Liebe

Verliebte sind oft so erfüllt von Gefühlen und Empfindungen, von Sehnsucht und Rausch, dass sie ihr Erleben in Worte fassen möchten. Aber nüchterne Beschreibungen passen da nicht. Schon die Form der Sätze soll die Hochstimmung von Glück und Freude ausdrücken, und alles soll sich möglichst auch singen lassen. Was ist da besser geeignet als Gedichte und Lieder?
Liebeslieder gab es gewiss schon in »grauer Vorzeit«. Die ältesten, die wir kennen, stammen aus Ägypten vom Ende des zweiten Jahrtausends v.Chr. Ganz ähnliche Liebeslyrik findet sich auch im Alten Testament. Das »Hohelied« ist ein Gedicht- und Liederbuch, das man auch »Lied der Lieder«, also »schönstes Lied« nennen kann. In orientalischer Pracht und Fülle der Sprachbilder wird hier die Liebe zwischen Mann und Frau gefeiert. Dazu gehören auch überschwängliche Beschreibungen der Geliebten. Vergleiche für ihre Schönheit werden in der Natur gesucht: »Weinberg«, »Garten« und »Quelle« symbolisieren die Reize der Freundin.
Einige Bilder und Vergleiche wirken auf uns vielleicht etwas Bildhafte fremd, wenn es z.B. in Kap 4,1 heißt: Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead.
Was manche jedoch nicht in der Bibel vermuten würden, ist der sinnenfrohe, unbefangene, erotische Ton der Sprache:
Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen,
die unter den Lilien weiden.
Bis der Tag kühl wird und die Schatten schwinden,
will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.
Du bist wunderbar schön, meine Freundin,
und kein Makel ist an dir. (Hld 4,5-7)
Natürlich wird überwiegend die weibliche Schönheit gefeiert, aber auch die Freundin preist den Geliebten in starken Bildern:
Sein Haupt ist das feinste Gold.
Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe.
Seine Augen sind wie Tauben an den Wasserbächen,
sie baden in Milch und sitzen an reichen Wassern. (Hld 5,11-12)
Aber die Liebenden bewundern einander nicht nur, sie sprechen auch miteinander. Anders als in moderner Liebeslyrik, die bisweilen die Distanz und das Für-sich-Sein betont, begegnen wir im Hohenlied Staunen, Ehrfurcht, Hingabe, sinnenhafter Freude bis zur Atemlosigkeit. »Essen«, »Trinken«, »Weiden«, »Pflücken« sind Metaphern für den Liebesgenuss. Und Außenstehende werden beschworen, das Liebesspiel nicht zu stören, das sich als Ort nicht selten die freie Natur sucht.
Ein Teil der Gedichte sind Hochzeitslieder. Das Brautpaar, das mit Verwandten und Freunden mehrere Tage feiert, wechselt dabei die Rollen: Mal sind sie Hirten, mal Gärtner, ja, auch König und Königin. Auf diese Weise kam wohl der Name des Königs Salomo ins Spiel, dem man das Hohelied zuschrieb. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass man diese ganz profane Liedersammlung in den Kanon der Hebräischen Bibel aufnahm. Rabbiner haben versucht, dem Hohenlied eine »höhere« Auslegung zu geben: Sie wollten in den Texten die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel ausgedrückt sehen.
Solch eine »Allegorisierung« des Hohenliedes ist später auch im Christentum vorgenommen worden. Man deutete es auf die Beziehung Christi zu seiner Gemeinde oder als Allegorie der Beziehung zwischen Christus und der Seele des Einzelnen.
Heute, im Zeitalter der Beziehungskrisen, tun wir gut daran, das ursprüngliche Verständnis dieser elementaren, herzhaften und öffnenden Liebeslyrik wieder zurückzugewinnen. Liebe ist das schönste Geschenk Gottes an die Menschen. Ihre alle Ordnungen sprengende Kraft findet den vielleicht kühnsten Vergleich in den berühmten Zeilen aus dem 8. Kapitel:
Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken können. (Hld 8,6-7)



