
Obwohl die Geburtsgeschichten des Matthäus und des Lukas grundverschieden sind, stimmen sie doch in einem entscheidenden Punkt überein: Sie gehen beide von einer jungfräulichen Empfängnis der Maria aus. Für das Verstehen der Weihnachtsbotschaft ist diese Aussage wohl die problematischste – aus heutiger Sicht.
Ähnlich wie im Blick auf die Osterbotschaft besteht das Problem der heutigen Sichtweise vor allem darin, dass man nur in Alternativen denken kann: Auf der einen Seite wird behauptet, man müsse an dem wörtlichen, und das bedeutet hier: am biologischen Sinn der Aussage festhalten. Die Alternative dazu ist, diese Haltung als naturwissenschaftlich unhaltbar anzusehen und deshalb die Aussagen der neutestamentlichen Texte überhaupt für irrelevant zu halten.
Beide Auffassungen gehen freilich von der falschen Voraussetzung aus, die neutestamentlichen Autoren hätten ihre Aussagen über die Jungfräulichkeit der Maria bei der Empfängnis Jesu im biologischen Sinne verstanden wissen wollen. Diese Sichtweise hat schon frühe Wurzeln und führt notwendigerweise zu falschen Konsequenzen: Entweder fundamentalistisch gegen alle Vernunft daran festzuhalten, weil es eben in der Bibel so steht, oder aber es aus vernünftigen Gründen als absurd hinzustellen. Doch sind beide Auffassungen den Texten und vor allem den Aussagen der Autoren und ihren Entstehungsbedingungen unangemessen.
Auch hier gilt: Die Texte müssen in ihrem Selbstanspruch wahrgenommen werden, als Zeugnisse eines Glaubens, der versucht, mit den literarischen Mitteln seiner Zeit die Bedeutung der Person Jesu für den Glauben und das Leben der Menschen zu vermitteln. Die theologische Gestaltungsabsicht spielt auch hier eine wesentliche Rolle. Vor der Beschreibung der erzählerischen Absicht hinsichtlich der Jungfrauengeburt müssen einige Voraussetzungen für das Verstehen zusammengefasst werden.
Als Erstes: In Matthäus 1,19 wird erwähnt, dass Josef die Maria verlassen wollte, um sie nicht in Schande zu bringen. Lukas bietet eine solche Überlegung des Josef nicht. Manche deuten dies als Hinweis darauf, Jesus sei unehelich gezeugt worden. Aber bei Matthäus hat diese Bemerkung eine rein literarische Funktion, nämlich den Traum Josefs und die Erklärung des Engels einzuleiten. Möglicherweise handelt es sich um die abwehrende Reaktion auf einen Vorwurf gegen die Herkunft Jesu, der von jüdischer Seite gegen die Christen erhoben wurde. Ähnliches erwähnt Matthäus auch im Blick auf das leere Grab in der Ostergeschichte: Man setzte das Gerücht in Umlauf, der Leichnam Christi sei gestohlen worden (Mt 28,12–15).
Zweitens: Sowohl Matthäus als auch Lukas versuchen in unterschiedlicher Weise, die Abstammung Jesu aus dem Davidsgeschlecht durch einen Stammbaum nachzuweisen. Beide Stammbäume lassen aber am Ende ein Problem erkennen: Josef stammt aus der davidischen Linie (Mt 1,20; Lk 3,23), und wenn auch Jesus Davidide sein sollte (vgl. Röm 1,3: »geboren aus dem Geschlecht Davids«), musste er legitimer Sohn Josefs sein. Das aber steht wiederum in deutlicher Spannung zu dem Interesse, Jesu Zeugung als von Gottes Geist gewirkt zu verstehen. Aus diesem Grunde erscheint die Notiz aus dem Stammbaum über die Geburt Jesu bei beiden Autoren wie eine umständliche Hilfskonstruktion. Matthäus formuliert (1,16): Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus. Lukas schreibt (3,23): Und Jesus war, als er auftrat, etwa dreißig Jahre alt und wurde gehalten für einen Sohn Josefs, der war ein Sohn Elis… Beide Evangelisten mussten von der geläufigen Formulierung der Genealogie abweichen, um der Vorstellung einer geistgewirkten Empfängnis gerecht zu werden.
