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Die Gesetzesbücher | Die fünf Bücher Mose

Die ersten fünf Bücher des Alten Testaments tragen in anderen Bibelausgaben die Namen Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wegen der Anzahl von fünf Büchern, wird der gesamte Teil auch »Pentateuch«, d.h. »Fünf-Rollen-Buch«, genannt. In der jüdischen Tradition tragen diese Bücher den Namen »Tora« (Weisung).

Der Pentateuch beginnt mit Erzählungen von der Erschaffung der Welt und des Menschen, stellen die lange Vorgeschichte Israels dar und erzählt ausführlich vom Auszug aus Ägypten. Im Mittelpunkt dieser Schriften stehen der Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk und die Kundgabe des Bundesgesetzes, dessen wichtigster und bekanntester Teil die Zehn Gebote sind. Die ersten fünf Bücher der Bibel enden mit dem Tod von Mose unmittelbar vor dem Einzug ins verheißene Land, das er selbst noch sehen, aber nicht mehr betreten darf. 


Das erste Buch Mose | Genesis

Die Kapitel 1–11 des ersten Mosebuches stellen eine erste Ein­heit dar, die mit der Schöpfung einsetzt und über die Geschichte vom Turmbau zu Babel bis hin zu den Vorfahren Abrahams führt. Diese »Urgeschichte« genannten Kapitel heben sich von den fol­genden Erzählungen dadurch ab, dass sie an der gesamten Menschheit orientiert sind und – darin Mythen ähnlich – er­zählen wollen, warum alles heute so ist, wie wir es in unserer Welt erleben. Sie wollen nicht berichten, wie es einst am Anfang war, sondern vielmehr, wie alles geworden ist.

Die Geschichten von der Schöpfung enden damit, dass das erste Menschenpaar erkennt, was gut und böse ist, was Leben för­dert und was Leben hindert. Darin ist es geworden wie Gott.

Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes ster­ben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. (1.Mose 3,4-5)

Freilich ist das nur geschehen, weil die Freigabe des Gartens nicht genügte, sondern das Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, übertreten wurde – so sind wir Menschen. Sie werden aus dem Garten vertrieben und nun stellt sich die Frage, wie die Menschen mit ihrer Erkenntnis umgehen. Dabei gibt es eine bemerkenswerte Bewegung. Was das erste Menschenpaar erreicht hat, kann es – können die nachfolgenden Generationen – nicht durchhalten. Paradiesisches Leben wird Schritt für Schritt gemindert, zugleich schenkt Gott ebenfalls Schritt für Schritt Errungen­schaften. Die erste Errungenschaft sind Fellkleider.

Kain und Abel sind das erste Beispiel danach: Wie im Zeitlupentempo wird in Kap 4 gezeigt, wie Kain, vorgewarnt, den Bruder doch erschlägt. In der konkreten Situation weiß er gerade nicht, sich für das Lebenfördernde zu entscheiden. Kain wird vertrieben, ist »Freiwild« geworden und wird als solches auch gekennzeichnet. Dann aber wird nach langer Zeit einer seiner Söhne der Erbauer einer Stadt. Handwerk und Musik sind schließ­lich die gewonnenen Errungenschaften.

So geht die Geschichte schnell auf die Erzählung von der Flut zu (Kap 6–9). Sie nimmt ein Motiv auf, das auch aus anderen Erzählungen des alten Orients bekannt ist, vielleicht sogar als Vorlage gedient hat (11. Tafel des Gilgameschepos). Trotz der Unfähigkeit des Menschen, sich im konkreten Fall für das Lebenfördernde zu entscheiden, garantiert Gott fürderhin eine gute Ordnung der Welt. Der biblische Erzähler berichtet sogar von einem Bund, den Gott mit der gesamten Menschheit schließt. Sein Friedenszeichen ist der Regenbogen. Er erinnert daran, dass Gott den Kriegsbogen – entspannt – in die Wolken gehängt hat.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1.Mose 8,22)

Zu den weiteren Errungenschaften gehört die »Findung« des Weinbaus (9,18–29). Der Bau von Stadt und Turm einer hochmütig gewordenen Menschheit wird mit der Verwirrung der Sprachen beantwortet – ein Hinweis auf die Weltstadt Babylon (11,1–9).

