Deutsche Bibelgesellschaft
Dr. Jutta Henner ist Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft

Gefangenschaft in der Bibel

Gefangenschaft in der Bibel

Von der Erfahrung, gefangen zu sein, weiß die Bibel auf vielfältige Weise zu erzählen. Oft erfolgt die Inhaftierung zu Unrecht. In jedem Fall aber richtet sich das Vertrauen der Gefangenen auf Gott, der allein wahre Freiheit zu schenken vermag.

Natürlich gab es in biblischer Zeit keine Justizanstalten im modernen Sinn. Es gab Kerker und Verliese in Palästen und Stadttoren. Gefangene wurden mit Ketten gefesselt (Apg 12,6) oder auch in den Block gelegt (Apg 16,24). Versorgt wurden sie mit »Brot und Wasser« (z.B. 1. Kön 22,27). Wachpersonal musste die Todesstrafe fürchten, falls Häftlingen der Ausbruch in die Freiheit gelingen sollte. Menschen wurden gefangen genommen, meist ohne geordnetes Gerichtsverfahren und Urteil.

Dies gilt in besonderer Weise für Kriegsgefangene – Besiegte wurden schmählich als Gefangene weggeführt. So jedenfalls erlebte das Volk Israel die Deportation ins Babylonische Exil unter Nebukadnezar zu Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, auch als »Babylonische Gefangenschaft« bezeichnet (Mt 1,12). Zehntausend sollen als Gefangene aus Jerusalem nach Babylon weggeführt worden sein (2. Kön 24,14). Doch gerade in dieser verzweifelten Situation richtete sich die Hoffnung derer im Exil auf ihren Gott: »Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden« (Psalm 126,1).

Josef: Traumdeuter und Gefangener
Zu den prominentesten Gefangenen der Bibel gehört Josef, der in Ägypten durch eine Falschaussage der Frau des einflussreichen Potiphar für immerhin zwei Jahre ins Gefängnis kommt. Dort deutet er zwei Mitgefangenen, dem Mundschenk und dem Bäcker des Pharao, ihre Träume – bei einem Geburtstagsfest des Pharao bewahrheiten sich diese: dem einen winkt die Freiheit, dem anderen der Tod am Galgen (1. Mose 39f.). Josefs Kompetenz, Träume richtig zu deuten, sorgt dann für seine Freilassung durch den Pharao (1. Mose 41).
Ein weiteres Beispiel ist Simson. Nachdem er Delila das Geheimnis seiner besonderen Kraft anvertraut hat, verrät diese es den Philistern – die Simson geblendet nach Gaza abführen lassen, wo er im Gefängnis »die Mühle drehen« muss (Ri 16,16-21).

Jeremia: Gefängnis wegen unbequemer Botschaft
Weil seine prophetische Botschaft unbequem ist, wird der Prophet Jeremia wiederholt gefangen genommen (Jer 20,2; 32,2; 38,6) und schließlich in die Zisterne geworfen. Nach seiner Befreiung aus der Zisterne durch Ebed-Melech wird er bis zu seiner endgültigen Befreiung durch die Babylonier in leichterer Haft im Wachthof gehalten (Jer 38, 28).

Nach den Schilderungen des Neuen Testaments muss Johannes der Täufer, der letzte der Propheten, am eigenen Leib erfahren, dass Kritik an Herrschenden und deren Lebensstil fatale Folgen haben kann: Er wird von König Herodes in der Festung Machairos im Ostjordanland inhaftiert. Doch damit nicht genug – die Tochter der Herodias, die anlässlich des Geburtstages von König Herodes tanzt, darf sich als »Dank« dafür etwas wünschen – von ihrer Mutter aufgestachelt erbittet sie den Kopf von Johannes dem Täufer (Mk 6,14-29).

Jesus verkündigt Freiheit
Die prophetische Erwartung, dass einst der Knecht Gottes »die Gefangenen aus dem Gefängnis führen« wird (Jes 42,7), ja, dass er den Gefangenen die Freiheit verkünden wird (Jes 61,1), bezieht Jesus bei seiner Antrittspredigt in der Synagoge in Nazareth auf sich (Lk 4, 16-21) und erklärt diese und andere Verheißungen als in seiner Person erfüllt.

Traurige Bekanntheit erlangt der Verbrecher Barabbas (Mt 27,15f.), dessen Freilassung anlässlich einer Amnestie den Jerusalemer Zeitgenossen wünschenswerter scheint als die Jesu, der nachts nach der Feier des Abendmahles im Garten Gethsemane gefangen genommen wird (Mt 26,44ff).

Die ersten Christen bringt ihr Glaube wiederholt ins Gefängnis – und nicht selten erfahren sie auf wunderbare Weise Befreiung (Apg 5,17-33). Petrus und Johannes werden nach der Heilung eines Gelähmten für eine Nacht inhaftiert (Apg 4,1-22); beim Verhör am kommenden Morgen lässt sich jedoch kein Straftatbestand ermitteln und die beiden werden freigelassen.

Paulus: Vom Verfolger zum Verfolgten
Ausgerechnet der Apostel Paulus, dem es ein Anliegen gewesen ist, Christinnen und Christen ins Gefängnis werfen zu lassen (Apg 8,3), muss erleben, dass er nach seiner Lebenswende bei seiner rastlosen Missionstätigkeit allzu oft ins Gefängnis kommt; ja, er kann von sich sagen, dass er öfter inhaftiert gewesen ist als alle anderen (2. Kor 11,23); mit den offenkundig nach Rom zurückgekehrten Glaubensgeschwistern Andronikus und Junia verbindet ihn das Schicksal eines gemeinsamen Gefängnisaufenthaltes (Röm 16,7).

Auf seiner zweiten Missionsreise, die den Apostel Paulus nach Europa führt, kommt er in Philippi mit seinem Reisebegleiter Silas ins Gefängnis (Apg 16,23-40) – zuvor haben die beiden jedoch noch eine Prügelstrafe erhalten. Auch in der aussichtslosen Situation der Haft setzen die beiden ihr Vertrauen auf ihren Gott – und dieses Vertrauen wird nicht enttäuscht: Auf wundersame Weise erfahren die beiden, dass Gott sie durch ein Erdbeben befreit – und durch ihre Befreiung die christliche Gemeinde weiter wächst – denn der mehr als überraschte Kerkermeister lässt sich und die Seinen taufen. Briefe, wie beispielsweise den an die Gemeinde in Philippi oder den an Philemon, schreibt Paulus aus der Haft.

»Denkt an die Gefangenen«
Menschen in Haft werden Christinnen und Christen in besonderer Weise ans Herz gelegt: »Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene«, schärft der Verfasser des Hebräerbriefes ein (Hebr 13,3). Schließlich hat Jesus sich selbst in seinem Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25,31-46) mit den Gefangenen identifiziert – und die Frage, ob man Gefangene in ihrer schwierigen Situation besucht hat, wird für ihn zum Kriterium für den Eingang zum ewigen Leben.

Aus: Bibelreport 3-2024

Die Bibel kann für Menschen, die im Gefängnis sind, eine wichtige Hilfe sein. Wie Gefängnisseelsorger Pfarrer Stefan Warnecke mit Häftlingen arbeitet und welche Rolle die Bibel dabei spielt, erzählt er uns in einem Interview.

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