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Schuld und Vergebung

Schuld und Vergebung

Ein von einander abgewandtes Paar, in dessen Blicken Schuld und Vorwurf liegen

Das Volk Israel wird aus seinem Land in die Fremde verschleppt. Geschickte Eroberungspolitik einer Großmacht – und doch fragt sich jeder, wie es dazu kommen konnte. 

Dort, weit weg, eine tiefe Identitätskrise. Entwurzelt: ohne Heimat, ohne Tempel, ohne eigene Herrscher; ja, sogar Gott scheint das Volk verlassen zu haben. Das Volk hatte sich aber ge­rade durch seine besondere Beziehung zu Gott getragen gewusst – sie sprachen von einem Bund mit Gott. Sie hatten sich ver­pflichtet, auf Gottes Gesetz zu achten, darauf, wie jeder leben soll, damit sich alle wohl fühlen. Gott hatte sich verpflichtet, sie zu be­schützen und ihnen zu helfen. Diese Verheißungen galten offen­sichtlich nicht mehr, das trostvolle Bewusstsein des Getragen­werdens auch in einer unsicheren Zukunft war gebrochen. 

Wer sind wir eigentlich?, fragten sich die Menschen. Was soll aus uns werden? – Diese Fragen waren umso brennender, umso schmerzlicher, als die Israeliten ja wussten, dass die Katastrophe schließlich selbst­verschuldet war. Einer von ihnen, Jeremia, hatte doch vorher ge­redet: 

Jerusalem, sieh, was geschieht: Deine Feinde rücken von Norden heran! 
Was soll nun aus den Städten in Juda werden? Vor Schmerz wirst du schreien wie eine Frau, die in Wehen liegt.

Und der HERR sprach zu mir: Von Norden her wird das Unheil los­brechen über alle, die im Lande wohnen. Denn siehe, ich will rufen alle Völker der Königreiche des Nordens, spricht der HERR, dass sie kommen sollen und ihre Throne setzen vor die Tore Jerusalems und rings um die Mauern her und vor alle Städte Judas. Und ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten. So gürte nun deine Lenden und mache dich auf und predige ihnen al­les, was ich dir gebiete. Erschrick nicht vor ihnen, auf dass ich dich nicht erschrecke vor ihnen! (Jeremia 1,14-17

Und Jeremia ging und predigte. Die Menschen hörten aber nicht auf ihn. Doch er sprach, immer wieder, obwohl er unter dieser Aufgabe fast zerbrach. 

Erst als die »Völker des Nordens«, die Babylonier, tatsächlich Jerusalem zerstört hatten und die Israeliten zum großen Teil nach Babylonien verschleppt worden waren, verstanden sie: Das war Gottes Gericht. Sie, das Volk Israel, hatten schon längst den Bund mit Gott gebrochen, nun hatte Gott seinerseits Bilanz gezogen. Doch jetzt redet Jeremia wieder. Seine Botschaft ist nun anders: 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hau­se Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmer­mehr gedenken. (Jeremia 31,31-34

Trost – oder Vertröstung? Gott ist – entgegen aller Erwartungen – seinem Volk treu geblieben. Das bedeutet nicht, dass er über die verfehlte Vergangenheit hinwegsieht, aber er vergibt. Der neue Anfang des Lebens nach einer erlebten Katastrophe muss sich darum nicht mehr an dem eigenen Scheitern orientieren. Die Ver­gangenheit muss auch nicht mehr verleugnet werden. Denn die Vergebung befreit von der Last der mitgeschleppten Schuld. Die Augen werden geöffnet für neue Wege. 

Eine solche durchlebte Katastrophe ändert aber auch den Blick für die anderen Menschen. Wer einmal selber in seinem Leben gescheitert ist, kann nicht mehr mit seinen Mitmenschen so um­gehen wie vorher. Wem große Schuld vergeben wurde, der wird auch anderen gegenüber barmherzig. Und wem Gott seine Le­bensweisungen, sein Gesetz, ins Herz schreibt, dem liegt das Wohl des anderen am Herzen. 

»Wer sind wir eigentlich?«, fragten sich die Menschen. »Kann aus uns überhaupt noch etwas werden?« 
»Ihr seid die Niedergeschlagenen, Gescheiterten«, antwortete Jeremia. »Doch Gott will euer ganzes Leben erneuern.« 

Freilich haben auch diese Botschaft nicht alle Zuhörer Jere­mias hören wollen. Sie wollten nach der geschichtlichen Kata­strophe eine andere Hoffnung, eine konkrete politische Befreiung, an der sie selber hätten aktiv tätig werden können. 

Doch wer sich auf Jeremias Worte einließ und nicht Revanche suchte, sondern einen wirklichen Neuanfang wagte, erfuhr Trost und Freude, die auch auf die Mitmenschen ausstrahlten. Die Welt war nicht mehr wie vorher.

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