die-bibel.de - Das Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Das erste Buch Mose / Genesis

Das erste Buch Mose / Genesis

Die Kapitel 1–11 des ersten Mosebuches stellen eine erste Ein­heit dar, die mit der Schöpfung einsetzt und über die Geschichte vom Turmbau zu Babel bis hin zu den Vorfahren Abrahams führt. Diese »Urgeschichte« genannten Kapitel heben sich von den fol­genden Erzählungen dadurch ab, dass sie an der gesamten Menschheit orientiert sind und – darin Mythen ähnlich – er­zählen wollen, warum alles heute so ist, wie wir es in unserer Welt erleben. Sie wollen nicht berichten, wie es einst am Anfang war, sondern vielmehr, wie alles geworden ist.

Die Geschichten von der Schöpfung enden damit, dass das erste Menschenpaar erkennt, was gut und böse ist, was Leben för­dert und was Leben hindert. Darin ist es geworden wie Gott.

Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes ster­ben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. (1. Mose 3,4-5)

Freilich ist das nur geschehen, weil die Freigabe des Gartens nicht genügte, sondern das Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, übertreten wurde – so sind wir Menschen. Sie werden aus dem Garten vertrieben und nun stellt sich die Frage, wie die Menschen mit ihrer Erkenntnis umgehen. Dabei gibt es eine bemerkenswerte Bewegung. Was das erste Menschenpaar erreicht hat, kann es – können die nachfolgenden Generationen – nicht durchhalten. Paradiesisches Leben wird Schritt für Schritt gemindert, zugleich schenkt Gott ebenfalls Schritt für Schritt Errungen­schaften. Die erste Errungenschaft sind Fellkleider.

Kain und Abel sind das erste Beispiel danach: Wie im Zeitlupentempo wird in Kap 4 gezeigt, wie Kain, vorgewarnt, den Bruder doch erschlägt. In der konkreten Situation weiß er gerade nicht, sich für das Lebenfördernde zu entscheiden. Kain wird vertrieben, ist »Freiwild« geworden und wird als solches auch gekennzeichnet. Dann aber wird nach langer Zeit einer seiner Söhne der Erbauer einer Stadt. Handwerk und Musik sind schließ­lich die gewonnenen Errungenschaften.

So geht die Geschichte schnell auf die Erzählung von der Flut zu (Kap 6–9). Sie nimmt ein Motiv auf, das auch aus anderen Erzählungen des alten Orients bekannt ist, vielleicht sogar als Vorlage gedient hat (11. Tafel des Gilgameschepos). Trotz der Unfähigkeit des Menschen, sich im konkreten Fall für das Lebenfördernde zu entscheiden, garantiert Gott fürderhin eine gute Ordnung der Welt. Der biblische Erzähler berichtet sogar von einem Bund, den Gott mit der gesamten Menschheit schließt. Sein Friedenszeichen ist der Regenbogen. Er erinnert daran, dass Gott den Kriegsbogen – entspannt – in die Wolken gehängt hat.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1. Mose 8,22)

Zu den weiteren Errungenschaften gehört die »Findung« des Weinbaus (9,18–29). Der Bau von Stadt und Turm einer hochmütig gewordenen Menschheit wird mit der Verwirrung der Sprachen beantwortet – ein Hinweis auf die Weltstadt Babylon (11,1–9).

Zwischen diesen erzählenden Texten finden wir Stammbäume, sie sind eine Art früher Geschichtsschreibung. An ihnen fällt auf, dass die Lebenserwartung von Generation zu Generation abnimmt, auch darin ist die Minderung paradiesischen Lebens dargestellt. Die Völkertafel in Kap 10 ist ein Spiegelbild dessen, was die Wissenschaft der Alten Welt an geographischer Kenntnis besaß.

In Kap 12–25 begegnen uns nun die Erzählungen von den Erzvätern und -müttern. Hier, erst hier, setzt Israels Geschichte ein. Vielfach sind es uralte, ursprünglich selbständige Sagen, die aber heute in den großen Erzählbogen eingeordnet sind. Sie rankten sich um eine Person oder um einen Ort und lebten durch mündliche Überlieferung fort. Jetzt sind sie als Generationenfolge von Vätern und Müttern mit ihren Söhnen und Töchtern zusammengefügt worden und bilden eine Familiengeschichte.

Voran steht die große Gruppe der Abrahamgeschichten von Kap 12–25. Es geht in den gesamten Geschichten um die Verheißung von Nachkommenschaft und Land – für Israel zu allen Zeiten aktuelle Fragen. Wie eine Art Programm findet sich in 1. Mose 12,1–4 der Auftrag an Abraham, aus dem fremden Land auszuziehen in ein verheißenes Land.