Zwischen diesen erzählenden Texten finden wir Stammbäume, sie sind eine Art früher Geschichtsschreibung. An ihnen fällt auf, dass die Lebenserwartung von Generation zu Generation abnimmt, auch darin ist die Minderung paradiesischen Lebens dargestellt. Die Völkertafel in Kap 10 ist ein Spiegelbild dessen, was die Wissenschaft der Alten Welt an geographischer Kenntnis besaß

In Kap 12–25 begegnen uns nun die Erzählungen von den Erzvätern und -müttern. Hier, erst hier, setzt Israels Geschichte ein. Vielfach sind es uralte, ursprünglich selbständige Sagen, die aber heute in den großen Erzählbogen eingeordnet sind. Sie rankten sich um eine Person oder um einen Ort und lebten durch mündliche Überlieferung fort. Jetzt sind sie als Generationenfolge von Vätern und Müttern mit ihren Söhnen und Töchtern zusammengefügt worden und bilden eine Familiengeschichte.

Voran steht die große Gruppe der Abrahamgeschichten von Kap 12–25. Es geht in den gesamten Geschichten um die Verheißung von Nachkommenschaft und Land – für Israel zu allen Zeiten aktuelle Fragen. Wie eine Art Programm findet sich in 1.Mose 12,1–4 der Auftrag an Abraham, aus dem fremden Land auszuziehen in ein verheißenes Land.

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will … Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (1.Mose 12,1.3)

Segen soll ihm und seinen Nachkommen werden. Am Verhalten ihm und seinen Nachkommen gegenüber sollen sich auch Segen oder Fluch für die Völker entscheiden. Abraham, der diesem Ruf bedingungslos folgte, wurde zum Urbild der Glaubenden. Lange musste er auf einen Nachkommen warten.

In Kap 17 wird von einem Bundesschluss zwischen Gott und Abraham erzählt. Ging es in Kap 9 um einen Bund mit der ge­samten Menschheit, so geht es hier um einen Bund mit Israel. Das Bundeszeichen ist die Beschneidung.

In Kap 18 und 19 findet sich ein Kranz von Sagen aus der Gegend von Hebron und dem Südende des Toten Meeres: Eine Geschichte erzählt von einem unerkannten Besuch Gottes bei Abraham. Er erscheint in der Gestalt von drei Männern, die der kinderlosen Sara einen Sohn verheißen. Eine zweite Erzählung berichtet von der Rettung Lots und seiner Familie vor der Zerstörung der Städte Sodom und Gomorra. Ursprünglich erklärte diese Volkserzählung, warum die Landschaft am Toten Meer zu einer so lebensfeindlichen Salzwüste geworden war. Eingeleitet wird diese Geschichte durch ein Gespräch, in dem Abraham mit Gott »verhandelt«, ob die Anzahl der Gerechten ausreiche, um eine Vernichtung der Städte zu verhindern.

Eine weitere Perle der Erzählkunst begegnet uns in Kap 22, der Geschichte vom Auftrag an Abraham, den endlich geborenen Sohn Isaak zu opfern. Die dramatische Beschreibung des Weges, den Vater und Sohn gemeinsam zurücklegen, um die Opferstätte zu erreichen, mündet in die Sätze:

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. (1.Mose 22,9-10)

Ein Engel Gottes verwehrt ihm, die Opferung auszuführen, weil Abraham seinen Gehorsam unter Beweis gestellt hat. Die Geschichte wird im Judentum die Geschichte von der Bindung Isaaks genannt und ist eine der wichtigsten Geschichten der Bibel, die den Gehorsam Abrahams zum Gegenstand hat.

