Die Textgrundlage für die Übersetzung der Apokryphen/Spätschriften
Eine besondere Gruppe bilden diejenigen alttestamentlichen Schriften, die fast ausschließlich in griechischer Sprache überliefert und in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) enthalten sind. Als die jüdischen Schriftgelehrten in Palästina um 100 n.Chr. den »Kanon« ihrer heiligen Schriften endgültig festlegten, wurden diese Schriften von ihnen nicht mit aufgenommen. Da jedoch die frühe Christenheit das Alte Testament in der griechischen Fassung der Septuaginta vom Judentum übernahm, gingen auch diese Schriften als selbstverständlicher Bestandteil in die Heilige Schrift der Christen ein. Allerdings wurde schon bald ihre Sonderstellung erkannt. Der Kirchenvater Origenes nannte sie als Erster »apokryphe« Schriften (das Wort bedeutet »verborgen, geheim«).
Der Begriff »Apokryphen« stiftet Verwirrung, weil er auch für Schriften verwendet wird, die niemals im Judentum bzw. in der Kirche kanonische Geltung erlangt haben (außerbiblische Apokryphen). Dazu zählen z.B. aus spätalttestamentlicher Zeit das 4. Buch Esra und das Henoch-Buch, aus neutestamentlicher Zeit das Thomas-Evangelium und die Paulus-Akten. Deutsche Ausgaben der ersten Gruppe sind: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel, übersetzt und erläutert von Paul Riessler, Kerle Verlag, Heidelberg (vergr.); Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit, hg. v. H. Lichtenberger u.a., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh (15 Bände in Lieferungen erscheinend); eine deutsche Ausgabe der zweiten Gruppe ist: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, hg. v. W. Schneemelcher, J.C.B. Mohr, Tübingen (2 Bände).
In der lateinischen Bibel (Vulgata) waren die innerbiblischen »Apokryphen« ähnlich wie schon in der Septuaginta über das ganze Alte Testament verteilt, und in dieser Anordnung finden sie sich auch heute noch in den katholischen Bibelausgaben. Für die katholische Kirche sind sie vollgültiger Bestandteil der Heiligen Schrift, werden aber wegen ihrer gesonderten Überlieferung als »Deuterokanonische Schriften« (Schriften des zweiten, d.h. des Septuaginta-Kanons) bezeichnet. Luther, der sie nicht in seinem hebräischen Bibeltext fand, stellte sie in einem Anhang zum Alten Testament zusammen.
Auf der Suche nach einem neutralen, nicht konfessionell belasteten Ausdruck für diese Schriftengruppe wurde der Begriff Spätschriften des Alten Testaments geprägt, der seit der »Bibel in heutigem Deutsch« von 1982 Verwendung findet. In interkonfessionellen Bibelausgaben werden diese Schriften wie in der Lutherbibel als eigener Teil vor dem Neuen Testament abgedruckt.
Der griechische Grundtext der Septuaginta wird im Rahmen der großen kritischen Göttinger Septuaginta-Ausgabe in Einzelbänden veröffentlicht. Daneben behält die kritische Handausgabe der Septuaginta von Alfred Rahlfs (1935) weiterhin ihre Bedeutung, obwohl in der Göttinger Ausgabe einzelne textkritische Entscheidungen anders gefällt werden. Der griechische Text des Alten Testaments ist gegenüber dem hebräischen Text der Masoreten weniger einheitlich. Manche Bücher, wie z.B. Tobit (Tobias) oder Daniel, sind in zwei z.T. stark abweichenden Fassungen überliefert. Der Übersetzer muss sich in einem solchen Fall entscheiden, welcher Textfassung er den Vorzug gibt.






