Machtmissbrauch

Abimelech hatte sich in den Kopf gesetzt, König zu werden. Das war eine kühne Vorstellung, denn bisher war Israel immer ohne König ausgekommen. Um dieses Ziel zu erreichen, ging er gewaltsam gegen seine Geschwister vor. Erst betrog er sie, und dann ermordete er sie. Nur einer der Brüder, Jotam, hatte das grausame Schauspiel Abimelechs überlebt und wurde Zeuge der Bluttat.
Als die Wahl Abimelechs zum König begann, stellte er sich auf einen Berg und wandte sich an das Volk Israel. Er wollte ihm die Augen öffnen für die Wahrheit. Denn es war im Begriff, einen herrschsüchtigen, ungerechten Demagogen zu wählen. Einen, der unlautere Mittel benutzte, um an die Macht zu kommen. Darum erzählte er ihnen folgende Fabel:
Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben,
und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König!
Aber der Ölbaum antwortete ihnen:
Soll ich meine Fettigkeit lassen,
die Götter und Menschen an mir preisen,
und hingehen, über den Bäumen zu schweben?
(...)
Da sprachen die Bäume zum Weinstock:
Komm du und sei unser König!
Aber der Weinstock sprach zu ihnen:
Soll ich meinen Wein lassen,
der Götter und Menschen fröhlich macht,
und hingehen, über den Bäumen zu schweben?
Da sprachen alle Bäume zum Dornbusch:
Komm du und sei unser König!
Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen:
Ist?s wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt,
so kommt und bergt euch in meinem Schatten;
wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus
und verzehre die Zedern Libanons. (Richter 9,8-9)
Oft sind gerade diejenigen, die geeignet wären, gar nicht daran interessiert, an die Spitze eines Volkes zu kommen. Sie haben keinerlei Interesse an der Macht. Sie sind zufrieden mit den Aufgaben, die sie für sich in ihrem Leben gefunden haben.
Von einem König oder Herrscher wird eigentlich erwartet, dass er gerecht ist, dass er das Land zu Wohlstand führt, Frieden schafft und dafür sorgt, dass die Menschen ihren Alltag leben können. Er sollte keinen Hass unter dem Volk schüren. Im Gegenteil: eine stabile und gerechte Regierung fördert das Vertrauen des Volkes.
Abimelech erfüllte diese Erwartung nicht. Stattdessen konzentrierte er die Macht auf sich und forderte Abgaben vom Volk, durch die er immer reicher wurde. Er benutzte seine Machtposition, um sein Volk oder einzelne Menschen des Volkes zu unterdrücken und seine eigenen Interessen durchzusetzen. Ein Grundkonflikt zwischen Volk und politischer Macht.
Nicht nur das Volk Israel war blind dafür, dass sich die »Dornbüsche« um die Herrschaft bewarben. Israel forderte das, was es bei den anderen Völkern ringsum auch sah: einen König. Es sah nicht voraus, in welche Abhängigkeit es sich damit begab.
So wurde Abimelech trotz Jotams Warnung vom Volk Israel zum König gewählt. Doch seine Regierungszeit währte nur drei Jahre. Zu viel Blut klebte an ihm und seiner unrechtmäßigen Wahl. Das Ende war erbärmlich. Eine Frau zertrümmerte seinen Schädel mit einem Mühlstein. So blieb ihm nur noch, sich von seinem Waffenträger töten zu lassen, damit die Schande, von einer Frau getötet worden zu sein, nicht noch größer wurde.
Jotam hatte mit seiner Warnung vor der Wahl Abimelechs zum König Recht behalten. Gott vergalt mit diesem bitteren Ende Abimelech den Mord an seinen Brüdern und an vielen Menschen seines Volkes.
Ist etwa auch das eine biblische Grundeinsicht: Die Macht eines ungerechten Potentaten kann auf Dauer nicht bestehen?






