Ferne zu Gott

In den späten Texten des Alten Testaments gibt es eine detaillierte Lehre von Engeln und Erzengeln. Gott ist den Menschen ferner gerückt. Zwischen Himmel und Erde ist das Reich der Engel getreten. Selbst die Propheten verstehen Gott und seine Botschaft nicht mehr ohne Hilfe. Diese erhalten sie von den Deute-Engeln (Sacharja 2,5-9).

Engel im Neuen Testament

Die Gute Nachricht des Neuen Testaments ist es, dass die Gottesferne ein Ende hat. In Jesus kommt Gott selbst zu den Menschen. Ganz selbstverständlich ist hier auch wieder von Engeln die Rede. Unverkennbar sind die Gemeinsamkeiten mit frühen alttestamentlichen Vorstellungen von den Engeln als Boten Gottes. Doch die Botschaft, die sie verkünden, übersteigt alles zuvor Gekannte.

In den Evangelien ist von Engeln vor allem am Anfang und Ende von Jesu Erdenleben die Rede. Engel verkünden seine Geburt (Lukas 2,10-11), Engel deuten den Frauen am leeren Grab das Ostergeschehen und beauftragen sie, das, was sie erlebt haben, weiterzusagen (Matthäus 28,1-8). Nach der Himmelfahrt Jesu werden die Jüngerinnen und Jünger, die Augenzeugen dieses Geschehens waren, von Engeln an ihren Missionsauftrag erinnert und gleichzeitig mit der Aussicht auf die Wiederkunft Christi getröstet. So machen die Boten Gottes nun Menschen zu Boten und Botinnen des Evangeliums (Apostelgeschichte 1,10-11).

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Frauen

In biblischer Zeit war die Aufgabe der Frauen, sich um Haus(halt) und Familie zu kümmern. Sie waren rechtlich und sozial vollkommen abhängig von den Männern der Familie.

Für eine Frau war es entscheidend, möglichst viele Kinder zu gebären. Wenn sie keine Kinder bekam, konnte ihr Mann sie verstoßen. Eine Ehescheidung konnte nur der Mann vollziehen, nicht aber die Frau. Ebenso durfte ein Mann mehrere Ehefrauen haben, eine Frau jedoch nur einen Mann; sie gehörte zur Familie ihres Mannes.

Nur ganz wenige Frauen übten einen Beruf aus wie z.B. die Hebammen (2 Mose/Exodus 1,15-21). Zur Zeit Jesu konnten Frauen Besitz erwerben und Geschäfte machen, aber vor Gericht brauchten sie einen Vormund.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass in der Bibel Frauen als starke, selbstständige Persönlichkeiten geschildert werden.

Da ist z. B. Debora, die mit großem Erfolg das Amt einer Richterin führte (Richter 4-5). An der Seite ihres Heerführers Barak zog sie selbst mit in die Schlacht, in der die Israeliten siegten.

Die Prophetin Hulda war so angesehen, dass sie von den Ratgebern des Königs Joschija nach der Auffindung des großen Gesetzeswerks um göttliche Weisung gebeten wurde (2 Könige 22,14-20).

Das Buch Rut erzählt von der Moabiterin Rut, die nach dem Tod ihres Mannes ihr Land verlässt, um ihre Schwiegermutter Noomi in deren Heimat zu begleiten. Sie sorgt unter schwierigsten Bedingungen für ihren und Noomis Lebensunterhalt, bis sie schließlich den wohlhabenden Boas heiratet und – obwohl sie Ausländerin ist – die Urgroßmutter König Davids wird.

Die schöne Abigajil handelte klug und beherzt, als sie ohne Wissen ihres Mannes und gegen dessen Willen den fälligen Tribut an David zahlte dafür, dass er ihre Hirten beschützt hatte. Damit wendete sie ein Blutbad ab (1 Samuel 25).

Jesus nahm Frauen als ebenbürtige Partnerinnen in den Kreis seiner Anhänger auf. Oft waren es Frauen, die von der Gesellschaft geächtet wurden, deren er sich annahm (Lukas 7,37-50; Johannes 8,3-11). Einige Frauen zogen genauso wie die Jünger mit Jesus durch Palästina und trugen mit ihrem Vermögen zum Unterhalt der Gruppe bei (Lukas 8,1-3). Im Gegensatz zu den Jüngern, die geflohen waren, blieben sie bis zu seinem Tod am Kreuz bei Jesus (Markus 15,40-41). Und schließlich waren es Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, die zuerst die Botschaft von der Auferstehung erfuhren und weitersagten (Matthäus 28,1-8).

In den ersten Gemeinden hatten Frauen wichtige Ämter inne. Die Grußliste des Paulus in Römer 16,1-16 z.B. nennt zahlreiche Frauen und ihre Tätigkeiten. Dabei gab es keinen hierarchischen Unterschied zwischen dienenden und leitenden Aufgaben: Leitung bedeutete Versorgung. Wegweisend für einen neuen Umgang miteinander ist Galater 3,26-28: Die Unterschiede zwischen Menschen können keine Rangordnung begründen.

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Gott

Obwohl das Judentum zutiefst vom Verbot geprägt ist, Gott bildlich darzustellen, ist doch die ganze Bibel voll von sprachlichen »Darstellungen« Gottes.

Gott handelt wie ein Mensch

Insbesondere alte Texte stellen Gott mit sehr menschlichen Eigenschaften dar: Gott legt wie ein Gärtner das Paradies an und formt wie ein Töpfer aus Lehm den Menschen (1. Mose/Genesis 2). Er wandert gegen Abend durch seinen Garten (1. Mose/Genesis 3,8) und macht wie ein Schneider den ersten Menschen Kleider (1. Mose/Genesis 3,21).

Gott besitzt Gefühle

Die bekannte Sintflutgeschichte zeigt Gott zugleich sehr hart und sehr einfühlsam. Er ist wütend auf die Bosheit der Menschen, gibt seinem Zorn Raum, beginnt zu zerstören, was er geschaffen hat ... und hinterher tut es ihm Leid. Als Noah ihm ein Opfer darbringt und der Rauch in seine Nase steigt (Nase ist im Hebräischen dasselbe Wort wie Zorn!), verspricht Gott, nie wieder die Erde zu bestrafen, nur weil die Menschen so schlecht sind (1. Mose/Genesis 8,21).

Mose lernt ihn als eifersüchtigen Gott kennen (2. Mose/Exodus 20,5). Die Psalmen beschreiben seine mütterliche Zuneigung zu seinem Volk.

Gott ist ein Kämpfer

In Zeiten der Not und Schwäche nahm Israel Zuflucht bei Gott und erkannte in ihm einen starken Krieger, der in der Lage ist, sein Volk vor anderen zu beschützen. Sie nannten ihn »Herr der Heerscharen«. Die Propheten warnten Israel allerdings gerade vor dieser Kraft: Gott wird seine Kampfstärke gegen sein eigenes Volk richten, wenn es von ihm wegläuft und seine Weisung missachtet (Jesaja 3).

Gott ist ein glühender Liebhaber

Die Propheten schildern, wie Gott um sein Volk Israel ringt. Mit aller Mühe versucht er sein Herz zu gewinnen. Er erinnert an das, was er für Israel getan hat und tun wird. Er erneuert sein Treueversprechen immer wieder. Und als alles nichts hilft, jagt er sein Volk zuerst in die Wüste und umwirbt es dann wieder von neuem (Hosea 2).

Gott ist Vater und Mutter

Die Gottesanrede Jesu »Abba« (Vater) ist bereits im Alten Testament vorgeformt. Das Neue Testament nennt diejenigen, »die sich von Gottes Geist führen lassen«, ausdrücklich seine »Söhne und Töchter« (Römer 8,14). Mehr noch als menschliche Eltern dies könnten, gibt er alles für seine Kinder. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Neue Testament nur den »lieben Gott« kennt. Das Thema Gericht ist hier keineswegs außer Acht gelassen (Matthäus 8,12). Aber sowohl für den liebenden wie auch für den strafenden Gott gilt, dass ihn das Leben der Menschen nicht unbeteiligt lässt, sondern dass er es zum Teil seines Handelns an und mit der Welt macht, das auf ihre Vollendung und Erfüllung in seinem Reich ausgerichtet ist.