Äußerst knapp wird von Isaak selbst berichtet, eigentlich nur in Kap 26. Auch hier bilden Überlieferungen aus dem Südland den Hintergrund. Die Erzählung von der Brautwerbung Isaaks führt aus dem verheißenen Land zurück an den Herkunftsort Abrahams. Aus der eigenen Sippe, die noch in Haran, im nördlichen Syrien, lebt, soll die Ehefrau kommen: Rebekka. Sie wird die Mutter der Söhne Esau und Jakob.

Breiteren Raum nimmt die Überlieferung von der dritten Generation ein: Im Vordergrund steht Jakob, der Vater der zwölf Söhne, die zu Repräsentanten der zwölf Stämme Israels werden. Von Jakob wird erzählt, dass er in einer geheimnisvollen nächtlichen Szene den Namen Israel erhält (Kap 32). Die Geschichte von Jakob beginnt mit einem Betrug an seinem Bruder Esau, der ihn auf die Flucht treibt und ihn wieder zurück nach Haran bringt. Berichtet wird von seinen je sieben Jahren Dienst um die beiden Frauen Lea und Rahel. Schließlich wird erzählt von seiner Rückkehr in die Heimat und von der Versöhnung mit seinem Bruder Esau. Es ist eine bewegende Geschichte von Jakob dem Betrüger und eine lange Geschichte von Sühne und Versöhnung.

In Kap 37; 39–50 folgt schließlich die lange, novellenartige Erzählung von Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wird und dort am Hofe des Pharao in die wichtigsten Positionen aufsteigt. Beschrieben wird weiter, wie Jakob mit seinen Söhnen angesichts einer Hungersnot nach Ägypten zu dem zu hohen Ehren gekommenen Josef gelangt. Es ist ausgesprochen lohnend und höchst aktuell, auch diese Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu lesen, welche Wege und Umwege zur Versöhnung gegangen werden müssen, ein halbes Menschenleben lang. Ganz lebensnah: Nach dem Tod Jakobs bricht die ganze Furcht der übrigen Brüder erneut auf. In diesem Konflikt geht es nicht allein um einzelne Personen und ihr Schicksal, denn in Josef und Juda sind zugleich die Vertreter wichtiger Stämme Israels zu sehen, die ihre Rivalitäten auszutragen hatten. Von daher ist der Traum des jungen Josef zu verstehen, in dem sich die Garben vor ihm ver­neigen, und die Frage der Brüder: Willst du unser König sein und über uns herrschen? (1.Mose 37,8) So hat diese Geschichte von Sühne und Ver­söhnung auch für den politischen Bereich einen aktuellen Bezug, für das Verhältnis von Völkern untereinander, vielleicht auch von Ost und West.

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Das zweite Buch Mose | Exodus

Das zweite Buch Mose knüpft an das Bisherige mit der Aufzäh­lung der 12 Söhne Jakobs und ihrer Familien an. Das Thema die­ses Buches ist neu: Fortan geht es um die Volksgeschichte, um die wunderbare Errettung aus der Hand der Ägypter. Mit dem neu­en König, der nichts von Josef wusste (2. Mose 1,8), hören wir von der Bedrückung des nun groß gewordenen Volkes durch den Pharao: Frondienste haben die Israeliten zu leisten beim Bau der Städte Pitom und Ramses.

Mit der Nennung dieser beiden Städte ergibt sich der einzige Anhaltspunkt, das hier berichtete Geschehen zu datieren. Es ist gut belegt, dass Pharao Ramses II. (1290–1224 v.Chr.) diese bei­den Städte ausgebaut hatte.

