die-bibel.de - Das Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Hoffen und Zweifeln

Hoffen und Zweifeln

Kranke Frau blickt hoffnungsvoll in die Ferne

Der Täufer Johannes hatte im Gefängnis von den Taten gehört, die Je­sus als den versprochenen Retter auswiesen; darum schickte er einige seiner Jünger zu ihm. »Bist du wirklich der, der kommen soll«, ließ er fragen, »oder müssen wir auf einen anderen warten?« Jesus antworte­te ihnen: »Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet. Freuen darf sich, wer nicht an mir irrewird!« (Mt 11,2-6

Manchmal ist man zum Warten regelrecht verurteilt. Solch eine unfreiwillige Zeit des Wartens kann sehr anstrengend und zer­mürbend sein. Manch einer wartet darauf, dass sich für ihn be­ruflich eine neue Perspektive eröffnet. Ein junges Paar hofft, dass das erwartete Kind gesund zur Welt kommt. Eine Kranke bangt darum, dass endlich ein wirksames Medikament gefunden wird. 

Warten ist Hoffen. Aber was ist, wenn nichts passiert und die Zweifel kommen? Wenn die Spannung zwischen Ungeduld und Sehnsucht, zwischen Angst und dem Wunsch nach Gewissheit unerträglich wird? 

In eine solche Situation führt uns das Matthäusevangelium mit der Geschichte von Johannes dem Täufer. Als Asket und Wan­derprediger lebte er in der Wüste in der Nähe des Jordans. Durch seine beeindruckenden Reden wurde er im Land bekannt: Kehrt um, tut Buße. Ihr könnt nicht so weiterleben wie bisher. Euer Le­ben ist ein Leben in Ungerechtigkeit. Viele Menschen wollten Jo­hannes selbst hören und gingen zu ihm hinaus in die Wüste. Man­che ließen sich von ihm taufen, selbst Jesus. 

Johannes war zu seiner Zeit ein unbequemer Mann. Er wagte es, den König Herodes, der mit der Frau seines Bruders zusam­menlebte, deshalb öffentlich anzuprangern. Daraufhin ließ ihn Herodes verfolgen und ins Gefängnis werfen. 

In dieser Situation wurde Johannes unsicher. Bisher hatte er mit der Hoffnung gelebt, dass Gottes Reich greifbar nahe sei und in sei­nen Tagen anbrechen würde. Vielleicht war Jesus der seit langer Zeit erhoffte Messias, der das Volk Israel in die Freiheit führen würde. 

Doch weil die große Wende, die Jesus bringen sollte, ausblieb, quälte ihn die Frage, ob er sich geirrt habe. Er wollte Gewissheit haben und ließ aus seiner Zelle heraus fragen: »Jesus, bist du es wirklich, der da kommen soll, der erwartete Messias? Oder habe ich mich in dir getäuscht? War am Ende alles Warten und Hof­fen auf dich umsonst?« 

Er schickte Jünger mit diesen Fragen zu Jesus. Von der Ant­wort darauf hing viel für ihn ab. Und wie reagierte nun Jesus? Er antwortete nicht mit einem klaren: »Ja, ich bin's!« Er räumte auch nicht durch eine beeindruckende Demonstration seiner Macht alle Skepsis aus. Offenbar ist Jesus nicht der unwiderstehliche Messias, den alle anerkennen müssen. 

Seine Antwort weist auf die Sinne: Hört und seht! Er sagt nur: Da ist etwas zu entdecken, worauf Ohren und Augen noch gar nicht eingestellt sind. Der Blick und das Gehör müssen dafür erst geschärft werden. Es sind Spuren, Hoffnungszeichen da, dass mit Jesus Gottes Zukunft schon angefangen hat. Aber diese Hinwei­se sprechen eine sehr leise Sprache. Wie leicht sind sie zu überse­hen und zu überhören. Wie leicht sind sie abzutun als »Ausnah­me von der Regel« oder als »glücklicher Zufall«. 

Hört und seht! Bildet euch selbst ein Urteil! Da, wo Menschen neu sehen lernen, neu hören können, sich aus der Erstarrung der Resignation in Bewegung setzen, wo den Armen Gerechtigkeit widerfährt und ihnen ihre Würde zurückgegeben wird – da könnt ihr Anzeichen für Gottes Reich sehen. 

Ob Johannes mit der Antwort Jesu zufrieden war? Erwartet hatte er einen Messias, bei dem einem Hören und Sehen verge­hen. Gekommen ist einer, bei dem einem Hören und Sehen erst aufgehen. 

Entspricht die Antwort unseren Erwartungen? In der Ge­schichte der Leiden der Menschheit fallen die wenigen Heilun­gen Jesu gar nicht ins Gewicht. Bis heute sind Gewalt, Krankheit und Tod geblieben. Und diese Welt wird weiter von Angst be­herrscht. Es gehört Anstrengung dazu, nicht an Jesus irrezuwer­den und auf keinen anderen zu warten. 

Mit der Antwort an Johannes ist die Möglichkeit gegeben, über das Verstehen oder Missverstehen vieler Wundererzählungen im Neuen Testament zu entscheiden: Man kann sie so hören, als woll­te Jesus Wundertaten als Beweise seiner Messianität hinstellen. Dagegen spräche, dass er bei anderen Gelegenheiten die Forde­rung nach eindeutigen Zeichen ablehnte (z.B. Mk 8,11-12). Die überraschenden Veränderungen ereignen sich nicht spektakulär, sondern im alltäglichen Umgang Jesu mit den Menschen. Man kann versuchen, zu sehen und zu hören, wo diese Wunder nicht vordergründig sichtbar werden. Wunder in diesem Sinne sind nicht für jeden wahrnehmbar, sondern nur für die, die nicht ver­lernt haben, darauf zu hoffen und ihre Sinne zu schärfen.

http://m.die-bibel.de