Das Ende der Welt

Gehören Sie auch zu den Lesern, die sich zuerst für die letzten Seiten eines Buches statt für dessen Anfang interessieren? Allen, die so an ein Buch herangehen, kann im Fall der Bibel nur davon abgeraten werden. Leichte Kost hat das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, nicht zu bieten.
Aber vielleicht ist dieser Hinweis ganz unnötig. Selbst wenn Sie die Offenbarung noch nicht kennen, von ihr gehört oder gesehen haben Sie sicherlich. Die Redewendung vom »Buch mit den sieben Siegeln« ist immer noch in vieler Munde. Albrecht Dürers vier apokalyptische Reiter galoppierten durch fast jeden schulischen Kunstunterricht, und die Vorstellungen vom Weltuntergang und letzten Gericht werden bis heute durch die Visionen des Propheten Johannes geprägt:
Ich sah, wie das Lamm das sechste Siegel aufbrach. Da gab es ein gewaltiges Erdbeben. Die Sonne wurde so dunkel wie ein Trauerkleid, und der Mond wurde blutrot. Wie unreife Feigen, die ein starker Wind vom Baum schüttelt, fielen die Sterne vom Himmel auf die Erde. Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die zusammengerollt wird. Weder Berg noch Insel blieben an ihren Plätzen. Alle Menschen versteckten sich in Höhlen und zwischen den Felsen der Berge: die Könige und Herrscher, die Heerführer, die Reichen und Mächtigen und alle Sklaven und Freien. Sie riefen den Bergen und Felsen zu: »Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Der große Tag, an dem sie Gericht halten, ist gekommen. Wer kann da bestehen?« (Offb 6,12-17)
Die Reaktionen der Leser auf das Weltuntergangsszenarium, das mit diesem Text einsetzt und dann über viele Kapitel andauert, fallen gewiss sehr unterschiedlich aus. Wer sich durch die Kapitel der Offenbarung müht, wird mit seiner Ablehnung gegenüber der beschriebenen Gewalt und Vernichtung ringen oder eine aufkommende Nachdenklichkeit spüren. Die ungewöhnlichen Bilder können heutige Leser faszinieren und nach Erklärungen suchen lassen oder wegen ihrer Unverständlichkeit und Fremdheit langweilen.
So drängen sich grundsätzliche Fragen auf: Wer rechnet schon wirklich mit einem Weltende, das vor der Tür steht? Wieso sollten wir uns überhaupt für dieses Buch interessieren?
Zukunftsvisionen haben es schwer in unserer Zeit, und an Utopien besteht kaum Bedarf. Unsere Fragen heute lauten zwar auch: Wie wird unsere Zukunft sein? Womit müssen wir rechnen? Aber es reicht uns schon, die aktuellen Probleme in den Griff zu bekommen. Ob es gelingen wird, die grundlegenden Lebensbedingungen auf Dauer zu erhalten, ist fraglich.
Neben der großen Weltuntergangsgeschichte gibt es auch noch unsere kleinen Geschichten und persönlichen »Weltuntergangserfahrungen«. Die sind oft schwer genug zu ertragen. Können wir uns eigentlich leisten, solche gewaltigen Bilder von der Zukunft zu hören, wenn viele Menschen die Gegenwart kaum verkraften können und am liebsten aufgeben würden?
»Werft das Buch in die Elbe!« Diesen rigorosen Umgang mit der Johannesoffenbarung empfahl Martin Luther. So ungewöhnlich dieser Vorschlag des Theologen klingen mag, so verständlich wird er, wenn man sich bewusst macht, wie viel Unheil bis heute durch den Missbrauch der Aussagen der Johannesoffenbarung angerichtet worden ist.
Vor allem Sekten legen das Buch immer wieder tendenziös aus, um über den Ausbruch der Endzeit und über Weltuntergangsszenarien zu spekulieren. Menschen, die von einem baldigen Weltende fest überzeugt waren, haben sogar tödliche Konsequenzen daraus gezogen. Die Tragödien der Sonnentempler, der Davidianer und der Aum-Sekte machten so die gewalttätigen Seiten einer Vorstellung vom Weltende sichtbar.
Das ist aber nur eine Seite der Wirkungsgeschichte eines umstrittenen Buches. So wurde die Offenbarung in Deutschland zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wahrscheinlich besser verstanden als heute. In der jüngsten Geschichte Südafrikas war sie treibende Kraft und Hoffnung der Christen im Kampf gegen die Apartheid. Denn die Offenbarung ist mehr als die Beschreibung von Endzeitkatastrophen. Sie formuliert den alten Menschheitstraum von einer Welt ohne Ungerechtigkeit und Leiden. Es geht ihr um den Glauben, dass sich Gottes Wille, Neues zu schaffen, durchsetzt – trotz aller Widersprüche und Widerwärtigkeiten in der Gegenwart. Etwas Neues, nie Dagewesenes kann nur in Bildern ausgesprochen werden, die aus Gegenbildern gewonnen werden, also aus der Umkehrung dessen, was gegenwärtig entbehrt und erlitten wird.
Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden, und das Meer war nicht mehr da. Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut, die auf den Bräutigam wartet. Vom Thron her hörte ich eine starke Stimme: »Jetzt wohnt Gott bei den Menschen! Er wird bei ihnen bleiben, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.« (Offb 21,1-4)
Diese Bilder haben eine große Kraft: Gottes Stadt auf dem Weg hinab in die Städte der Menschen. Gott will bei den Menschen wohnen. Das ist gut für die Bewohnerin der Blechhütte in den armseligen Townships Südafrikas, und das ist gut für den Bewohner eines der Single-Apartments in Deutschlands Großstädten.
Diese Hoffnungsvision steht im vorletzten Kapitel der Offenbarung. Vielleicht ist es ja doch angebracht, einmal mit dem Ende zu beginnen.