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Hoffnung und Zweifel

Warten ist Hoffen. Aber was ist, wenn nichts passiert und die Zweifel kommen? Wenn die Spannung zwischen Ungeduld und Sehnsucht, zwischen Angst und dem Wunsch nach Gewissheit unerträglich wird?

Manchmal ist man zum Warten regelrecht verurteilt. Solch eine unfreiwillige Zeit des Wartens kann sehr anstrengend und zer­mürbend sein. Manch einer wartet darauf, dass sich für ihn be­ruflich eine neue Perspektive eröffnet. Ein junges Paar hofft, dass das erwartete Kind gesund zur Welt kommt. Eine Kranke bangt darum, dass endlich ein wirksames Medikament gefunden wird.

Der Täufer Johannes hatte im Gefängnis von den Taten gehört, die Je­sus als den versprochenen Retter auswiesen; darum schickte er einige seiner Jünger zu ihm. »Bist du wirklich der, der kommen soll«, ließ er fragen, »oder müssen wir auf einen anderen warten?« Jesus antworte­te ihnen: »Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet. Freuen darf sich, wer nicht an mir irrewird!« (Matthäus 11,2-6)

In eine solche Situation führt uns das Matthäusevangelium mit der Geschichte von Johannes dem Täufer. Als Asket und Wan­derprediger lebte er in der Wüste in der Nähe des Jordans. Durch seine beeindruckenden Reden wurde er im Land bekannt: Kehrt um, tut Buße. Ihr könnt nicht so weiterleben wie bisher. Euer Le­ben ist ein Leben in Ungerechtigkeit. Viele Menschen wollten Jo­hannes selbst hören und gingen zu ihm hinaus in die Wüste. Man­che ließen sich von ihm taufen, selbst Jesus.

Johannes war zu seiner Zeit ein unbequemer Mann. Er wagte es, den König Herodes, der mit der Frau seines Bruders zusam­menlebte, deshalb öffentlich anzuprangern. Daraufhin ließ ihn Herodes verfolgen und ins Gefängnis werfen.

In dieser Situation wurde Johannes unsicher. Bisher hatte er mit der Hoffnung gelebt, dass Gottes Reich greifbar nahe sei und in sei­nen Tagen anbrechen würde. Vielleicht war Jesus der seit langer Zeit erhoffte Messias, der das Volk Israel in die Freiheit führen würde.

Doch weil die große Wende, die Jesus bringen sollte, ausblieb, quälte ihn die Frage, ob er sich geirrt habe. Er wollte Gewissheit haben und ließ aus seiner Zelle heraus fragen: »Jesus, bist du es wirklich, der da kommen soll, der erwartete Messias? Oder habe ich mich in dir getäuscht? War am Ende alles Warten und Hof­fen auf dich umsonst?«

Er schickte Jünger mit diesen Fragen zu Jesus. Von der Ant­wort darauf hing viel für ihn ab. Und wie reagierte nun Jesus? Er antwortete nicht mit einem klaren: »Ja, ich bin's!« Er räumte auch nicht durch eine beeindruckende Demonstration seiner Macht alle Skepsis aus. Offenbar ist Jesus nicht der unwiderstehliche Messias, den alle anerkennen müssen.

Seine Antwort weist auf die Sinne: Hört und seht! Er sagt nur: Da ist etwas zu entdecken, worauf Ohren und Augen noch gar nicht eingestellt sind. Der Blick und das Gehör müssen dafür erst geschärft werden. Es sind Spuren, Hoffnungszeichen da, dass mit Jesus Gottes Zukunft schon angefangen hat. Aber diese Hinwei­se sprechen eine sehr leise Sprache. Wie leicht sind sie zu überse­hen und zu überhören. Wie leicht sind sie abzutun als »Ausnah­me von der Regel« oder als »glücklicher Zufall«.

Hört und seht! Bildet euch selbst ein Urteil! Da, wo Menschen neu sehen lernen, neu hören können, sich aus der Erstarrung der Resignation in Bewegung setzen, wo den Armen Gerechtigkeit widerfährt und ihnen ihre Würde zurückgegeben wird – da könnt ihr Anzeichen für Gottes Reich sehen.

Ob Johannes mit der Antwort Jesu zufrieden war? Erwartet hatte er einen Messias, bei dem einem Hören und Sehen verge­hen. Gekommen ist einer, bei dem einem Hören und Sehen erst aufgehen.

Entspricht die Antwort unseren Erwartungen? In der Ge­schichte der Leiden der Menschheit fallen die wenigen Heilun­gen Jesu gar nicht ins Gewicht. Bis heute sind Gewalt, Krankheit und Tod geblieben. Und diese Welt wird weiter von Angst be­herrscht. Es gehört Anstrengung dazu, nicht an Jesus irrezuwer­den und auf keinen anderen zu warten.

Mit der Antwort an Johannes ist die Möglichkeit gegeben, über das Verstehen oder Missverstehen vieler Wundererzählungen im Neuen Testament zu entscheiden: Man kann sie so hören, als woll­te Jesus Wundertaten als Beweise seiner Messianität hinstellen. Dagegen spräche, dass er bei anderen Gelegenheiten die Forde­rung nach eindeutigen Zeichen ablehnte (z.B. Markus 8,11-12). Die überraschenden Veränderungen ereignen sich nicht spektakulär, sondern im alltäglichen Umgang Jesu mit den Menschen. Man kann versuchen, zu sehen und zu hören, wo diese Wunder nicht vordergründig sichtbar werden. Wunder in diesem Sinne sind nicht für jeden wahrnehmbar, sondern nur für die, die nicht ver­lernt haben, darauf zu hoffen und ihre Sinne zu schärfen.

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Jesus

Wer war Jesus von Nazaret? Auf diese Frage gibt es viele Antworten:

Antwort 1:

Ein jüdischer Handwerker

Um das Jahr 4 vor der christlichen Zeitrechung im Dorf Betlehem geboren, wuchs Jesus im galiläischen Dorf Nazaret auf. Er hatte jüdische Eltern, den Handwerker Josef und seine Frau Maria.

Jesus war wahrscheinlich zuerst Schüler Johannes des Täufers, der in der Wüste Juda, am Nordufer des Toten Meeres predigte. Mit etwa 30 Jahren begann er seine ca. zweijährige öffentliche Wirksamkeit. Ein Zentrum seines Wirkens war das Haus des Petrus und seiner Familie in Kafarnaum. Markus erzählt ferner, dass seine eigene Familie der Verkündigungstätigkeit kritisch gegenüberstand (Markus 3,21; 6,4). Aufgrund der (nicht haltbaren) Anklage, politischer Anführer einer aufrührerischen Gruppe zu sein, wurde Jesus von den Römern am Kreuz hingerichtet.


Antwort 2:

Ein Mensch, in dem Gott den Menschen nahe kommt

Die Evangelien erzählen, dass eine Begegnung mit Jesus an niemandem spurlos vorüberging: Er verstand es, Menschen Hoffnung zu geben, Selbstverständliches zu hinterfragen, Verletzungen zu heilen und das Wirken Gottes mitten im Alltag spürbar werden zu lassen.


Antwort 3:

Der Christus

Die Antwort des Neuen Testaments auf die Frage, wer Jesus war, kommt von der Ostererfahrung her und lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Er war der Christus, der Gesalbte Gottes. Ein Bekenntnis aus den Anfängen des christlichen Glaubens fasst dies in die Worte: »Christus ist für unsere Sünden gestorben, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war, und wurde begraben. Er ist am dritten Tag vom Tod auferweckt worden, wie es in den Heiligen Schriften vorausgesagt war, und hat sich Petrus gezeigt, danach dem ganzen Kreis der Zwölf.« (1 Korinther 15,3-5)

 

Namen für die besondere Bedeutung von Jesus

So wie »Christus« eigentlich nicht nur ein Beiname von Jesus ist, sondern ein Ehrentitel, der seine besondere Bedeutung und Würde zum Ausdruck bringt, gibt es noch eine Reihe von weiteren Würdetiteln, von denen jeder einen besonderen Aspekt seines Heilswirkens beschreibt.


Name 1:

Sohn Davids

Da der Messias aus der Nachkommenschaft Davids erwartet wurde, wird Jesus auch Sohn Davids genannt (z.B. beim Einzug in Jerusalem, Matthäus 21,9), und David wird ausdrücklich im Stammbaum Jesu aufgeführt (Matthäus 1,6; Lukas 3,31).

