Die »wörtliche«/philologische Übersetzung
Was man normalerweise als »wörtliche Übersetzung« bezeichnet, unterscheidet sich von der »wortwörtlichen« Interlinearversion durch folgende Verfahren:
- Die Wortfolge wird dem gebrauch der Zielsprache angepasst.
- Grammantische und syntaktische Konstruktionen, die die Zielsprache nicht kennt (wie z.B. das englische Gerundium, der lateinische Ablativus absolutur), werden durch Umschreibung wiedergegeben.
- Für ein und dasselbe Wort der Ausgangssprache werden je nach Zusammenhang
unterschiedliche Wörter der Zielsprache eingesetzt. Eine Übersetzung, die diese drei Verfahren anwendet, nennen wir philologische Übersetzung, weil sie den üblichen Übersetzungstyp der Philologen, d.h. der wissenschaftlichen Übersetzer, darstellt.
Das dritte der genannten Verfahren braucht eine Erläuterung. Sprachen sind keine mathematisch-logischen Gebilde, sondern gewachsene Formen, die jeweils ihre eigene Entwicklung haben. Deshalb deckt sich der Bedeutungsumfang von Wörtern in verschiedenen Sprachen (das jeweilige »Wortfeld«) nur in den wenigsten Fällen. Wer in einem Wörterbuch das englische Wort in aufschlägt, findet als Grundbedeutungen im Deutschen in, an, auf und darüber hinaus noch eine Vielzahl von weiteren, speziellen Bedeutungen. Das Entsprechende gilt für die gefüllteren und gewichtigeren Wörter, im Besonderen die tragenden »Begriffe«. Es ist bekannt, welche Schwierigkeiten Martin Luther hatte, den biblischen Begriff der Gerechtigkeit richtig zu verstehen, weil er Bedeutungskomponenten besitzt, die wir im Deutschen eher mit Treue oder Liebe wiedergeben würden.
Wenn eine philologische Übersetzung sich dafür entscheidet, die tragenden Begriffe in der Zielsprache stets mit ein und demselben Wort wiederzugeben, nennt man sie begriffskonkordant (Konkordanz = Zusammenklang, Übereinstimmung, nämlich zwischen entsprechenden Begriffen in den beiden Sprachen). In diesem Fall müssen die Leser darauf gefasst sein, dass das Wort der eigenen Sprache in der Übersetzung eine andere als die gewohnte Bedeutung hat; sie müssen die Wörter der eigenen Sprache wie Fremdwörter behandeln und ihren Sinn im jeweiligen Zusammenhang wie den Sinn eines fremdsprachlichen Wortes erst »lernen« (z.B. beim biblischen Wort »Fleisch«). Das gilt in geringerem Maß, wenn bei der Wiedergabe verschiedene Grundbedeutungen eines Wortes unterschieden werden (z.B. bei griechisch parakalein 1. ermahnen, 2. trösten); eine Übersetzung, die so verfährt, kann »eingeschränkt begriffskonkordant« genannt werden.
Mehr oder weniger gilt auch noch für die philologische Übersetzung, dass sie erklärungsbedürftig ist und von ihren Lesern fordert, dass sie sich in sie wie in einen fremden Text einlesen. Friedrich Schleiermacher hat Übersetzungen ganz allgemein in zwei Typen eingeteilt: solche, die den Text zum Leser hinbewegen, und solche, die es nötig machen, dass der Leser sich zum Text hinbewegt. Die philologische Übersetzung steht in der Mitte; wenn sie zusätzlich begriffskonkordant ist, verlangt sie eine größere Bewegung des Lesers oder Hörers auf den Originaltext zu.