Mit der Geburtsgeschichte von Mose in Kap 2 beginnt ein großer Bogen, der bis hin zu Mose Tod und Begräbnis am Ende des 5. Mosebuches reicht. Diese Geburtsgeschichte ist so erzählt wie andere Geburtsgeschichten in der Sagenüberlieferung der weiten Welt: Am Anfang steht die wunderbare Rettung des Kin­des, das dazu bestimmt ist, ein König oder sonst eine führende Gestalt zu werden. Wenn Mose dann nach der Tötung des Ägyp­ters nach Midian flieht und dort am brennenden Dornbusch be­rufen wird (2. Mose 3–4), klingt damit neben der Befreiung am Meer die zweite Thematik dieses Buches an: die Offenbarung Gottes am Sinai/Horeb.

Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach wei­ter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürch­tete sich, Gott anzuschauen. (2. Mose 3,5-6)

In Kap 5 setzt sich die Geschichte der Unterdrückung in Ägyp­ten fort und geht dann in den Zyklus der insgesamt zehn Plagen über (Kap 7–11), deren letzte den Auszug des Volkes einleitet. Von der Tötung der Erstgeburten wird das Volk Israel verschont, weil es auf Gottes Anweisungen Lämmer schlachtet und mit dem Blut die eigenen Häuser bezeichnet, was den Todesengel vorübergehen lässt. Für den bevorstehenden Aufbruch wird in aller Eile Brot ge­backen, das nicht mehr gesäuert werden kann.

Zur Erinnerung an diese Nacht des Aufbruches wird im Ju­dentum das doppelte Fest vom Passa (Vorübergehen) und Maz­zot (ungesäuerte Brote) gefeiert. Nach dem ersten Frühlingsvoll­mond wird dieses Fest jedes Jahr eine Woche lang begangen. In der ersten Nacht, der Passanacht, wird der zehnten Plage und des Auszuges gedacht. Im zweiten Mosebuch finden sich innerhalb der Erzählung ausführliche Festbeschreibungen, die zeigen, dass die Geschichte in einer Zeit aufgeschrieben wurde, in der es be­reits eine ausgedehnte Festpraxis gab.

Wenn euch eure Kinder fragen, was das bedeutet, dann antwortet ih­nen: »Wir schlachten am Passafest ein Tier für den HERRN, weil er in Ägypten an den Häusern der Israeliten vorüberging und uns ver­schonte, als er den Schlag gegen die Ägypter führte.« (2. Mose 12,26-27)

Damit ist Israel in der Wüste und wird es eine Weile bleiben – 40 Jahre –; erzählt wird davon bis 4. Mose 17. Zunächst aber geht die Geschichte auf die Rettung am Meer zu, über die auf unter­schiedliche Weise in Kap 13–15 berichtet wird. Der Kern der Überlieferung ist das Lied der Mirjam, der Schwester des Mose, ganz am Ende in Kap 15. Ein kurzes Loblied, das weder Ort noch sonstige Einzelheiten nennt:

Mirjam sang ihnen vor, und sie antworteten im Chor:

»Singt, singt dem HERRN,
denn er ist groß und mächtig,
ins Meer geworfen hat er Ross und Mann!« (2. Mose 15,21)

In Kap 13 und 14 stehen zwei kunstvoll ineinander gearbeitete Erzählungen in Prosa. Ziel der einen ist, dass das Volk sich fürch­tet (Gottesfurcht) und Gott und seinem Knecht Mose glaubt. Ziel der anderen ist es, dass Gott seine Herrlichkeit erweist und er der Herr ist. Wohl das jüngste Stück – jedenfalls in der heutigen Ge­stalt – ist das Lied des Mose in 2. Mose 15,1-18, das an das alte Lied der Mirjam anknüpft, dann aber in seinem zweiten Teil – völlig überraschend – den langen Weg bis zum »Berg deines Erb­teils«, zu Gottes Heiligtum, führt, was nichts anderes als der Zi­on mit dem Tempel in Jerusalem sein kann. Das zeigt, dass dieses Lied erst gedichtet wurde, als Israel längst im verheißenen Land ansässig war. Die Rettung am Meer ist die eine Säule von Israels Glauben. Dieses Ereignis wird in den Psalmen und Propheten­texten bis hin zum jüngsten Buch der Hebräischen Bibel immer wieder neu vergegenwärtigt (Psalm 105; Daniel 9,15). Jesaja 51,9-11 versteht die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft als zweiten Exodus des Volkes Israel.