 

Name 2:

Menschensohn

Wenn im Neuen Testament von Jesus als dem Menschensohn die Rede ist (der Begriff bedeutet ursprünglich einfach »Mensch«), so knüpft dies an eine Vision vom Weltgericht aus dem Buch Daniel an: Einer, »der aussah wie der Sohn eines Menschen«, kommt »mit den Wolken« und empfängt die Weltherrschaft (Daniel 7,13).

Über diese Vorstellung hinausgehend, spricht das Neue Testament aber auch über die Vollmacht des Menschensohns zur Sündenvergebung (Markus 2,10), von seinem Herrsein über den Sabbat (Markus 2,28) und seiner besonderen Sendung (Lukas 19,10). Dazu kommen Worte vom leidenden und auferstehenden Menschensohn (z.B. Markus 8,31), die für seine Zeitgenossen neu und ungewohnt waren.

Name 3:

Sohn Gottes

Die Vorstellung, dass bestimmte Menschen von einem Gott abstammen, gab es bei vielen Völkern des Altertums. Die Ägypter z.B. verehrten den Pharao als »Sohn des Re« und glaubten, der Sonnengott Re habe ihn gezeugt. In Israel war das anders: Das ganze erwählte Volk galt als »Sohn Gottes« (z.B. Jeremia 31,9; Hosea 11,1). Zwar wurde auch hier der Titel in ganz besonderer Weise dem König zuteil, doch wurde er nicht durch Zeugung, sondern bei der Thronbesteigung durch Adoption zu Gottes Sohn (Psalm 2,7).

Im Neuen Testament wird diese Vorstellung einige Male im Zusammenhang mit Jesus zitiert, z.B. bei seiner Taufe und Verklärung (Markus 1,11; 9,7). Letztlich aber wird für die ersten Christen Jesus durch die Auferstehung zum Sohn Gottes eingesetzt (Römer 1,3-4).

Die einzigartige Nähe Jesu zu Gott kommt auch darin zum Ausdruck, dass er ihn mit »Abba« (»lieber Vater«) anredet, was etwa unserem heutigen »Papa« entspricht – für die damaligen Juden eine fast unerhörte Vertraulichkeit.

 

Name 4:

Herr

»Herr« war in alter Zeit die übliche Anrede für eine höher gestellte Person und wurde so auch für Jesus verwendet. Darüber hinaus gewinnt der Titel noch einen tieferen Sinn in der Auseinandersetzung der Christen mit ihrer heidnischen Umwelt, die ihre Götter ebenfalls als »Herren« anrief: Jesus ist der »Herr der Herren« und als solcher diesen Göttern unendlich überlegen.

Am wichtigsten für den Glauben aber ist die dritte Bedeutung, in der der Begriff Verwendung findet: Im Alten Testament wird der Titel »Herr« für Gott gebraucht. Die Christen beziehen nun einzelne von diesen Stellen auf ihren »Herrn« Jesus Christus, denn sie sind überzeugt: In ihm kommt Gott selbst auf die Menschen zu – und zwar auf einzigartige und endgültige Weise.

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Krankheit und Heilung

Wenn einen Menschen eine schwere Krankheit trifft, so stellt sich oft die Frage nach dem Warum. »Warum muss ich so leiden?« – »Warum lässt Gott das zu?«

Auch die Bibel kennt diese bohrenden Fragen, die leicht zweifeln lassen an Gottes Güte, zumal man in biblischen Zeiten den Krankheiten noch viel hilfloser gegenüberstand als heute. Man behandelte mit Kräutern, Pulver, Balsam und Salben, was bei äußerlichen Krankheiten einen gewissen Erfolg brachte. Inneren Erkrankungen und Seuchen dagegen war man beinahe machtlos ausgeliefert.

Als letzter Urheber von Krankheiten galt Gott, der Herr über Leben und Tod. Die Krankheit selbst konnte als Zeichen von Gottes Zorn und damit als Folge von Sünden gesehen werden – persönliche oder Sünden der Vorfahren. So verbreitete sich die Meinung, ein Kranker müsse ein Sünder sein.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Das Buch Ijob/Hiob wendet sich gerade gegen die Vorstellung, einem Menschen widerfahre nur, was er durch seine Taten an Gutem oder Schlechtem verdient habe.

Ijob, die Hauptperson dieses Buches, das zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur zählt, wird unschuldig von großem Leid und schwerer Krankheit heimgesucht. In einer Rahmenerzählung (Ijob 1-2,10 + 42,10-17) wird Ijobs Krankheit als Prüfung geschildert, die Ijob besteht, indem er Gott trotz allem treu bleibt. In den anderen Kapiteln, der so genannten Ijobdichtung, dagegen reagiert Ijob mit Aufbegehren. Gegenüber seinen Freunden, die sein Leiden als Strafe für verborgene Sünden oder als Erziehungsmaßnahme deuten, beharrt er auf seiner Unschuld und wendet sich anklagend an Gott selbst, der ihm schließlich antwortet.

Allerdings gibt Gott nicht einfach Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens. Gott weist Ijob auf die Wunder und Geheimnisse der Schöpfung hin, die von seiner überlegenen Weisheit zeugen und Menschen ermutigen können, Gott zu vertrauen, auch wenn er sie dunkle und unverständliche Wege führt. Gott und sein Handeln bleiben für Menschen unbegreiflich, weil menschliche Maßstäbe dafür nicht angemessen sind. Deshalb ist Ijob mit seinen Fragen und seinem Aufbegehren Gott näher als seine Freunde, die meinen, fertige Antworten zu haben. Vor dem heiligen Gott erkennt Ijob seine Begrenztheit als Geschöpf, erfährt aber auch, dass sich der Schöpfer ihm persönlich zuwendet und ihn mit all seinen Zweifeln und Klagen annimmt.

Nach dem Verständnis der Bibel kommt Heilung ausschließlich von Gott, selbst wenn er sich zusätzlich menschlicher Heilkunst bedient. Auch Jesus heilt in der Kraft Gottes und zeigt durch seine Taten, dass Gott das Leid des Menschen nicht will. Da der biblische Glaube die Wirklichkeit als Einheit sieht, ist Heilung zugleich Vergebung. Gebet und Glaube schaffen die Voraussetzungen zur Heilung. Für den Glaubenden ist jede Heilung zugleich ein Wunder, in dem sich die heilmächtige Kraft Gottes offenbart und das auf die letzte Vollendung vorausweist, in der es »keine Klage und keine Quälerei« mehr geben wird (Offenbarung 21,4).

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Lebensfreude

Ein Leben ohne Feste wäre sicherlich nur halb so schön. Doch noch gibt es sie ja, die Stunden, die ein Bauchkribbeln verursachen und eine Hochstimmung erzeugen; diese Stunden der Muße und Fröhlichkeit. Ausgelassen können wir den Alltag hinter uns las­sen.

Auch in den verschiedenen Schriften der Bibel wird immer wieder von Festen, Festgesängen und Festgelagen erzählt. Chris­ten dagegen werden für Festmuffel gehalten. Tanzen und Lachen wird in der Kirche nicht vermutet. Gottesdienste geben offiziel­len Feierlichkeiten einen würdevollen Rahmen. Und so ernst und würdig kann auch das Bild von Jesus sein. Allerdings haben nicht alle Zeitgenossen Jesu so gesehen. Seine Feinde nannten ihn so­gar einen »Vielfraß und Säufer« (Matthäus 11,19). Aber erzählt und aufgeschrieben wurde das Leben Jesu von seinen Anhängern und diese Erzählungen wollen ein Bild Jesu als Gottes Sohn vermit­teln. Dennoch finden sich auch darin Texte, in denen Jesus ganz irdisch, mit Witz und Humor erscheint:

