Die kommunikative Übersetzung
Nun gibt es eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen, die sich zum Ziel gesetzt haben, den Text so weit wie möglich zum Leser hinzubewegen. Sie tun nicht nur »das Nötigste«, damit ein Text nach Grammatik und Satzbau der Zielsprache angemessen ist; sie suchen in der Vermittlung des Textinhalts an die Leser oder Hörer »das Mögliche« auszuschöpfen.
Um der leichteren Verständlichkeit willen verzichten solche Übersetzungen auf den Versuch, die sprachliche Form des Originaltextes in der Übersetzung mehr oder weniger nachzuahmen. Statt formaler Entsprechung zwischen Original und Übersetzung streben sie vor allem die inhaltliche Übereinstimmung an. Der Sinn des Originaltextes soll so deutlich und verständlich wie möglich wiedergegeben werden, auch wenn die sprachliche Form der Wiedergabe mit der Sprachform des Originaltextes nichts mehr gemein hat.
Wo eine wörtliche Übersetzung etwa sagt: »Johannes der Täufer verkündete die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden« (Markus 1,4), heißt es dann sinnentsprechend und auf Anhieb verständlich: »Johannes sagte zu den Menschen: ›Lasst euch taufen und fangt ein neues Leben an, dann wird Gott euch eure Schuld vergeben!‹«
Die Information, die im Originaltext teils explizit, teils implizit enthalten ist, wird hier ausdrücklich und in voller Breite den Lesern/Hörern der Übersetzung vermittelt. Komprimierte Aussagen werden verdeutlichend aufgelöst; an die Stelle eines Einzelwortes oder einer Wortverbindung des Originaltextes kann in der Zielsprache ein ganzer Satz treten. Längere Zusammenhänge werden unter Umständen zur besseren Verständlichkeit in der Zielsprache neu aufgebaut (»umstrukturiert«).
Auf Begriffskonkordanz muss eine solche Übersetzung um der Verständlichkeit willen verzichten. Sie wird einen Begriff der Ausgangssprache durch unterschiedliche Begriffe oder Wendungen der Zielsprache wiedergeben, je nach der Bedeutung, die er im jeweiligen Zusammenhang hat. Statt begriffskonkordant zu sein, ist eine solche Übersetzung kontextorientiert: Ihr geht es weniger um Beziehungen, die durch einen bestimmten Begriff zwischen verschiedenen Texten (oft locker und willkürlich) hergestellt werden, sondern um die genaue Aussage innerhalb des jeweiligen Zusammenhangs (d.h. im »Kontext«).
Eine solche Übersetzung nennen wir kommunikativ, weil ihr alles an der Mitteilung des Sinnes, an der Kommunikation mit den Lesern oder Hörern als den Empfängern der Botschaft gelegen ist. Unter formalen Gesichtspunkten ist sie »frei«, aber unter inhaltlichen kann sie, wenn sie gelungen ist, so genau und zuverlässig sein wie nur je eine »wörtliche« Übersetzung. Sie kürzt lediglich für die Empfänger den Prozess des Verstehens ab, weil sie ihnen die Mühe erspart, die »Fremdsprache« des Textes erst zu entziffern und zu lernen.
Ihr Nachteil ist, dass die Empfänger einer solchen – sozusagen »vorgekauten«, sprachlich zubereiteten – Information den Prozess der Vermittlung nicht kontrollieren können (falls sie nicht den Originaltext oder eine wörtlichere Übersetzung zum Vergleich heranziehen). Eine mögliche Gefahr der kommunikativen Übersetzung ist auch, dass sie den Sinn eines Textes zu eindeutig festlegen will und dadurch gewisse »Untertöne« unhörbar, mögliche Nuancen oder Assoziationen ausgeschlossen werden. Dem steht bei der wörtlichen Übersetzung die Gefahr gegenüber, dass die Empfänger die ihnen unzugänglich bleibende Übersetzung gar nicht oder missverstehen. Der wörtliche Übersetzer schiebt das Risiko des Verstehens oder Missverstehens auf die Leser/Hörer bzw. Ausleger/Prediger ab.






