Der erste und zweite Brief von Paulus an die Korinther
Paulus hat die christliche Gemeinde in der belebten griechischen Hafenstadt Korinth selbst gegründet. Es folgt ein reger Briefwechsel. Dazu gehören die beiden Korintherbriefe. Vermutlich sind sie um 55 und 56 n.Chr. in Ephesus geschrieben worden. Sie vermitteln uns einige Eindrücke von dieser bunten, vielgestaltigen Gemeinde in der pulsierenden Hafenstadt.
Paulus bezieht sich im 1. und 2. Korintherbrief ausführlich auf gemeindliche Probleme in Korinth. Vielfach werden sie durch Boten oder Briefe aus der Gemeinde an ihn herangetragen.
Einerseits steht die Einheit dieser christlichen Gemeinde auf dem Spiel. Verschiedene theologische Lehrer stellen sie vor innere Zerreißproben. Andererseits muss Paulus gegenüber den Christen mit jüdischer Tradition in Korinth seine Autorität behaupten. So geben uns die Briefe Einblicke in Schwierigkeiten, die schon die ersten christlichen Gemeinden, nicht nur in Korinth, bewältigen mussten.
Gegenüber unterschiedlichen theologischen Lagern, die die Einheit der Gemeinde gefährden, betont Paulus die Einheit der Gemeinde im Bekenntnis zu Jesus Christus. In einem Bild vergleicht er die Gemeinde mit einem Leib und seinen verschiedenen Körperteilen. Er versteht sie als Leib Christi. In diesem Bild ist Christus das Haupt des Leibes:
Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.
Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. (1. Kor 12,12-13)
Die unterschiedlichen Gaben sind füreinander, nicht gegeneinander, einzusetzen. Auch eine Höherbewertung besonderer Dienste kennt Paulus nicht. Als Maßstab für die Lösung von Streitigkeiten gilt, was dem Aufbau der Gemeinde dient (1. Kor 6,12; 10,23).
Aber auch in ganz praktischen Fragen erteilt Paulus seinen Rat: Bei Problemen und Meinungsverschiedenheiten in Fragen der Lebensführung, der Geschlechterbeziehung und des Umgangs mit heidnischen Kultbräuchen soll Folgendes gelten: keine Duldung von sexueller Unzucht, kein Prozessieren vor heidnischen Gerichten! Wer aus der Freiheit des Geistes Jesu Christi lebt, nimmt zudem Rücksicht auf Schwache, z.B. beim Abendmahl, und unterstützt andere bedürftige Gemeinden wie die in Jerusalem durch Geldspenden (1. Kor 16; 2. Kor 8–9).
Paulus lebt vor, dass christliches Leben auch Anfechtungen innerer und äußerer Art ausgesetzt sein kann (2. Kor 4 und 6). In der Schwachheit liegt die eigentliche Stärke. Der Diener Christi erscheint wie ein Narr in der Welt (2. Kor 11 und 12). Das führt Paulus auf den Kern des Evangeliums von Jesus Christus selbst zurück: Das Wort vom Kreuz erscheint den Juden als Anstoß und Ärgernis ihres Glaubens, den Nichtjuden als Torheit, weil es alle Vorstellungen von einem vollkommenen Gott in Frage stellt (1. Kor 1,23) und in der Botschaft von der Auferstehung die Grenzen der Erkenntnis überschreitet:
Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? (1. Kor 1,20)
Der gekreuzigte Jesus wird zum Symbol dafür, dass Gott gerade das Verworfene, das von der Welt Gerichtete erwählt. Mit dem Bekenntnis zur Auferstehung des Gekreuzigten wird das Bild der Antike vom vollkommenen Gott endgültig zerstört.
Die Christen in Korinth werden zugleich aufgerufen, ihre im Glauben gründende Freiheit nicht überheblich zu missbrauchen: Unter den Bedingungen ihrer Zeit ist nicht »alles erlaubt«, sind die »Gnadengaben« nicht grenzenlos (1. Kor 14), sind Leid und Tränen noch nicht überwunden (2. Kor 4,17). Das Ziel der Geschichte von Welt und Mensch steht noch aus, denn:
wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor 5,7)
und
sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht: (1. Kor 13,12)
Gott, das ewige, neue Leben.