Am dritten Tag wurde in Kana in Galiläa eine Hochzeit gefeiert. Die Mutter von Jesus war dabei, und auch Jesus war mit seinen Jüngern dazu eingeladen. Als der Weinvorrat zu Ende war, sagte seine Mutter zu ihm: »Sie haben keinen Wein mehr!« Jesus erwiderte ihr: »Frau, das ist meine Sache, nicht deine! Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Da wandte sich seine Mutter an die Diener und sagte: »Tut alles, was er euch befiehlt!« Im Haus standen sechs Wasserkrüge aus Stein, von denen jeder etwa hundert Liter fasste. Man brauchte sie wegen der Rei­nigung, die das Gesetz vorschreibt. Jesus sagte zu den Dienern: »Füllt diese Krüge mit Wasser!« Sie füllten sie bis an den Rand. Dann befahl er ihnen: »Jetzt nehmt eine Probe davon und bringt sie dem Mann, der für das Festessen verantwortlich ist.«

Sie brachten ihm eine Probe, und er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher dieser Wein kam; nur die Die­ner, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Er rief den Bräutigam zu sich und sagte: »Jeder bringt doch zuerst den guten Wein auf den Tisch, und wenn die Gäste schon reichlich getrunken haben, folgt der schlechtere. Aber du hast den guten Wein bis zuletzt aufgehoben!«

So vollbrachte Jesus in Kana in Galiläa sein erstes Wunderzeichen und offenbarte seine Herrlichkeit. (Johannes 2,1-11)

Gewaltige Wassermengen werden zu Wein. Ein Luxuswunder? Heilige Worte für ein profanes Verlangen? Manche sehen in die­ser Geschichte nur, dass Jesus ein Wunder vollbringt und seine Göttlichkeit zeigt. Allerdings wird es schwierig sein, den Sinn dieses Wunders zu finden. Kranke auf wunderbare Weise zu hei­len, wie das Kind eines Beamten (Johannes 4,46-53), den Gelähmten (Johannes 5,1-8) oder den Blinden (Johannes 9,1-12), ist soziales Engage­ment. Aber Wein en gros zu produzieren?

Jesus zumindest schien kein Problem damit zu haben, für das Vergnügen der Festgesell­schaft zu sorgen. Er feierte mit den Menschen die Hochzeit, war am späten Abend noch dabei und machte es zu seiner Sache, für Nachschub an Wein zu sorgen. Zu seinem Leben gehörte auch das Feiern, die Geselligkeit und die Lebensfreude.

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Lebenswende

Ein Umkehr-Erlebnis hat das Leben des Paulus (Saulus) völlig verändert: Aus einem Christenverfolger wurde ein Missionar des Christentums, ein rastloser Prediger und Verteidiger des christli­chen Glaubens.

Der Verfasser der Apostelgeschichte, Lukas, hat zwei Genera­tionen später dieses Ereignis dreimal ausführlich überliefert: In Apostelgeschichte 9,3-9 beschreibt er es so:

Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« »Wer bist du, Herr?«, fragte Saulus. Die Stimme sagte: »Ich bin Je­sus, den du verfolgst. Aber steh auf und geh in die Stadt! Dort wirst du erfahren, was du tun sollst.« Den Männern, die Saulus begleiteten, verschlug es die Sprache. Sie hörten zwar die Stimme, aber sie sahen niemand. Saulus stand von der Erde auf und öffnete die Augen – aber er konnte nichts mehr sehen. Da nahmen sie ihn an der Hand und führten ihn nach Damaskus. Drei Tage war er blind und aß nichts und trank nichts.

Wie wirkt ein solches Wende-Ereignis auf die eigene Person? Das Erleben krempelt einen Menschen so um, dass ihn andere nicht wiedererkennen! Der innere Wandel wird auch von äußeren kör­perlichen Zeichen begleitet. Was Saulus erlebte, hieb ihm auch wirklich die Beine weg. Sie versagten ihren Dienst. Drei Tage war er geblendet. Er aß nichts und trank nichts. Seine Begleiter wa­ren sprachlos. Sie nahmen etwas wahr, was sie sich nicht erklären konnten.

Drei Tage sind Zeit genug, um ein paar Nächte darüber zu schlafen. Auch Paulus musste den Wandel erst noch begreifen. Dann war jemand da, der die Augen öffnen half: Hananias, der schon Christ geworden war. Er reichte dem Verfolger die Hand. Diese Geste eröffnete für Saulus den Weg zur Taufe. Saulus war als Fanatiker bekannt, der für den jüdischen Glauben und des­sen Erhaltung kämpfte. Er konnte Abweichler nicht dulden. Bald aber sollte er ein anerkanntes Mitglied der Gemeinschaft sein, die er gerade noch verfolgt hatte. Saulus wurde zum Pau­lus.

Ihr habt doch gehört, wie entschieden ich früher für die jüdische Religion eingetreten bin. Über alles Maß hinaus verfolgte ich die Gemeinde Gottes und tat alles, um sie zu vernichten. In meiner Treue zum Gesetz übertraf ich viele meiner Altersgenossen in meinem Volk. Leidenschaftli­cher als die anderen setzte ich mich für die Befolgung der strengen Vor­schriften ein, die die früheren Gesetzeslehrer aufgestellt haben. Aber dann kam es ganz anders. Gott hatte mich ja schon vom Mutterleib an ausgesondert und in seiner Gnade berufen. Und so gefiel es ihm jetzt, mir seinen Sohn zu zeigen, damit ich ihn unter den nichtjüdischen Völ­kern bekannt mache. (Galater 1,13-16)

Wie wirkt ein solches Wende-Ereignis auf andere? Wenn Menschen plötzlich eine innere Wende erleben, wird die Umgebung misstrauisch: »Ist der Wandel echt – oder hängen sie die Fahne nach dem Wind? Sind es Wendehälse, die sich nur den neuen Verhältnissen anpassen?«

Die äußeren Beziehungen des Menschen verändern sich völ­lig: Die alten Freunde werden zu Feinden, weil sie den Verräter verachten. Die früheren Feinde zögern, Freunde zu werden, weil sie dem Überläufer nicht trauen.

Die ständige Beweislast überfordert den Einzelnen: Kann ich den neuen Anforderungen gerecht werden? Wie gehe ich mit meiner bisherigen Geschichte um? Was wird aus der abgelegten Überzeugung?

Reicht eine so kurze Zeit aus, um darüber Klarheit zu gewin­nen? Für Paulus muss man nach seinen eigenen Aussagen (Galater 1,11-24) annehmen, dass dieser Prozess der Veränderung mehrere Jahre gedauert hat. Aber es gibt auch Bleibendes, das das Leben geprägt hat! Denn mit dem Neuen verbindet sich das Frühere. Paulus wollte seine jüdische Herkunft nicht verleugnen: Der Glaube an den Gott Israels, der mit dem Gesetz die Lebensregeln gegeben hat, konnte in ihm nicht erschüttert werden. Die neue Einsicht aber lautete: Dieser eine Gott hat in Jesus Christus der ganzen Menschheit einen Weg der Erlösung angeboten, nicht nur dem Volk Israel.

Bis heute ist es so: Wer über eine Lebenswende zum Christen­tum kommt, muss sich gegenüber den Etablierten behaupten und bekennen. Aber weil er von außen kommt, sieht er oft schärfer, wo Anpassung aufgegeben und der Weg von Widerstand oder Verweigerung gegangen werden muss.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen. (Galater 5,1)

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Liebe

Verliebte sind oft so erfüllt von Gefühlen und Empfindungen, von Sehnsucht und Rausch, dass sie ihr Erleben in Worte fassen möchten. Aber nüchterne Beschreibungen passen da nicht. Schon die Form der Sätze soll die Hochstimmung von Glück und Freu­de ausdrücken, und alles soll sich möglichst auch singen lassen. Was ist da besser geeignet als Gedichte und Lieder?

Liebeslieder gab es gewiss schon in »grauer Vorzeit«. Die ältes­ten, die wir kennen, stammen aus Ägypten vom Ende des zwei­ten Jahrtausends v.Chr. Ganz ähnliche Liebeslyrik findet sich auch im Alten Testament. Das »Hohelied« ist ein Gedicht- und Liederbuch, das man auch »Lied der Lieder«, also »schönstes Lied« nennen kann. In orientalischer Pracht und Fülle der Sprachbilder wird hier die Liebe zwischen Mann und Frau gefeiert. Dazu gehören auch überschwängliche Beschreibungen der Geliebten. Vergleiche für ihre Schönheit werden in der Natur gesucht: »Weinberg«, »Garten« und »Quelle« symbolisieren die Reize der Freundin.