Mit der Ankunft des wandernden Gottesvolks in Midian (2. Mose 18) ist Israel dort, wo Mose seine Berufung erfahren hat­te, also unmittelbar am Gottesberg, am Sinai bzw. am Horeb, wie der andere Name lautet. Hier ereignet sich die Offenbarung Got­tes und die Gesetzgebung an sein Volk. Die Gabe des Gesetzes und damit das Gesetz überhaupt ist die zweite Säule von Israels Glau­ben. Erst in 4. Mose 10 bricht Israel dann unter dem Schall der silbernen Trompeten zum zweiten Teil der Wüstenwanderung auf.

Der riesige Abschnitt von 2. Mose 19 bis 4. Mose 9 ist einer der befremdlichsten in der Bibel. Nur selten unterbrochen durch Er­zählungen, bietet er Ordnung und Gesetze zum Gottesdienst, zu Opferarten, zu Reinheit und Unreinheit, aber auch zum sozialen Zusammenleben.

An diesen Dokumenten hat die heutige Ethnologie ein besonderes Interesse. Beobachtungen von Riten und Reinheitsvorschriften, die bei afrikanischen und asiatischen Völkern noch heu­te Geltung haben, lassen darauf schließen, dass es Beziehungen zu der alten Kultur in Israel gibt.

Zum ersten Teil dieses großen Abschnitts finden wir wahr­scheinlich leichteren Zugang. In Kap 19 sind Gotteserscheinungen am Sinai geschildert: Rauch, Feuer, Erdbeben, aber auch Widder­hornklang, wie aus einer ganz anderen Gotteswelt.

Am Morgen des dritten Tages begann es zu donnern und zu blitzen, eine dichte Wolke bedeckte den Berg und mächtiger Posaunenschall war zu hören. Das Volk im Lager zitterte vor Angst. Da führte Mose das Volk aus dem Lager heraus, Gott entgegen. Am Fuß des Berges stellten sie sich auf. (2. Mose 19,16-17)

Mose überwindet die Distanz und findet bei Gott Gehör. Dass auch Gottesrede die Distanz überwindet, ist das besondere Kennzeichen von Israels Gott. Hier am Sinai konstituiert sich dieses besondere Verhältnis zwischen Gott und Israel, das als »Bund« bezeichnet wird.

Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern, denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein hei­liges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. (2. Mose 19,5-6)

Nach den Zehn Geboten folgt die älteste Gesetzessammlung Is­raels (Kap 21–23), in der zahlreiche Beispiele aus dem alltäglichen Recht enthalten sind. Auch hier schon sind die Fremden, sind Witwen und Waisen als besonders schutzwürdige Personen her­ausgehoben. Erzählende Abschnitte begegnen uns erst wieder in Kap 32–34.

Sie beginnen mit der Geschichte vom Goldenen Kalb, in der Mose zornig die beiden Tafeln des Gesetzes zerschmettert, weil das Volk in seiner Abwesenheit ein Götterbild angefertigt und an­gebetet hat. In Kap 34 wird dann von der Wiederherstellung der Gesetzestafeln berichtet.

Auf einen schönen, bewegenden Text sei besonders hingewie­sen: In 32,7–14 tritt Mose fürbittend für Israel ein, weil Gott in seinem Zorn über die Abgötterei dieses Volk vernichten und sich aus dem Geschlecht von Mose ein neues schaffen wollte.

In Kap 25–30 wird die Anordnung der Stiftshütte und in Kap 35–40 ihre Ausführung beschrieben. Dieses Heiligtum der Wüstenzeit ist eine Art Urbild des Tempels in Jerusalem.

