Arm und Reich

Es gibt Reiche im Land. Sie haben das Sagen. Sie sind die Herrscher. Es geht ihnen, materiell gesehen, sehr gut. Ihre Möglichkeiten zu reden und zu handeln sind nahezu unbegrenzt. Sie fühlen sich wohl. Doch das sind leider nur wenige. Und reich geworden sind sie auf Kosten der vielen anderen. Ihre Macht üben sie aus über die Köpfe der anderen hinweg.
Diese anderen sind die Menschen, die um ihren Lebensunterhalt bangen, und um die Zukunft ihrer Kinder. Werden sie überhaupt noch Chancen haben, etwas aus ihrem Leben zu machen? Werden sie nicht von vornherein unterdrückt, wird nicht die Verwirklichung ihrer Träume verhindert, ihr Leben durch Gesetze und Bestimmungen vorgeplant? Sie sind die, bei denen in wirtschaftlichen Krisenzeiten gespart wird.
Reiche hat es immer gegeben, Arme ebenso. Nur auf diese Weise scheint die Welt zu funktionieren: Die einen haben die Macht, die anderen passen sich an. Doch eines Tages stand einer auf und sprach:
Darum, weil ihr die Armen unterdrückt
und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn,
so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen,
die ihr von Quadersteinen gebaut habt,
und den Wein nicht trinken,
den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt.
Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind,
und eure Sünden, die so groß sind,
wie ihr die Gerechten bedrängt
und Bestechungsgeld nehmt
und die Armen im Tor unterdrückt.
Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen;
denn es ist eine böse Zeit. (Amos 5,11-13)
Hochpoetisch, hochaktuell – und hochgefährlich. Der Mann, der diese Worte sprach, hieß Amos. Ein scharfer Beobachter. Was er sah, nannte er beim Namen: Missstände und Korruption. Er sah tiefer: Die sozialen Missstände in der Gesellschaft hatten ihre Wurzel in der Gottlosigkeit des Volkes und seiner Führer. Nicht in einer offenen Gottlosigkeit – nicht in einem Atheismus im neuzeitlichen Sinne –, sondern in einer Missachtung Gottes. Wohl veranstaltete man feierliche Gottesdienste, aber man erwartete nicht, für das eigene Verhalten von ihm zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dem musste Amos seine Warnung entgegensetzen, seine unbequeme und mutige Rede. Und er sprach weiter:
Suchet das Gute und nicht das Böse,
auf dass ihr leben könnt,
so wird der HERR, der Gott Zebaoth, bei euch sein,
wie ihr rühmt.
Hasset das Böse und liebet das Gute,
richtet das Recht auf im Tor,
vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth,
doch gnädig sein denen,
die von Josef übrig bleiben. (Amos 5,14-15)
Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;
denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,23-24)
Wer war dieser Amos? Er war ein Schafzüchter aus dem Dorf Tekoa, der im 8. Jh. v.Chr. lebte und eines Tages den Ruf verspürte, Gottes Botschaft auszurichten. Gott wollte mit den Menschen reden, weil ihr Unrecht ihn erzürnte. Er wollte ein Gott des ganzen Volkes sein, jedes Einzelnen. Ihm zu dienen bedeutete, gerecht miteinander umzugehen. Um von Menschen verstanden zu werden, beauftragte er Menschen, seinen Willen auszusprechen. Von sich aus hätten sie den Mut zu reden nicht gehabt.
Gott der HERR tut nichts,
er offenbare denn seinen Ratschluss den Propheten, seinen Knechten. –
Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten?
Gott der HERR redet,
wer sollte nicht Prophet werden? (Amos 3,7-8)
Das bedeutet es, wenn wir sagen, Amos war ein Prophet, ein Sprachrohr Gottes unter den Menschen. Wir fragen uns: Gibt es Menschen, die in unserer Zeit so zu reden wagen? Und wenn sie es tun, in wessen Auftrag sprechen sie? Oder: Erreicht uns Gott noch heute durch den Mund des Amos?






