Der Prophet Jesaja
Die Prophetenbücher sind in der Bibel nach ihrem Umfang angeordnet. Das längste steht am Anfang: das Buch Jesaja. Es ist ein Sammelwerk, in dem Prophetien aus ganz verschiedenen Zeiten zu einem Ganzen zusammengewachsen sind.
Der erste Teil (Kap 1–39) ist im Wesentlichen dem Propheten Jesaja selbst gewidmet, der von 738 bis 701 v.Chr. in Jerusalem wirkte. Wir finden in diesem Abschnitt Unheilsankündigungen, denen Heilsweissagungen angefügt wurden, Sprüche gegen fremde Völker und Erzählungen aus dem Wirken des Propheten, die zum Teil wörtlich mit 2. Kön 18–20 übereinstimmen. Sehr spät wurde eine Zukunftsvision (Kap 24–27) eingeschoben.
Von Jesaja erfahren wir, dass er – ähnlich wie der Prophet Amos – scharfe Kritik an den sozialen Missständen übte. In einem berühmten Lied vergleicht er das Volk Israel mit einem Weinberg, der keine guten Früchte bringt und darum verwüstet wird (Kap 5):
Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Jes 5,7)
Die Berufung des Propheten wird in Kapitel 6 erzählt. Sie findet im Tempel statt und lässt etwas von der Heiligkeit Gottes ahnen. Der Gottesdienst, der nicht mehr mit dem rechten Ernst gefeiert wurde, gehörte zu den zentralen Themen bei Jesaja.
Darüber hinaus ist Jesaja politisch sehr aktiv gewesen. Häufig geriet er in Konflikte mit den Königen von Juda und musste ihre politischen Bemühungen missbilligen, weil sie nicht mit einem Eingreifen Gottes rechneten. So wird z.B. über den so genannten syrisch-ephraimitischen Krieg berichtet (Kap 7 und 8): Der König von Assyrien (heute im Irak gelegen) betrieb eine intensive Eroberungspolitik. Er dehnte sein Herrschaftsgebiet nach Westen und Süden aus und bedrohte damit die Kleinstaaten Juda, Syrien und Nordisrael (auch Ephraim genannt). Um den Assyrern besser standhalten zu können, wollten Syrien und Ephraim ein Bündnis mit Juda schließen. Da Juda sich dem widersetzte, kam es zu jenem syrisch-ephraimitischen Krieg. Jesaja versuchte Ahas, dem König von Juda, Mut zuzusprechen und ihn im Vertrauen auf Gott zu bestärken: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht. (Jes 7,9) Doch Ahas war die Lage zu riskant und er bat lieber die Assyrer um Hilfe gegen seine kriegführenden Nachbarn. Dem setzte Jesaja ein entschiedenes Nein Gottes entgegen.
Unter dem späteren König Hiskia entging Jerusalem nur knapp einer Belagerung durch die Assyrer. Erzählt wird davon in den Kapiteln 36–39 (2. Kön 18–20). Jesaja hatte seinen Anteil daran, dass die Eroberung verhindert werden konnte.
Mit den kritischen Worten gegen die amtierenden Könige Judas verband sich die Erinnerung an den großen und gerechten König David. Daraus erwuchs die Erwartung eines neuen gerechten Königs, der aus dem Geschlecht Davids stammen sollte und eines Tages das Volk wieder politisch und religiös vereinen und ein Friedensreich aufrichten würde (9,1-6; 11,1-9).
Der zweite Teil (Kap 40–66) stammt von einer anderen Hand aus einer späteren Zeit. Man spricht gelegentlich von Deutero-(zweiter) und auch Trito- (dritter) Jesaja. Die verschiedenen Reden in diesem Abschnitt sind wahrscheinlich keinem einzelnen Propheten zuzuschreiben. Es sind eher viele Menschen gewesen, die die alte Prophetie des Jesaja sehr gut kannten und für ihre Zeit im babylonischen Exil in dem fernen Land neu interpretierten. Diese Aktualisierung der Botschaft Jesajas setzte sich auch in den Jahren nach der Rückkehr in die Heimat fort.
Es handelt sich überwiegend um die Ankündigung einer heilvollen Zukunft. In eindrucksvollen Bildern wird die erhoffte Rückkehr nach Jerusalem beschrieben. Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott steht am Anfang von Jes 40. Gott erweist sich als der mächtigste – ja, der einzige – Gott. Diese Feststellung ist von besonderer Bedeutung in einer Umgebung, in der die Juden immer mehr Kontakte zu fremden Völkern und deren Göttern und Religionen bekamen. Umso erstaunlicher ist, dass auch diesen Völkern Heil von dem Gott Israels zugesprochen werden kann: Auch sie sollen zum »Zion«, nach Jerusalem, dem Ort des Tempels und der Gegenwart Gottes, kommen (Kap 60).
Im Blick auf diese »Heiden« (Völker) spielt ferner eine geheimnisvolle Gestalt, der Gottesknecht, eine wichtige Rolle: Er ist jemand, der von Gott beauftragt und befähigt wird, ein »Licht der Heiden« zu sein. In vier Liedern wird er besungen (42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13–53,12). Er muss viel leiden, sogar sein Leben für viele dahingeben.
Die jüdische Schriftauslegung sieht in dieser Gestalt das ganze jüdische Volk abgebildet. Die Christen deuten mithilfe dieser Texte den Tod Jesu.