Drittens: Texte aus allen vier neutestamentlichen Evangelien legen die Schlussfolgerung nahe, dass Menschen aus der nächsten Umgebung Jesu nichts von ungewöhnlichen Geburtsumständen wussten (Mt 13,55f.; vgl. Mk 6,3 in der ursprünglichen Fassung): Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles? Deutlicher noch in Lukas 4,22: Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich, dass solche Worte der Gnade aus seinem Munde kamen, und sprachen: Ist das nicht Josefs Sohn? Und schließlich Johannes 6,42: Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann: Ich bin vom Himmel gekommen? – Keiner dieser Texte weist darauf hin, dass Jesu Geburt und Herkunft außergewöhnlich gewesen wären. Damit stehen sie – vor allem bei Matthäus und Lukas – in Spannung zur wunderbaren Geschichte seiner göttlichen Geburt.
Viertens: Der theologisch für die Anfangszeit des Christentums prägende Theologe Paulus, von dem die ältesten schriftlichen Zeugnisse der christlichen Tradition stammen, erwähnt keine wunderbare Geburt Jesu. Er schreibt in seinem Brief an die Gemeinden von Galatien (Gal 4,4): Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan … Die Vokabel, die Paulus in seiner griechischen Sprache gebraucht, legt sogar nahe, dass er hier eine verheiratete Frau (griechisch: gynä) meint, keinesfalls eine »Jungfrau« (parthenos). Im Römerbrief (1,3*) spricht er von Jesus als Nachkommen Davids (»aus der Nachkommenschaft Davids«, griechisch: ek spermatos (!) david), der erst durch die Auferweckung zum Sohn Gottes eingesetzt wurde. Paulus kann einerseits von Jesus als dem Sohn Gottes reden, andererseits davon ausgehen, dass er wie jeder andere Mensch gezeugt und von einer Frau geboren wurde. Das rechte Verstehen der Bedeutung Jesu für den Glauben ist also durchaus möglich, ohne eine göttliche Zeugung im biologischen Sinne annehmen zu müssen.
Die Auffassung vom göttlichen Ursprung Jesu liegt auf einer anderen Ebene und hat keine historischen Gründe. Für die Herausbildung des christlichen Glaubens galt das Schicksal Jesu in seinem Tod und seiner Auferweckung als das Entscheidende, nicht seine Herkunft. Deshalb hat auch im Markusevangelium die Geburt Jesu keine theologische Bedeutung. Das Interesse, die Herkunft Jesu im göttlichen Handeln zu verankern, ist sekundär und entspricht späteren Tendenzen der Vervollständigung dieser »heiligen Biographie«.
Weshalb erzählen dann aber Matthäus und Lukas von einer »Jungfrauengeburt«? Matthäus zitiert – wie so oft – einen alttestamentlichen Text, den auch Lukas implizit voraussetzt (Jes 7,14; vgl. Mt 1,23): Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. Mit der Geburt Jesu erfüllte sich das Prophetenwort. Matthäus und Lukas lasen diesen Text in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, nicht in der hebräischen Urfassung. Im hebräischen Text ist zunächst neutral von einer »jungen Frau« die Rede: »eine junge Frau (hebräisch: alma) wird schwanger werden …« – das ist im Grunde noch nichts Besonderes. Obwohl das hebräische Wort alma bedeutungsoffen ist, wird hier wohl kaum eine »Jungfrau« gemeint sein, denn dafür hätte ein besonderes Wort zur Verfügung gestanden (betula). Erst die griechische Übersetzung macht aus dem unbestimmten einen bestimmten Begriff, indem sie »junge Frau« mit »Jungfrau« (parthenos) übersetzt. Immerhin hätte im Griechischen ein unbestimmteres Wort zur Verfügung gestanden (neanis), das von anderen Übersetzern auch verwendet wird. So gibt bereits die griechische Übersetzung des Alten Testaments eine Interpretation vor, auf die Matthäus und Lukas zurückgreifen können. Der hebräische Text von Jesaja 7,14 wäre dafür nicht geeignet gewesen.
Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Weihnachten - In diesem Band finden Sie alles Wissenswerte über die biblischen Hintergründe der vier wichtigsten christlichen Feste. Mit vielen Fotos, Landkarten und...