Das fünfte Buch Mose / Deuteronomium
In eine völlig andere Welt geraten wir mit dem fünften Buch Mose. Überraschend beginnt die Geschichte noch einmal am Gottesberg. Erneut stoßen wir auf Etappen der Wüstenwanderung. Es wird zudem deutlich, dass eigentlich das ganze Buch als große Rede von Mose gestaltet ist. Das Volk Israel nach der Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und der Exilierung wird so angesprochen, als ob es jetzt – jetzt neu – an der Schwelle des verheißenen Landes stünde, ein Angebot, noch einmal neu beginnen zu dürfen.
Die älteren Gesetze werden in diesem Buch neu interpretiert. Mahnreden sind die Hauptgattungen. Immer wieder geht es nicht allein um Gesetze, sondern um das Gesetz, um die Tora, um Gottes gute Weisung zum Leben. Es werden in Kap 5 die Zehn Gebote wiederholt. In Kap 6 folgt Israels Grundbekenntnis zu Gott als dem Einzigen und Einzigartigen, verbunden mit der Anordnung der Gottesliebe. Das »Höre Israel…« – hebräisch »Schema Israel« lautet
Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.
Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. (5. Mose 6,4.5)
Dieses Bekenntnis wird bis heute auf ein Blatt Papier aufgeschrieben, gerollt und in eine Hülse gesteckt. Diese Hülse wird an Türpfosten jüdischer Häuser befestigt.
Nach den einleitenden Mahnreden begegnet uns in Kap 12–26 ein weiteres Gesetzbuch Israels. Am auffallendsten ist die mehrfache Anordnung im Kap 12, nur an einer Stätte Opfer darzubringen. Jerusalem ist zwar nicht genannt, deutlich ist jedoch, worum es geht: Gottesdienste sollen nicht an verschiedenen Heiligtümern stattfinden, sondern einzig in Jerusalem. Diese Anweisung ist nur zu verstehen, wenn man berücksichtigt, was in 2. Kön 22–23 von dem König Josia berichtet wird: Er führte eine Reform durch, in der es um die Erneuerung und Zentralisierung des Kultes in Jerusalem ging. Die Reform wurde ausgelöst durch den Fund eines alten Gesetzbuches. Dieses Gesetzbuch dürfte im Kern den Gesetzeskapiteln 5. Mose 12–26 entsprechen.
Aus den Gesetzen ist das Königsgesetz mit seinen herrschaftskritischen Gesichtspunkten herauszuheben (17,14-20), ebenso das Prophetengesetz, in dem künftig ein Prophet wie Mose zugesagt wird (18,9-22). Dieses Gesetz ist wichtig im Blick auf die Wirkungsgeschichte im Judentum und im Christentum:
Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen. (5. Mose 18,15)
Die Anordnung zur Einrichtung von Asylstädten in Kap 19 macht auf die stark betonten sozialen Aspekte aufmerksam. Ein besonderes Augenmerk gilt den schutzsuchenden Fremden, den Waisen und Witwen. Das Gesetzbuch endet mit einem Bekenntnis, das Israel anlässlich der ersten Erntegaben sprechen soll. Es ist eine Vergegenwärtigung der Etappen der Geschichte: die Errettung Israels aus der Sklaverei in Ägypten und die Hineinführung ins verheißene Land (Kap 26).
In Kap 32 steht ein Psalm, der Mose in den Mund gelegt wird. Kap 33 enthält eine Reihe alter Stammessprüche. Dieser Text und der Jakobssegen in 1. Mose 49 haben Marc Chagall dazu inspiriert, seine berühmten Glasfester in Jerusalem zu schaffen. Mit dem Bericht vom Tod des Mose (Kap 34) nimmt das 5. Buch Mose den Erzählfaden der ersten vier Bücher wieder auf.
So starb Mose, der Bevollmächtigte Gottes, im Land Moab, wie der HERR es bestimmt hatte. Gott begrub ihn dort im Tal gegenüber von Bet-Pegor. Bis heute weiß niemand, wo sein Grab ist. (5. Mose 34,5.6)
Damit kommt der große Bogen, ausgehend von der Geburt des Mose, zu seinem Abschluss. Die große maßgebliche Epoche, die im Judentum als Tora bezeichnet wird und eine so besondere Rolle spielt, ist abgeschlossen. Die hervorgehobene Stellung der Tora wird daran sichtbar, dass in der Synagoge bis zum heutigen Tag diese fünf Bücher – aufgeteilt in Leseabschnitte – einmal jährlich lückenlos vorgelesen werden.






