Aufgabe und Textgrundlage von Bibelübersetzungen
Die Aufgabe der Bibelübersetzung

»Traduttore traditore«, sagt der Italiener: Wer einen Text in eine andere Sprache übersetzt, der übt an ihm Verrat, auch wenn er sich noch so viel Mühe damit gibt. Das mag für technische und wissenschaftliche Texte oder reine Gebrauchsanweisungen übertrieben erscheinen; aber z.B. für Werke der Dichtkunst trifft es in hohem Grade zu. Homers Epen oder Shakespeares Dramen sind nur annäherungsweise und unter Verlust an sprachlicher und dichterischer Substanz in eine andere, etwa unsere deutsche Sprache, zu übertragen.
Gilt das auch für die Bibel? Sie ist kein Werk der Kunst, sondern das Medium einer Botschaft, die alle Menschen angeht. Aber diese Botschaft ist nicht ein zeitloses Wort, auf eine abstrakte Formel gebracht, die sich problemlos aus der Ursprache in beliebige andere Sprachen umsetzen (»konvertieren«) ließe. Die Botschaft erging ursprünglich an Menschen einer uns fern gerückten Zeit und Welt, und die Sprache, in der dies geschah, ist geprägt durch Lebensverhältnisse und Lebenserfahrungen, die in vieler Hinsicht nicht mehr die unsrigen sind. Wer die Bibel übersetzen – und in einer Übersetzung lesen – will, muss sich deshalb auf Sprachformen und Denkweisen einlassen, die uns fremd sind. Der historische, soziale und kulturelle Abstand zwischen der biblischen Welt und unserer Gegenwart macht das Übersetzen der Bibel zu einem Wagnis und einer stets neuen Herausforderung.
Die Textgrundlagen von Bibelübersetzungen
Es ist heute selbstverständlich, dass eine Bibelübersetzung aus den biblischen Originalsprachen angefertigt wird, also für das Alte Testament aus dem Hebräischen und teilweise Aramäischen, für die Spätschriften des Alten Testaments (Deuterokanonische Schriften/Apokryphen) und das Neue Testament aus dem Griechischen. Das gilt seit den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts auch für die katholischen Übersetzungen, die sich bis dahin weitgehend an der kirchenoffiziellen lateinischen Übersetzung (Vulgata) orientiert hatten. Für den Gebrauch in lateinischen Gottesdiensten und in Dokumenten der Kurie wurde in jüngster Zeit sogar die altehrwürdige Vulgata selbst überarbeitet und nach den hebräischen und griechischen Grundtexten korrigiert (Nova Vulgata 1979).
Aber mit der Entscheidung für die biblischen Originalsprachen ist noch nicht festgelegt, welche spezielle Textfassung für eine Übersetzung maßgebend ist. Die verschiedenen Einzelschriften, die in der Bibel enthalten sind, sind uns in keinem Fall in der Originalhandschrift ihres Verfassers überliefert. Die handschriftlichen Bibeltexte, die wir in großer Zahl besitzen, stammen aus späteren Jahrhunderten und weichen im Wortlaut vielfältig voneinander ab. Die biblische Textforschung hat sich die Aufgabe gestellt, mit wissenschaftlichen Methoden die besten Handschriften und von Fall zu Fall die besten »Lesarten« herauszufinden und einen biblischen Grundtext zu rekonstruieren, der dem Originaltext so nahe wie möglich kommt. (»Lesart« ist der von anderen Handschriften abweichende Wortlaut einer Bibelstelle in einer bestimmten Handschrift oder Handschriftengruppe. Sind z.B. an einer Stelle drei verschiedene Wortlaute überliefert, so gibt es von dieser Stelle drei »Lesarten«, von denen höchstens eine Anspruch auf Ursprünglichkeit erheben kann.)
Der Befund der handschriftlichen Überlieferungen ist für die verschiedenen Teile der Bibel unterschiedlich. Deshalb muss auch die Frage des Grundtextbezugs für jeden Teil der Bibel gesondert betrachtet werden:
- Textgrundlage des Alten Testaments
- Textgrundlage der Apokryphen/Spätschriften
- Textgrundlage des Neuen Testaments