Einige Bilder und Vergleiche wirken auf uns vielleicht etwas Bildhafte fremd, wenn es z.B. in Kap 4,1 heißt: Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead.

Was manche jedoch nicht in der Bibel vermuten würden, ist der sinnenfrohe, unbefangene, erotische Ton der Sprache:

Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen,
die unter den Lilien weiden.
Bis der Tag kühl wird und die Schatten schwinden,
will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.
Du bist wunderbar schön, meine Freundin,
und kein Makel ist an dir. (Hohelied 4,5-7)

Natürlich wird überwiegend die weibliche Schönheit gefeiert, aber auch die Freundin preist den Geliebten in starken Bildern:

Sein Haupt ist das feinste Gold.
Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe.
Seine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen,
sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern. (Hohelied 5,11-12)

Aber die Liebenden bewundern einander nicht nur, sie sprechen auch miteinander. Anders als in moderner Liebeslyrik, die bis­weilen die Distanz und das Für-sich-Sein betont, begegnen wir im Hohenlied Staunen, Ehrfurcht, Hingabe, sinnenhafter Freu­de bis zur Atemlosigkeit. »Essen«, »Trinken«, »Weiden«, »Pflü­cken« sind Metaphern für den Liebesgenuss. Und Außenstehen­de werden beschworen, das Liebesspiel nicht zu stören, das sich als Ort nicht selten die freie Natur sucht.

Ein Teil der Gedichte sind Hochzeitslieder. Das Brautpaar, das mit Verwandten und Freunden mehrere Tage feiert, wechselt da­bei die Rollen: Mal sind sie Hirten, mal Gärtner, ja, auch König und Königin. Auf diese Weise kam wohl der Name des Königs Salomo ins Spiel, dem man das Hohelied zuschrieb. Dieser Um­stand mag dazu beigetragen haben, dass man diese ganz profane Liedersammlung in den Kanon der Hebräischen Bibel aufnahm. Rabbiner haben versucht, dem Hohenlied eine »höhere« Ausle­gung zu geben: Sie wollten in den Texten die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel ausgedrückt sehen.

Solch eine »Allegorisierung« des Hohenliedes ist später auch im Christentum vorgenommen worden. Man deutete es auf die Beziehung Christi zu seiner Gemeinde oder als Allegorie der Be­ziehung zwischen Christus und der Seele des Einzelnen.

Heute, im Zeitalter der Beziehungskrisen, tun wir gut daran, das ursprüngliche Verständnis dieser elementaren, herzhaften und öffnenden Liebeslyrik wieder zurückzugewinnen. Liebe ist das schönste Geschenk Gottes an die Menschen. Ihre alle Ordnun­gen sprengende Kraft findet den vielleicht kühnsten Vergleich in den berühmten Zeilen aus dem 8. Kapitel:

Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken können. (Hohelied 8,6-7)

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Machtmissbrauch

Abimelech hatte sich in den Kopf gesetzt, König zu werden. Das war eine kühne Vorstellung, denn bisher war Israel immer ohne König ausgekommen. Um dieses Ziel zu erreichen, ging er ge­waltsam gegen seine Geschwister vor. Erst betrog er sie, und dann ermordete er sie. Nur einer der Brüder, Jotam, hatte das grausame Schauspiel Abimelechs überlebt und wurde Zeuge der Bluttat.

Als die Wahl Abimelechs zum König begann, stellte er sich auf einen Berg und wandte sich an das Volk Israel. Er wollte ihm die Au­gen öffnen für die Wahrheit. Denn es war im Begriff, einen herrschsüchtigen, ungerechten Demagogen zu wählen. Einen, der unlautere Mittel benutzte, um an die Macht zu kommen. Darum erzählte er ihnen folgende Fabel:

Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben,
und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König!
Aber der Ölbaum antwortete ihnen:
Soll ich meine Fettigkeit lassen,
die Götter und Menschen an mir preisen,
und hingehen, über den Bäumen zu schweben?
(...)
Da sprachen die Bäume zum Weinstock:
Komm du und sei unser König!
Aber der Weinstock sprach zu ihnen:
Soll ich meinen Wein lassen,
der Götter und Menschen fröhlich macht,
und hingehen, über den Bäumen zu schweben?
Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch:
Komm du und sei unser König!
Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen:
Ist?s wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt,
so kommt und bergt euch in meinem Schatten;
wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus
und verzehre die Zedern Libanons. (Richter 9,8-9)

Oft sind gerade diejenigen, die geeignet wären, gar nicht daran interessiert, an die Spitze eines Volkes zu kommen. Sie haben kei­nerlei Interesse an der Macht. Sie sind zufrieden mit den Aufga­ben, die sie für sich in ihrem Leben gefunden haben.

Von einem König oder Herrscher wird eigentlich erwartet, dass er gerecht ist, dass er das Land zu Wohlstand führt, Frieden schafft und dafür sorgt, dass die Menschen ihren Alltag leben können. Er sollte keinen Hass unter dem Volk schüren. Im Gegenteil: eine sta­bile und gerechte Regierung fördert das Vertrauen des Volkes.

Abimelech erfüllte diese Erwartung nicht. Stattdessen kon­zentrierte er die Macht auf sich und forderte Abgaben vom Volk, durch die er immer reicher wurde. Er benutzte seine Machtposi­tion, um sein Volk oder einzelne Menschen des Volkes zu unter­drücken und seine eigenen Interessen durchzusetzen. Ein Grund­konflikt zwischen Volk und politischer Macht.

Nicht nur das Volk Israel war blind dafür, dass sich die »Dorn­büsche« um die Herrschaft bewarben. Israel forderte das, was es bei den anderen Völkern ringsum auch sah: einen König. Es sah nicht voraus, in welche Abhängig­keit es sich damit begab.

So wurde Abimelech trotz Jotams Warnung vom Volk Israel zum König gewählt. Doch seine Regierungszeit währte nur drei Jahre. Zu viel Blut klebte an ihm und seiner unrechtmäßigen Wahl. Das Ende war erbärmlich. Eine Frau zertrümmerte seinen Schädel mit einem Mühlstein. So blieb ihm nur noch, sich von seinem Waffenträger töten zu lassen, damit die Schande, von ei­ner Frau getötet worden zu sein, nicht noch größer wurde.

Jotam hatte mit seiner Warnung vor der Wahl Abimelechs zum König Recht behalten. Gott vergalt mit diesem bitteren Ende Abimelech den Mord an seinen Brüdern und an vielen Menschen seines Volkes.

Ist etwa auch das eine biblische Grundeinsicht: Die Macht ei­nes ungerechten Potentaten kann auf Dauer nicht bestehen?

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Mensch

Der Mensch wird in der Bibel immer in Beziehung zu Gott gesehen. In 1.Mose/Genesis 2,7 heißt es, dass Gott den Menschen aus Erde gemacht hat. Damit ist bereits Grundlegendes über ihn gesagt: Er ist von Gott geschaffen und gewollt, und er ist vergänglich (vgl. Psalm 103,14-16; Hiob/Ijob 25,6; 1.Petrus 1,24-25). In beidem unterscheidet er sich nicht wesentlich von den anderen Geschöpfen. Doch in einem ist er als Geschöpf einzigartig: Menschen sind Ebenbilder Gottes (1.Mose/Genesis 1,26-28).

Das bedeutet, sie sollen bewusst in Beziehung zu Gott und als seine Stellvertreter auf der Erde leben. Adam bekommt in 1 .Mose/Genesis 2,15-17 den Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Das hebräische Wort »Adam« ist genau genommen kein Eigenname, sondern bedeutet »Mensch, Menschheit«. Uns allen ist damit die Welt anvertraut wie Hirten, die für ihre Mitgeschöpfe Verantwortung haben und dem Besitzer Rechenschaft schuldig sind.

Die Ebenbildlichkeit wird auf Mann und Frau bezogen. Es gibt Unterschiede zwischen ihnen, aber beide sind gleichwertig und gleichberechtigt. Als Ebenbilder Gottes können Menschen selbst schöpferisch sein. Sie können Nachkommen zeugen, sie können etwas schaffen, gestalten, herstellen.

