Der Prophet Daniel
Das Buch Daniel besteht aus zwei Teilen: Kap 1–6 berichten über das Schicksal Daniels und seiner drei Freunde, die als Juden am babylonischen Königshof leben. Die Erzählung spielt im 6. und 5. Jh. v.Chr. Sie zeigt, wie derjenige schließlich zum Erfolg gelangt, der auf Gott vertraut und seinen Glauben nicht aufgibt. Zum Beispiel wird Daniel in der Löwengrube durch ein Wunder vor dem sicheren Tod gerettet. Er war dort hineingeworfen worden, weil er trotz des königlichen Befehls nicht aufgehört hatte, zu seinem Gott zu beten (Kap 6).
Der zweite Teil (Kap 7–12) enthält Visionen Daniels. Hier wird in seltsamen Bildern eine Zukunft entwickelt, die von apokalyptischen Vorstellungen vom Weltgericht und von der leiblichen Auferstehung geprägt ist. Von einem »Menschensohn« ist die Rede (Dan 7,13), dem Gott ein ewiges Reich verleihen wird. Zuvor werden vier Weltreiche mit vier Tieren verglichen, die nacheinander die Macht ergreifen und untergehen. Die Tiere haben ein furchterregendes Aussehen:
Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken, und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben. (Dan 7,5)
Das letzte der vier Weltreiche wird so genau beschrieben, dass man annehmen kann, bei der Beschreibung dieser Epoche handele es sich um die Gegenwart des Autors. Ein wichtiges Ereignis wird mehrmals erwähnt: die Entweihung des Tempels in Jerusalem durch den Seulikidenkönig Antiochus IV. Epiphanes (etwa 167–164 v.Chr.). Die Verfolgung der jüdischen Glaubensgemeinde hing mit dieser Provokation zusammen, die zum Aufstand des Judas Makkabäus führte (vgl. Makkabäerbücher).
Das Buch Daniel ist wahrscheinlich in der Mitte des 2. Jh. v.Chr. entstanden. In der Hebräischen Bibel gehört es nicht zu den Prophetenbüchern, sondern zu den sog. Schriften, dem jüngsten Teil der Hebräischen Bibel. Die literarische Eigenart deutet in der Tat eher auf eine Zugehörigkeit zum apokalyptischen Schrifttum hin. Von daher wird verständlich, dass die Erzählungen des ersten Teils bewährten Persönlichkeiten einer früheren Epoche zugeschrieben werden. Das gute Beispiel von damals soll die Menschen in ihrer gegenwärtigen Bedrängnissituation trösten und ihnen Mut zum Durchhalten machen.