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Das dritte Buch Mose | Levitikus

Das dritte Buch Mose enthält vorwiegend gottesdienstliche Ord­nungen und Opfervorschriften. Aus der Menge der Gesetze ist hervorzuheben, dass in 19,18 das Gebot der Nächstenliebe ge­nannt wird: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Dieses Gebot wird in 19,33-34 speziell auf die Liebe zum Fremden hin ausge­legt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Anordnung des Sabbatjahres (jedes 7. Jahr) und des Hall- oder Jobeljahres (jedes 50. Jahr). Das hier geschilderte Bodenrecht (Bodenpreis nach der Anzahl der noch zu erwartenden Jahreserträge innerhalb einer Pe­riode von fünfzig Jahren) und der Schuldenerlass sind von provo­zierender Aktualität, weil darin eine turnusmäßige Entschuldung gefordert wird.

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Das vierte Buch Mose | Numeri

Das vierte Buch Mose beginnt mit einer Volkszählung und listet in den Schlusskapiteln die Verteilung des Landes östlich des Toten Meeres an die Stämme des Volkes auf. Für die israelitischen Nomadenstämme bedeutet die Einwanderung in das besiedelte Kulturland den Einzug in das gelobte und von Gott verheißene Land. Diese Einwanderung ist wahrscheinlich sehr viel friedlicher gewesen, als aus den biblischen Büchern hervorgeht. Aus der Rückschau späterer Generationen hat diese Frühzeit, die als vierzigjährige Wüstenwanderung beschrieben wird, eine besondere Bedeutung. Hier hatte sich ihr Gottesverhältnis gebildet.

Mit Kapitel 11 setzt sich endlich die zweigeteilte Erzählung von der Wüstenwanderung Israels fort. In Kapitel 13–14 findet eine ers­te Kontaktaufnahme mit dem Kulturland statt: Es werden Kund­schafter ausgesandt, die in der Gegend des heutigen Hebron nicht nur herrliche Trauben finden, sondern – so die Sage – auch auf Riesen stoßen. Ihr Bericht führt dazu, dass sich Israel nach dem ägyptischen Frondienst zurücksehnt, statt auf das verheißene Land zu hoffen. Dieses mangelnde Vertrauen auf Gott hat zur Folge, dass Israel nun 40 Jahre Wüstenzeit zu bestehen hat, ehe es das verheißene Land betreten darf.

Stehen in diesen Geschichten Ansätze einer Landnahme von Süden her im Hintergrund, so sind es in den Geschichten von Bi­leam Auseinandersetzungen mit Völkern östlich des Toten Mee­res (Kap. 22–24). Der nichtisraelitische Seher Bileam muss gegen seinen Willen Segenssprüche über Israel sprechen. Im vierten Se­gensspruch findet sich eine Verheißung besonderer Tragweite:

Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen. (4. Mose 24,17)

Dieser Spruch ist im Judentum als Weissagung auf den Messias verstanden worden. Im Christentum wird diese Weissagung auf Christus bezogen. In den christlichen Kultus hat der Segen des Priesters Aaron Eingang gefunden. Beinahe jeder Gottesdienst schließt mit dem Segen:

Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. (4. Mose 6,24-26).

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Das fünfte Buch Mose | Deuteronomium

In eine völlig andere Welt geraten wir mit dem fünften Buch Mo­se. Überraschend beginnt die Geschichte noch einmal am Gottesberg. Erneut stoßen wir auf Etappen der Wüstenwanderung. Es wird zudem deutlich, dass eigentlich das ganze Buch als große Rede von Mose gestaltet ist. Das Volk Israel nach der Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und der Exilierung wird so angesprochen, als ob es jetzt – jetzt neu – an der Schwelle des verheißenen Landes stünde, ein Angebot, noch einmal neu beginnen zu dürfen.