Über das Geschaffensein des Menschen von Gott und seine Gottebenbildlichkeit hinaus finden sich gerade in den ersten Kapiteln der Bibel noch weitere grundlegende Aussagen über ihn. Dazu gehört vor allem, dass ihm notwendige Grenzen gesetzt sind durch Gottes Gebot (1 .Mose/Genesis 2,16-17) und dass Menschen Gemeinschaftswesen sind (1.Mose/Genesis 2,18).

Doch die Bibel erzählt auch davon, dass der Mensch seine Bestimmung oft verfehlt (1.Mose/Genesis 3): Er will seine Begrenztheit nicht akzeptieren, will eigenmächtig handeln und letztlich sein wie Gott. So verstößt er gegen Gottes Gebot und zerstört damit seine Beziehung zu Gott, zu seinen Mitgeschöpfen und zu seinem Tun. Der Engel, der das Paradies bewacht, aus dem Gott den Menschen vertrieben hat (1.Mose/Genesis 3,24), ist Symbol für diese grundlegende Störung aller Lebensbezüge.

Es ist die Botschaft der Bibel, dass Gott den Menschen nicht diesem Zustand der Schuld und der Gottesferne überlässt. In Jesus Christus hat er Mensch und Welt wieder mit sich versöhnt. Dementsprechend sieht das Neue Testament in Jesus Christus das wahre Ebenbild Gottes (Kolosser 1,15). In ihm ist die Bestimmung des Menschen verwirklicht. Er lebt in enger Gemeinschaft mit Gott, hört Gottes Wort, tut seinen Willen und vertraut ihm ganz und gar. Er ist solidarisch mit seinen Mitmenschen, wendet sich ihnen helfend zu und durchbricht dabei auch die Grenzen zwischen den Menschen. Sein Handeln teilt uns Gottes Nähe mit: Es bringt uns Gottes bedingungslose Annahme und Liebe. Damit stellt er unsere Beziehung zu Gott und untereinander auf eine neue, tragfähige Grundlage, und wir können nun auch unsere Zuwendung zueinander als Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen neu verstehen und gestalten.

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Schöpfung

Die Welt ist eine Schöpfung Gottes. Dieses Bekenntnis steht am Anfang der Bibel. Entfaltet wird es in zwei Schöpfungserzählun­gen, die aus unterschiedlichen Epochen der Geschichte Israels stammen.

Die eine, jüngere (1. Mose 1,1–2,4a) beginnt mit dem Abschnitt:

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe;
und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war.
Da schied Gott das Licht von der Finsternis
und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.
Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Die Schöpfungswerke sind eingeordnet in ein Schema von sieben Tagen. Das ganze Werk wird erst durch den Ruhetag abgeschlossen. Er verbürgt den sinn­vollen Rhythmus des Lebens, von Arbeit und Ruhe, von Werk- ­und Feiertag. Gott zeigt sich darin als einer, der fürsorglich um le­benswertes Leben bemüht ist. Israel wird später diesen letzten Tag der Woche als Sabbat feiern.

In der formelhaften Sprache dieses Abschnitts kommt zum Ausdruck, wie Gott ordnet, anordnet und das Angeordnete an­schließend in Kraft setzt: Entstanden ist ein Lebensraum, der mit Pflanzen ausgestattet ist. Sie dienen den Tieren der verschiedenen Gattungen und den Menschen, Mann und Frau, zur Nahrung. Weil Streit um Nahrung ausfällt, gibt es hier eine gute Friedensordnung. Dem Menschen obliegt es, diese gute Ordnung zu bewahren.

Die Schöpfungsgeschichte entstand in einer Epoche, in der über Israel Zeiten chaotischer Zerstörung und Entwurzelung hereingebrochen waren. Viele Menschen sahen sich fremden Naturgottheiten ausgeliefert. Weise, priesterliche Schriftsteller erinnerten in dieser Zeit daran, dass der Gott Israels die Welt selbst geordnet und sich damit als Herr der chaotischen Natur­mächte erwiesen hatte.

Die zweite, ältere Schöpfungsgeschichte ist ganz anders an­gelegt (1. Mose 2,4b–3,24). Sie beginnt so:

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Diese Erzählung geht von der bäuerlichen Erfahrung aus, dass fruchtbare Erde und Wasser die Elemente des Lebens sind. Sie reichen freilich nicht aus, den Menschen zu schaffen. Lebens­odem von Gott macht Adam erst zu einem lebenden Wesen. Ein Garten erst bietet die Fülle von Lebensmöglichkeiten. Hier soll der Mensch leben. Ein Garten bedeutet freilich immer auch Ar­beit. Ihn soll er bebauen. Alles, was im Garten wächst, soll ihm in Fülle zur Verfügung stehen. Die Tiere soll er benennen, ein herr­schaftlicher Akt, der eigentlich Gott selbst zustehen würde. Zwei Bäume freilich müssen als unberührbar gelten. Hier schon ist von Gebot und Tod die Rede.

Überraschend einfühlsam ist Gott: Der Mensch könnte ein­sam sein – das ist nicht gut für den Menschen. Gott stellt ihm die Frau an die Seite. Sie ist Bein von seinem Bein und Fleisch von sei­nem Fleisch (1. Mose 2,23). Näher kann sie dem Mann nicht sein.

Was die Geschichte weiter vorantreibt, ist nicht die Freigabe all des Guten aus dem Garten, sondern das Verbot: Die Schlange verändert listig Gottes Anordnung, Frau und Mann lassen sich hinreißen – Verbotenes lockt. Daraus wird die neue, die andere Ordnung: Die Schlange kriecht auf dem Bauch, die Frau wird dem Mann untergeordnet, mit Schmerzen muss sie gebären, mit Schmerzen muss der Mann den harten Boden bearbeiten. Im Garten können sie ferner nicht bleiben. Der dornenreiche, steini­ge Boden von Palästina/Israel ist der neue Lebensraum.

Es ist das jeweilige Heute der Menschen, die alltägliche Le­benswirklichkeit. Die Geschichte erzählt, wie dieses mühsame, schmerzvolle Leben mit Über- und Unterordnung geworden ist.

Den biblischen Schöpfungsgeschichten geht es also um mehr und anderes als die Enstehung der Welt. Mit der mythischen Dar­stellung sind sie durchaus ihrer Zeit verhaftet. Überraschend ist, dass beide Erzählungen auf ihre so unterschiedliche Weise vom Zusammenwirken des einfühlsamen, zugewandten Gottes mit dem Geschaffenen und den Geschöpfen untereinander berichten. Aus dieser Einsicht könnte ein neues Verständnis vom Umgang mit der Schöpfung und vom Verhältnis der Menschen unterein­ander entstehen – in der Welt der Dornen und Disteln. Der Tag der Sabbatruhe ist der dazugehörige Gedenktag.

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Schuld und Vergebung

Das Volk Israel wird aus seinem Land in die Fremde verschleppt. Geschickte Eroberungspolitik einer Großmacht – und doch fragt sich jeder, wie es dazu kommen konnte.

Dort, weit weg, eine tiefe Identitätskrise. Entwurzelt: ohne Heimat, ohne Tempel, ohne eigene Herrscher; ja, sogar Gott scheint das Volk verlassen zu haben. Das Volk hatte sich aber ge­rade durch seine besondere Beziehung zu Gott getragen gewusst – sie sprachen von einem Bund mit Gott. Sie hatten sich ver­pflichtet, auf Gottes Gesetz zu achten, darauf, wie jeder leben soll, damit sich alle wohl fühlen. Gott hatte sich verpflichtet, sie zu be­schützen und ihnen zu helfen. Diese Verheißungen galten offen­sichtlich nicht mehr, das trostvolle Bewusstsein des Getragen­werdens auch in einer unsicheren Zukunft war gebrochen.

Wer sind wir eigentlich?, fragten sich die Menschen. Was soll aus uns werden? – Diese Fragen waren umso brennender, umso schmerzlicher, als die Israeliten ja wussten, dass die Katastrophe schließlich selbst­verschuldet war. Einer von ihnen, Jeremia, hatte doch vorher ge­redet:

Jerusalem, sieh, was geschieht: Deine Feinde rücken von Norden heran!
Was soll nun aus den Städten in Juda werden? Vor Schmerz wirst du schreien wie eine Frau, die in Wehen liegt.

