Der Brief von Paulus an die Römer
Die christliche Gemeinde in Rom kennt Paulus noch nicht. Auf der geplanten Reise nach Spanien möchte er die Gemeinde in der Hauptstadt besuchen (Röm 15,22-24) und schreibt vorbereitend diesen Brief. Als bislang Unbekannter stellt er sich den Römern zunächst vor, indem er ihnen seine Botschaft und Theologie erläutert. Sie ist in den folgenden Sätzen zusammengefasst:
Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. (Röm 1,16)
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Röm 3,28)
Gott nimmt die Menschen an, auch wenn sie keine Verdienste aufweisen können (3,28). Der christliche Glaube, der in der Taufe sichtbar wird (Kap 6), hebt die Last menschlicher Schuld auf und eröffnet ein neues Leben. Paulus nennt es das Leben aus dem Geist, der die Glaubenden zu Gotteskindern und zu Erben des Gottesreiches macht. Sie sind keine rechtlosen Sklaven (Kap 8).
Der zweite Teil des Römerbriefes ermahnt und gibt Anweisungen, wie christliches Leben im Alltag gestaltet werden kann (Kap 12–15). Auch hier ist das Gebot der Nächstenliebe der Kernsatz der christlichen Ethik. Er mündet in die Aufforderung, den gesamten Alltag als vernünftigen Gottesdienst verstehen zu lernen.
Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. (Röm 12,1-2)
Die verschiedenen Gaben und Fähigkeiten, die die Einzelnen erhalten haben, sollen sie im Dienst für andere und in der Gemeinde einsetzen (Kap 12). Unter ihnen ist die Liebe die größte Gnadengabe, weil sie die wechselseitige Annahme der unterschiedlichen Menschen ermöglicht: Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Röm 15,7) Unterschiede werden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern als Stärke der Gemeinschaft beurteilt.
Die Toleranz und die Freiheit des Evangeliums überschreitet die Grenzen. Auch die gesellschaftlichen und religiösen Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden, Sklaven und Freien, Männern und Frauen sind nicht mehr entscheidend, wie Paulus ausdrücklich in Gal 3,28 schreibt. Für das jüdische Volk besteht der Vorzug darin, von Gott erwählt zu sein; doch nun gilt es zu erkennen, dass auch den Nichtjuden im Kommen Jesu Christi der Zugang zu Gott eröffnet wird und von allen als Chance ergriffen werden soll (Kap 9–11).
Zum Verhalten der Christen gegenüber der staatlichen Macht weist Paulus darauf hin, dass auch sie dem Auftrag Gottes unterstellt ist, der Erhaltung des Lebens zu dienen (Kap 13).
Der Maßstab allen Handelns ist die Liebe, weil sich in ihr alle Gebote erfüllen. Der Gehorsam des Einzelnen wird vom Gewissen bestimmt, das zwischen guten und bösen Taten abwägen soll. Christliches Handeln soll von einer Hoffnung getragen werden, die damit rechnet, dass das Reich Gottes kommt. Seine Kennzeichen sind Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. (Röm 14,17)