Die älteren Gesetze werden in diesem Buch neu interpretiert. Mahnreden sind die Hauptgattungen. Immer wieder geht es nicht allein um Gesetze, sondern um das Gesetz, um die Tora, um Got­tes gute Weisung zum Leben. Es werden in Kapitel 5 die Zehn Ge­bote wiederholt. In Kap 6 folgt Israels Grundbekenntnis zu Gott als dem Einzigen und Einzigartigen, verbunden mit der Anord­nung der Gottesliebe. Das »Höre Israel…« – hebräisch »Schema Israel« lautet

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. (5. Mose 6,4.5)

Dieses Bekenntnis wird bis heute auf ein Blatt Papier aufgeschrieben, gerollt und in eine Hülse gesteckt. Diese Hülse wird an Türpfosten jüdischer Häuser befestigt.

Nach den einleitenden Mahnreden begegnet uns in Kapitel 12–26 ein weiteres Gesetzbuch Israels. Am auffallendsten ist die mehr­fache Anordnung im Kapitel 12, nur an einer Stätte Opfer darzu­bringen. Jerusalem ist zwar nicht genannt, deutlich ist jedoch, worum es geht: Gottesdienste sollen nicht an verschiedenen Hei­ligtümern stattfinden, sondern einzig in Jerusalem. Diese Anwei­sung ist nur zu verstehen, wenn man berücksichtigt, was in 2. Könige 22–23 von dem König Josia berichtet wird: Er führte eine Reform durch, in der es um die Erneuerung und Zentralisierung des Kul­tes in Jerusalem ging. Die Reform wurde ausgelöst durch den Fund eines alten Gesetzbuches. Dieses Gesetzbuch dürfte im Kern den Gesetzeskapiteln 5. Mose 12–26 entsprechen.

Aus den Gesetzen ist das Königsgesetz mit seinen herrschafts­kritischen Gesichtspunkten herauszuheben (17,14-20), ebenso das Prophetengesetz, in dem künftig ein Prophet wie Mose zugesagt wird (18,9-22). Dieses Gesetz ist wichtig im Blick auf die Wir­kungsgeschichte im Judentum und im Christentum:

Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen. (5. Mose 18,15)

Die Anordnung zur Einrichtung von Asylstädten in Kap 19 macht auf die stark betonten sozialen Aspekte aufmerksam. Ein besonderes Augenmerk gilt den schutzsuchenden Fremden, den Waisen und Witwen. Das Gesetzbuch endet mit einem Bekennt­nis, das Israel anlässlich der ersten Erntegaben sprechen soll. Es ist eine Vergegenwärtigung der Etappen der Geschichte: die Er­rettung Israels aus der Sklaverei in Ägypten und die Hinein­führung ins verheißene Land (Kap 26).

In Kap 32 steht ein Psalm, der Mose in den Mund gelegt wird. Kap 33 enthält eine Reihe alter Stammessprüche. Dieser Text und der Jakobssegen in 1. Mose 49 haben Marc Chagall dazu inspi­riert, seine berühmten Glasfester in Jerusalem zu schaffen. Mit dem Bericht vom Tod des Mose (Kap 34) nimmt das 5. Buch Mo­se den Erzählfaden der ersten vier Bücher wieder auf.

So starb Mose, der Bevollmächtigte Gottes, im Land Moab, wie der HERR es bestimmt hatte. Gott begrub ihn dort im Tal gegenüber von Bet-Pegor. Bis heute weiß niemand, wo sein Grab ist. (5. Mose 34,5.6)

Damit kommt der große Bogen, ausgehend von der Geburt des Mose, zu seinem Abschluss. Die große maßgebliche Epoche, die im Judentum als Tora bezeichnet wird und eine so besondere Rolle spielt, ist abgeschlossen. Die hervorgehobene Stellung der To­ra wird daran sichtbar, dass in der Synagoge bis zum heutigen Tag diese fünf Bücher – aufgeteilt in Leseabschnitte – einmal jährlich lückenlos vorgelesen werden.

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