Und der HERR sprach zu mir: Von Norden her wird das Unheil los­brechen über alle, die im Lande wohnen. Denn siehe, ich will rufen alle Völker der Königreiche des Nordens, spricht der HERR, dass sie kommen sollen und ihre Throne setzen vor die Tore Jerusalems und rings um die Mauern her und vor alle Städte Judas. Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten. So gürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen al­les, was ich dir gebiete. Erschrick nicht vor ihnen, auf dass ich dich nicht erschrecke vor ihnen! (Jeremia 1,14-17)

Und Jeremia ging und predigte. Die Menschen hörten aber nicht auf ihn. Doch er sprach, immer wieder, obwohl er unter dieser Aufgabe fast zerbrach.

Erst als die »Völker des Nordens«, die Babylonier, tatsächlich Jerusalem zerstört hatten und die Israeliten zum großen Teil nach Babylonien verschleppt worden waren, verstanden sie: Das war Gottes Gericht. Sie, das Volk Israel, hatten schon längst den Bund mit Gott gebrochen, nun hatte Gott seinerseits Bilanz gezogen. Doch jetzt redet Jeremia wieder. Seine Botschaft ist nun anders:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hau­se Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmer­mehr gedenken. (Jeremia 31,31-34)

Trost – oder Vertröstung? Gott ist – entgegen aller Erwartungen – seinem Volk treu geblieben. Das bedeutet nicht, dass er über die verfehlte Vergangenheit hinwegsieht, aber er vergibt. Der neue Anfang des Lebens nach einer erlebten Katastrophe muss sich darum nicht mehr an dem eigenen Scheitern orientieren. Die Ver­gangenheit muss auch nicht mehr verleugnet werden. Denn die Vergebung befreit von der Last der mitgeschleppten Schuld. Die Augen werden geöffnet für neue Wege.

Eine solche durchlebte Katastrophe ändert aber auch den Blick für die anderen Menschen. Wer einmal selber in seinem Leben gescheitert ist, kann nicht mehr mit seinen Mitmenschen so um­gehen wie vorher. Wem große Schuld vergeben wurde, der wird auch anderen gegenüber barmherzig. Und wem Gott seine Le­bensweisungen, sein Gesetz, ins Herz schreibt, dem liegt das Wohl des anderen am Herzen.

»Wer sind wir eigentlich?«, fragten sich die Menschen. »Kann aus uns überhaupt noch etwas werden?«

»Ihr seid die Niedergeschlagenen, Gescheiterten«, antwortete Jeremia. »Doch Gott will euer ganzes Leben erneuern.«

Freilich haben auch diese Botschaft nicht alle Zuhörer Jere­mias hören wollen. Sie wollten nach der geschichtlichen Kata­strophe eine andere Hoffnung, eine konkrete politische Befreiung, an der sie selber hätten aktiv tätig werden können.

Doch wer sich auf Jeremias Worte einließ und nicht Revanche suchte, sondern einen wirklichen Neuanfang wagte, erfuhr Trost und Freude, die auch auf die Mitmenschen ausstrahlten. Die Welt war nicht mehr wie vorher.

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Tod

Solange es Menschen gibt, stellen sie sich die Frage nach dem Tod. Ist er das Ende allen Lebens – oder gibt es ein Weiterleben nach dem Tod? Wir erfahren den Tod von Angehörigen als end­gültig und unumkehrbar, als Abbruch der Beziehung. Es ist heu­te möglich, biologisches Leben zu verlängern. Alltägliche Todes­risiken werden gemindert. Aber dennoch sind wir Menschen bio­logisch nicht unsterblich.

Gleichzeitig aber kann es geschehen, dass wir in unserer tech­nischen Welt und individualistischen Gesellschaft eine Form der Ausgrenzung erfahren, die wir soziales Sterben nennen: Tod bei lebendigem Atem. Sterben, verstanden als Eintreten in die Beziehungslosigkeit, kann schon lange vor dem letzten Herzschlag beginnen.

Kennt christlicher Glaube über das hinaus, was wir über den Tod denken, noch etwas anderes?

Der Apostel Paulus hat sich diese Frage in seinen Briefen ge­stellt. Dazu schreibt er im 1. Korintherbrief, Kapitel 15:

Nun aber ist Christus vom Tod auferweckt worden, und als der erste Auferweckte gibt er uns die Gewähr, dass auch die übrigen Toten auferweckt werden. Durch einen Menschen kam der Tod. So kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung vom Tod. Alle Menschen gehören zu Adam, darum müssen sie sterben; aber durch die Verbindung mit Christus wird ihnen das neue Leben geschenkt werden. (1. Korinther 15,20-21)
(...)
So könnt ihr euch auch ein Bild von der Auferstehung der Toten machen. Was in die Erde gelegt wird, ist vergänglich; aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist unvergänglich. Was in die Erde gelegt wird, ist armselig; aber was zum neuen Le­ben erweckt wird, ist voll Herrlichkeit. Was in die Erde gelegt wird, ist hinfällig; aber was zum neuen Le­ben erweckt wird, ist voll Kraft.

Was in die Erde gelegt wird, war von natürlichem Leben beseelt; aber was zu neuem Leben erwacht, wird ganz vom Geist Gottes be­seelt sein.
Wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben. (1. Korinther 15,42-44)

Von Paulus wird der Tod völlig ernst genommen: Er gehört zur sterblichen Welt, zur »Welt Adams«, und kennt keine Ausnahme. Dem stellt Paulus das neue Leben gegenüber, das nicht irdisch ist, sondern von Gottes Geist gegeben wird. Um dies zu erleben, muss zuvor alles Irdische sterben. Das neue Leben setzt also das alte nicht fort. Es lässt sich auch nicht als Seelenwanderung und Wie­derverkörperung einer unsterblichen Seele fassen. Dagegen stellt sich Paulus das neue Leben als eine neue Schöpfung Gottes vor, als Neugestaltung des Geistes aus einer unsterblichen Welt. Er glaubt, dass die Auferstehung Jesu das Zeichen dieses neuen Le­bens aus dem Geist für alle Menschen ist.

Wir können uns nur unzureichende Bilder von dieser Hoff­nung auf das neue, ewige Leben machen, die Paulus bezeugt. Die­se Bilder sprengen unsere Vorstellungen von Raum und Zeit. Pau­lus sieht das Ziel dieser vergänglichen Welt und Geschichte in dem unvergänglichen Gott. So ist es für die, die an dieser Hoff­nung teilhaben, nicht gleichgültig, wie sie die eigene Lebens­führung gestalten. Über Tod und Leben entscheiden wir täglich mit. Hier hat der Gedanke des Weltgerichts seinen Platz.

Der Glaube ist das Zeichen des neuen Lebens. Er wird wirk­sam in der Liebe. So schreibt Paulus:

Auch wenn alles einmal aufhört – ­Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe. (1. Korinther 13,13)

Unter Liebe versteht er auch die Hingabe an andere, den Einsatz für gelingendes Leben. Wo die Liebe fehlt, da ist der Tod – Tö­ten, Totschlag und Mord. Wo die Liebe wohnt, da wohnt Gott, das ewige neue Leben.

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Träume und Visionen

Immer wieder erzählen biblische Texte davon, dass Menschen Gottes Botschaft in Träumen und Visionen erfahren. Neben dem »Wissensgewinn« kommt darin die Gewissheit zum Ausdruck, dass Gott gerade dann handelt, wenn Menschen es nicht vermögen.

Altes Testament

1.Mose/Genesis 28,12: Jakob sieht im Traum eine Leiter, die bis zum Himmel reicht. Gott spricht dem Flüchtling, der Schuld auf sich geladen hat, noch einmal die alte Verheißung an Abraham zu, dass er Vater eines großen Volkes wird.

1.Mose/Genesis 37,5: Josefs Träume von der herrschaftlichen Position in der Familie verändern sein Leben.

1.Mose/Genesis 41: Der ägyptische Pharao träumt und weiß nichts damit anzufangen. Gott lässt Josef den Traum deuten. Dadurch wird Ägyptens Geschick mit dem Israels verbunden – zu beider Wohl und Rettung.