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will … Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (1. Mose 12,1.3)

Segen soll ihm und seinen Nachkommen werden. Am Verhalten ihm und seinen Nachkommen gegenüber sollen sich auch Segen oder Fluch für die Völker entscheiden. Abraham, der diesem Ruf bedingungslos folgte, wurde zum Urbild der Glaubenden. Lange musste er auf einen Nachkommen warten.

In Kap 17 wird von einem Bundesschluss zwischen Gott und Abraham erzählt. Ging es in Kap 9 um einen Bund mit der ge­samten Menschheit, so geht es hier um einen Bund mit Israel. Das Bundeszeichen ist die Beschneidung.

In Kap 18 und 19 findet sich ein Kranz von Sagen aus der Gegend von Hebron und dem Südende des Toten Meeres: Eine Geschichte erzählt von einem unerkannten Besuch Gottes bei Abraham. Er erscheint in der Gestalt von drei Männern, die der kinderlosen Sara einen Sohn verheißen. Eine zweite Erzählung berichtet von der Rettung Lots und seiner Familie vor der Zerstörung der Städte Sodom und Gomorra. Ursprünglich erklärte diese Volkserzählung, warum die Landschaft am Toten Meer zu einer so lebensfeindlichen Salzwüste geworden war. Eingeleitet wird diese Geschichte durch ein Gespräch, in dem Abraham mit Gott »verhandelt«, ob die Anzahl der Gerechten ausreiche, um eine Vernichtung der Städte zu verhindern.

Eine weitere Perle der Erzählkunst begegnet uns in Kap 22, der Geschichte vom Auftrag an Abraham, den endlich geborenen Sohn Isaak zu opfern. Die dramatische Beschreibung des Weges, den Vater und Sohn gemeinsam zurücklegen, um die Opferstätte zu erreichen, mündet in die Sätze:

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. (1. Mose 22,9-10)

Ein Engel Gottes verwehrt ihm, die Opferung auszuführen, weil Abraham seinen Gehorsam unter Beweis gestellt hat. Die Geschichte wird im Judentum die Geschichte von der Bindung Isaaks genannt und ist eine der wichtigsten Geschichten der Bibel, die den Gehorsam Abrahams zum Gegenstand hat.

Äußerst knapp wird von Isaak selbst berichtet, eigentlich nur in Kap 26. Auch hier bilden Überlieferungen aus dem Südland den Hintergrund. Die Erzählung von der Brautwerbung Isaaks führt aus dem verheißenen Land zurück an den Herkunftsort Abrahams. Aus der eigenen Sippe, die noch in Haran, im nördlichen Syrien, lebt, soll die Ehefrau kommen: Rebekka. Sie wird die Mutter der Söhne Esau und Jakob.

Breiteren Raum nimmt die Überlieferung von der dritten Generation ein: Im Vordergrund steht Jakob, der Vater der zwölf Söhne, die zu Repräsentanten der zwölf Stämme Israels werden. Von Jakob wird erzählt, dass er in einer geheimnisvollen nächtlichen Szene den Namen Israel erhält (Kap 32). Die Geschichte von Jakob beginnt mit einem Betrug an seinem Bruder Esau, der ihn auf die Flucht treibt und ihn wieder zurück nach Haran bringt. Berichtet wird von seinen je sieben Jahren Dienst um die beiden Frauen Lea und Rahel. Schließlich wird erzählt von seiner Rückkehr in die Heimat und von der Versöhnung mit seinem Bruder Esau. Es ist eine bewegende Geschichte von Jakob dem Betrüger und eine lange Geschichte von Sühne und Versöhnung.

In Kap 37; 39–50 folgt schließlich die lange, novellenartige Erzählung von Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wird und dort am Hofe des Pharao in die wichtigsten Positionen aufsteigt. Beschrieben wird weiter, wie Jakob mit seinen Söhnen angesichts einer Hungersnot nach Ägypten zu dem zu hohen Ehren gekommenen Josef gelangt. Es ist ausgesprochen lohnend und höchst aktuell, auch diese Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu lesen, welche Wege und Umwege zur Versöhnung gegangen werden müssen, ein halbes Menschenleben lang. Ganz lebensnah: Nach dem Tod Jakobs bricht die ganze Furcht der übrigen Brüder erneut auf. In diesem Konflikt geht es nicht allein um einzelne Personen und ihr Schicksal, denn in Josef und Juda sind zugleich die Vertreter wichtiger Stämme Israels zu sehen, die ihre Rivalitäten auszutragen hatten. Von daher ist der Traum des jungen Josef zu verstehen, in dem sich die Garben vor ihm ver­neigen, und die Frage der Brüder: Willst du unser König sein und über uns herrschen? (1. Mose 37,8) So hat diese Geschichte von Sühne und Ver­söhnung auch für den politischen Bereich einen aktuellen Bezug, für das Verhältnis von Völkern untereinander, vielleicht auch von Ost und West.

Zurück zur Übersicht der fünf Bücher Mose

http://m.die-bibel.de