Die meisten Stellen im Alten Testament, an denen Träume und Visionen eine Rolle spielen, haben mit Propheten zu tun. Sie sind zu zahlreich, um sie hier im Einzelnen aufzuführen. Nur eine programmatische Stelle soll beispielhaft zitiert werden:

4.Mose/Numeri 12,6: »Wenn ich Propheten zu euch sende, offenbare ich mich ihnen in Visionen und spreche zu ihnen in Träumen.«

1.Könige 3,1-15: Gott erscheint Salomo am Anfang seiner Regierungszeit im Traum, lässt ihn einen Wunsch sagen, den er erfüllen wird, und Salomo wünscht sich ein Herz, das auf Gottes Weisung hört.

Daniel 2-4: König Nebukadnezzar träumt von den vier Weltreichen und Daniel erfährt im Traum die Deutung von Nebukadnezzars Traum.

 

Neues Testament

Die Jesusgeschichte des Matthäusevangeliums wird eingerahmt von Träumen:

Matthäus 1,20: Ein Engel erklärt Josef im Traum die Herkunft von Jesus.

Matthäus 2,12: Ein Engel befiehlt den Sterndeutern im Traum, nicht zu Herodes zurückzukehren.

Matthäus 2,13: Ein Engel fordert Josef im Traum auf, mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen.

Matthäus 2,20: Ein Engel bringt Josef im Traum die Nachricht, dass er mit seiner Familie nach Israel zurückkehren kann.

Matthäus 27,19: Die Frau des Pilatus träumt, dass Jesus unschuldig ist.

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Zahlensymbolik

An vielen Stellen der Heiligen Schrift begegnen uns Zahlenangaben. Sie geben mitunter Rätsel auf, wenn man sie als rechnerische Größe zu deuten versucht. Wenn wir sie jedoch in ihrer symbolischen Bedeutung verstehen, enthüllen sie einen tiefen Sinn:

1 – Gott
Gott ist der eine und einzige.

2 – Die Zeit
Tag und Nacht, Sommer und Winter, Hitze und Kälte, Aussaat und Ernte (1.Mose/Genesis 8,22)

3 – Das Heilige
Gott erscheint in Gestalt dreier Männer (1.Mose/Genesis 18,2) | Dreimal heilig (Jesaja 6,3)

4 – Kosmos, Welt
4 Himmelsrichtungen | 4 Jahreszeiten | 4 Paradiesflüsse (1.Mose/Genesis 2,10-14)

5, 500, 5000 – Leben zwischen Bedrohung und Gottes Schutz

  • [3+2] Gottes Gegenwart (3) in der Geschichte (2)
  • Schutz in der 5-jährigen Hungersnot (1.Mose/Genesis 45,11)
  • 5 als Element in der Tempelarchitektur (2.Mose/Exodus 26,26; 1.Könige 6,31), vgl. das Pentagramm (Fünfeck), das in vielen Religionen als Schutzzeichen gilt!
  • Noach zeugt im Alter von 500 Jahren 3 (!) Söhne.
  • Mit 5000 Mann erobert Josua die Stadt Ai (Josua 8,12).
  • Das »fünfte Siegel« (Offenbarung 6,9) bedeutet das Martyrium für Gottes Wort.

6 – Geschichte, Lebensprozess
Schöpfung (1.Mose/Genesis) | Ein Sklavendasein beträgt 6 Jahre (2.Mose/Exodus 21,2) | 6 Jahre lang werden die Felder bestellt (3.Mose/Levitikus 25,3)

7 – Vollkommenheit, Fülle, Treue Gottes

3 ½ – Zeit der Bedrängnis

  • Bewährung der Treue (7) in der Zwiespältigkeit der Zeitlichkeit (2).
  • Politisches Beispiel: Die Entweihung des Tempels durch Antiochus IV. Epiphanes dauerte 3 ½ Jahre (von 167 bis 164 v. Chr.).

10 – Volksgruppe

  • 10 Männer sind die kleinste in Israel anerkannte Gruppe, sonst handelt es sich um Einzelpersonen. Dies ist auch die Zahl von Männern, die anwesend sein müssen, damit in Israel Gottesdienst gehalten werden kann.
  • 10 Gerechte waren nötig zur Errettung Sodoms (1.Mose/Genesis 18,32).

12 – Endzeitliche Fülle
Sie entsteht aus der Verbindung des Göttlichen (3) und des Geschöpflichen (4).
12 Söhne Jakobs | 12 Stämme Israels | 12 Jünger Jesu als Inbegriff des »endzeitlichen Israel«

40, 400 – Prüfungszeit mit der Aussicht auf Gottes Hilfe

  • Israel ist 400 Jahre lang in ägyptischem Frondienst (1.Mose/Genesis 15,13), dann folgen 40 Jahre in der Wüste
  • Mose und Elija verharren 40 Tage auf dem Gottesberg
  • Jesus fastet 40 Tage in der Wüste und wird dort versucht
  • 40 Tage trauert man um einen Toten.

1000 – Ewigkeit
Tausendjähriges Reich (Offenbarung 20)

1260 – endzeitliche Prüfung
= 42 Monate (Offenbarung 11,2) | = 3 ½ Jahre (s.o.)

144.000 – göttliche Vollendung
Kosmos (3) und Göttliches (4) im Quadrat (12 x 12) der göttlichen Ewigkeit (1000)

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Zehn Gebote

Sowohl für das Judentum als auch für das Christentum gehören die »Zehn Gebote« zu den zentralen Texten der Bibel und zu den Kernstücken des Glaubens. Auch der Islam hat sie übernommen und verkündet in der 17. Sure des Korans, eine Reihe zentraler Gebote, die stark an sie erinnern.

Die Bibel bringt die Verkündigung der Zehn Gebote mit dem Bund in Zusammenhang, den Gott am Sinai mit seinem Volk schließt. In ihnen kommt in konzentrierter Form die damit verbundene Verpflichtung zum Ausdruck, das ganze Leben an Gottes Willen auszurichten.

Die Tora als »Geländer des Lebens«

Den Worten »Gesetz« oder »Gebot« haftet im Deutschen oft der Beigeschmack von Abgrenzung und Strafe an. Erlaubt ist, was nicht verboten ist. Das war in Israel und seinen biblischen Gesetzestexten anders. Schon die andere Begrifflichkeit zeigt dies: Israel nennt das Gesetz »Tora«, das bedeutet Wegweisung. Die Tora ist für Israel und das Judentum ein großes Geschenk Gottes. Sie zeigt dem Einzelnen und dem Volk, auf welche Weise Leben gelingen kann. Sie setzt die Befreiung aus Ägypten fort und macht aus den Geretteten ein überlebensfähiges Volk. Darum steht über beiden biblischen Fassungen der Gebote (2.Mose/Exodus 20 und 5.Mose/Deuteronomium 5) der Satz: »Ich bin der Herr, dein Gott! Ich habe dich aus Ägypten herausgeführt, ich habe dich aus der Sklaverei befreit.«

Bis heute feiern die Juden jedes Jahr ein Fest mit dem Namen »Simchat Tora« (Freude an der Weisung). Dabei werden bei fröhlichem Tanz und Gesang die Torarollen durch die Synagoge getragen, enthalten sie doch das Beste, was Gott seinem Volk gegeben hat!

Brauchen Christen die Tora des Judentums?

Neben den Zehn Geboten gibt es in der hebräischen Bibel sehr viele Einzelanweisungen für das Volk Israel. Sie betreffen zum einen das Zusammenleben im Staat, zum anderen die Ausübung der Religion.

Viele davon sind zeit- und kulturbedingt (z.B. Anweisungen für den Altarbau in 2.Mose/Exodus 20 oder die Regelung zur Sklavenhaltung in 2.Mose/Exodus 21) und haben sich überlebt. Andere wurden nach eingehender Diskussion vom Christentum abgelehnt (z.B. die Pflicht zur Beschneidung im so genannten Apostelkonzil, Apostelgeschichte 15). Regelungen der Strafgesetzgebung wurden durch staatliche Gesetze abgelöst (z.B. die Regelungen bei Diebstahl, Mord etc. in 2.Mose/Exodus 22).

Viele für das Sozialverhalten wichtige Regeln (2.Mose/Exodus 22,20-26) können aber bis heute eine Herausforderung sein, über die Stimmigkeit unseres Handelns nachzudenken. Eine zusammenfassende Würdigung der Position Jesu zum jüdischen Gesetz finden Sie in Matthäus 5,17-48.

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